Stephen Shore und Düsseldorf: Die Geschichte vom roten Bulli

Stephen Shore und die Düsseldorfer Schule der Bechers – das hängt näher zusammen als gedacht. Nicht nur im Fall des roten Bulli.

Stephen Shore: Church Street and Second Street, Easton, Pennsylvania, June 20, 1974, (c) Stephen Shore, Courtesy 303 Gallery New York

Eine große Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum zeigt diese Zusammenhänge auf. Ausgestellt sind neben Stephen Shore die Bilder von Bernd und Hilla Becher (Affiliate-Links) und deren Schüler aus ihren Düsseldorfer Klassen.

Ja, und zu diesen Schülern gehören heute so klangvolle Fotografen-Namen wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Struth, Axel Hütte oder Elger Esser (Affiliate-Links).

Viele nicht ganz so berühmt gewordene Fotografinnen und Fotografen sind ebenfalls in dieser Ausstellung zu sehen: Tata Ronkholz, Miles Coolidge, Martin Rosswog, Claus Goedicke, Simone Nieweg, Stefan Schneider, Kris Scholz, Wendelin Bottländer, Boris Becker, Bernhard Fuchs, Laurenz Berges, Andi Brenner, Volker Döhne, Claudia Fährenkemper und Matthias Koch.

Bernd und Hilla Becher: Collage (Wassertürme / Watertowers), 1967, Courtesy Jack Kirkland Collection, London

Stephen Shore sagte über seine Beziehung zur Düsseldorfer Schule:

„Mir scheint, dass die jüngere Künstlergeneration gerade in Deutschland eine Sicht verfolgt, die meiner verwandt ist. Die Arbeit von Bernd und Hilla Becher, mit denen ich seit langem befreundet bin, hat dieser Art von ‚Straight Photography‘ den Weg geebnet.“

Die Freundschaft zwischen Shore und den Bechers nimmt im Jahre 1973 in New York ihren Anfang. Dort lernt der gerade 26-jährige Stephen Shore Hilla Becher kennen, deren Bilddokumentation von Wassertürmen, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Bernd Becher erstellt hat, im Vorjahr in der renommierten Galerie von Illeana Sonnabend gezeigt wurde. Zwei Jahre danach werden Stephen Shore (als einziger Farbfotograf) und das Ehepaar Becher (als einzige europäischen Vertreter) in der legendären Gruppenausstellung New Topographics präsentiert.

Stephen Shore zeigte hier erstmals sein Bild eines roten Volkswagen-Bullis, das er im Juni 1974 an einer Straßenkreuzung in Easton, Pennsylvania, aufgenommen hatte. Für ihn bedeutete das Schlüsselbild nicht nur eine Hommage an den großen Fotografen Walker Evans (Affiliate-Link). Es handelte sich auch um eine regelrechte Initiativzündung, die ihn dazu bewegt hat, künftig mit der Großformatfotografie zu arbeiten.

Aber die Ausstellung im NRW-Forum heißt nicht nur deshalb: der rote Bulli. Die Geschichte geht noch weiter: Bernd und Hilla Becher erwarben 1980 ausgerechnet einen Abzug dieses Fotos. Über Jahrzehnte ist das Fotografenpaar schließlich in genau einem solchen Vehikel unterwegs gewesen, um Industrieanlagen oder Wassertürme zu dokumentieren. Bis zum Tod von Bernd Becher im Jahre 2007 tat ein solches Gefährt weiter seinen Dienst.

Stephen Shore: Ginger Shore, Causeway Inn, Tampa, Florida, November 17, 1977, Courtesy Stephen Shore/Aperture Foundation

Mit Stephen Shore steht eine Schlüsselfigur der amerikanischen New Color Photography im Zentrum der Ausstellung. Mit 17 Jahren gelangte der gebürtige New Yorker in Andy Warhols Factory und dokumentiert dort das Treiben um den legendären Pop-Art-Künstler. Ab Mitte der Siebzigerjahre begab sich Shore auf mehrere Reisen durch die Vereinigten Staaten und erstellte seine Dokumentation des „American Life“. Für Shore offenbarte sich das Moment der Farbe als ein künstlerisch eigenständiges Bildelement. Für die Fotografie allerdings, die damals von einer marktschreierischen Buntheit in den Werbe- und Printmedien beherrscht wird, kam dieser künstlerische Impuls, den zeitgleich auch sein Landsmann William Eggleston antrieb, einer Revolution gleich.

Auch dank der Unterstützung durch Bernd Becher wurden die Farbserien von Stephen Shore seit Mitte der Siebzigerjahre verstärkt in Europa und insbesondere in Deutschland wahrgenommen. Auf der Documenta 6 (1977) waren Aufnahmen der Uncommon Places-Serie, die aus dem Besitz von Bernd Becher stammen, ebenso vertreten wie auf der Fotofachmesse Photokina (1978, 1980). Früh strahlten die Arbeiten der US-amerikanischen New Color Photography auch auf die von Bernd Becher geleitete Fotoklasse an der Kunstakademie in Düsseldorf aus, die 1