Bieler Fototage 2010: Wider die Vereinheitlichung

Die Bieler Fototage stehen 2010 unter dem Stichwort „Kollateral“. Es werden Fotografen ausgestellt, die der Vereinheitlichung der Bilder widerstehen wollen.


© Olivier Culmann, Autour, 2001-2002

Die Bieler Fototage noch bis zum 26. September vereinen an unterschiedlichen Orten der Stadt insgesamt 21 Ausstellungen. Das Adjektiv „kollateral“ steht für die gleiche Herkunft, für nebeneinander und parallel oder auch indirekt.

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Die Bieler Fototage wollen Arbeiten zeigen, die aus der allgemeinen Bilderflut herausragen.

Mit dem Boom von Flickr, YouTube und anderer Internetportale wurde diese Bilderflut immer größer. Die Informationsgesellschaft bietet eine Vervielfältigung der Bildübertragungsmöglichkeiten. Gleichzeitig fand eine Vereinheitlichung des Blickwinkels und des Dargestellten statt, so teilen die Veranstalter mit.

Das bekannteste Beispiel dafür seien wohl die Bilder rund um die Ereignisse des 11. September in New York. Zweifellos handelt es sich um das meistfotografierte Ereignis in der Geschichte des Fotojournalismus und dennoch wird es medial recht einseitig behandelt. Diese Einförmigkeit – eine Folge der Entwicklung der Medien und auch des Marktmonopols einiger weniger Agenturen – geht einher mit dem Gefühl, alles schon mal gesehen zu haben.

Die 21 Fotografinnen und Fotografen und ihre Arbeiten – wie von den Veranstaltern vorgestellt:

In In Case it Rains in Heaven interessiert sich Kurt Tong für Bestattungsrituale in China. Er zeigt nicht betroffene Personen, sondern Papierobjekte, die während der Beisetzung verbrannt werden. Pawel Jaszczuk zeigt mit Salaryman die Konsequenzen der japanischen Arbeitsbedingungen: In Anzug und Krawatte gekleidete Kadermitarbeiter nahe dem äthylischen Koma schwanken durch die nächtlichen Straßen.

Die Fotografin Emmanuelle Bayart nimmt sich der mexikanischen Kultur an und veranschaulicht sie durch Szenen aus der U-Bahn in Mexico City: Die Wandmalereien mit kulturellen Referenzen in der U-Bahn spiegeln zeitlich und räumlich verschoben das Leben ausserhalb (Dans le labyrinthe du métro, Mexico und Ode au métro de Mexico). Die Serie Peints à la main zeigt eine Sammlung der Schilder, welche die Fotografin auf den Straßen gefunden hat. Olivier Culmanns Serie Autour zeigt eine andere Sicht des 9 /11, in der nicht das Ereignis selbst, sondern dessen Betrachter im Zentrum stehen. Der Fotograf dreht dem Drama den Rücken zu und veranschaulicht es umso deutlicher in den Gesichtern.

Nina Berman widmet in Homeland ihre Aufmerksamkeit der Verunsicherung und der Militarisierung des amerikanischen Alltags seit dem 11. September 2001. Die Serie Greenland von Alban Kakulya ist einer neulich in Erscheinung getretenen touristischen Kuriosität gewidmet: In Grönland – einem der letzten unberührten Gebiete unseres Planeten – sind die Folgen der Klimaerwärmung sichtbar geworden. Zudem wird das Land von der Ausbeutung der Öllager bedroht.

In seinen Fotomontagen beschäftigt sich das collectif_fact (Annelore Schneider & Claude Piguet, mit Swann Thommen) mit der Urbanität und der Wohnungsknappheit, indem es Genfer Hochhäuser in einstöckige Villen der Vorstadt verwandelt (DOWNtown). Steeve Iuncker befasst sich mit Bosnien-Herzegowina nach dem Krieg und zeigt die lange Belagerung Sarajevos unter dem Blickwinkel der Abrüstung (Sarajevo (Bosnien-Herzegowina).

Matthias Willi zeigt in The Moment after the Show bekannte Rockstars unmittelbar nach ihrem Auftritt, schwitzend und erschöpft, welche dennoch in diesem intimen, ehrlichen Moment mehr als sonst zu posieren scheinen. Thomas Rousset erschafft in Prabérians eine fiktive ländliche Gemeinschaft, verloren in Zeit und Raum, zwischen Normalität und Überschwänglichkeit.

Sophie Brasey wirft in der Serie Made of Stone einen ungewöhnlichen Blick auf Kinder: die Porträts, in denen Grautöne vorherrschen, zeigen Kinder mal als nachdenkliche Erwachsene, mal ernsthaft, beunruhigt oder anklagend. Alexander Jaquemet montiert in seiner Serie RC 35MHz eine Kamera an ein ferngesteuertes Flugzeug und bietet eine visuelle Erfahrung besonderer Art. Losgelöst vom Auge des Fotografen, liefert die Kamera Bilder einer Landschaft von oben.

Maria Trofimovas Fotoapparat liegt hingegen in der unmittelbaren Nähe des Objektes und am Boden. Inmitten eines Rudels verwilderter Hunde liefert die Kamera ungewöhnliche Ansichten (La Horde). Mit der Arbeit Landmarks von Dana Popa können wir vom Standpunkt einer blinden Person aus nachvollziehen, welche taktilen Anhaltspunkte die Stadt zur Orientierung bietet.

Claude Baechtolds Illustrationen in seinem Führer Switzerland versus the World zeigen eine andere Art und Weise, touristische Kuriositäten zu fotografieren. Dem Beispiel anderer Führer aus der Serie Baechtold’s Best folgend, spielt der Fotograf humorvoll mit Klischees. Bilder touristischer Orte, zusammengesetzt durch Überlagerung zahlreicher Aufnahmen aus dem Internet, die alle den gleichen Blickwinkel haben, bilden die Serie Photo Opportunities von Corinne Vionnet.

Auch Judith Stadler bedient sich der Bilder aus dem Internet. Sie sucht dort nach Brautkleidern, die zum Kauf angeboten werden. Die Anonymisierung der Gesichter stellt vielleicht die enttäuschten Erwartungen dar (Fast neu – nur einmal getragen). In Stefanie Beckers Arbeiten vergrößern sich die Blickwinkel auf das gleiche Objekt durch Vermischen von eigenen Fotografien mit jenen von Freunden oder gefundenen. Hier dienen Tiere als Ausgangspunkt für formelle Assoziationen (Und die Tiere… (knister, stink) – extended version).

Die Serie Lieux d’énergie von Luca Zanier zeigt Kern-, Elektrizitätswerke und Raffinerien von innen, enthüllt die Ästhetik dieser verschlossenen und unzugänglichen Orte, in denen die Energie für unseren Alltag produziert wird. Die Arbeit Deposit von Yann Mingard verfolgt Spuren des pflanzengenetischen Erbes am Svalbard Global Seed Vault auf der norwegischen Insel Spitzbergen, am Laboratory of Tropical Crop Improvement in Leuven in Belgien und im Agroscope in Changins in der Schweiz. Toreros Maya von François Schaer führt uns hinter die Kulissen des chaotischen und gleichzeitig festlichen Universums einer Corrida: das Warten, die Vorbereitungen der Toreros, die spannenden Momente vor dem Einlauf des Stiers.

Noch viel mehr Infos zu den Fotografinnen und Fotografen, die Bilder und alle Ausstellungsorte finden wir auf der Website der Bieler Fototage 2010.

Bieler Fototage 2010
Bis 26. September
Empfang und Ticketverkauf PhotoforumPasquArt, Seevorstadt 71 und Alte Krone, Obergasse 1, CH-2501 Biel/Bienne
+41 (0) 32 322 42 45, info@jouph.ch
Geöffnet Mittwoch bis Freitag 14 – 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen

Bieler Fototage 2010

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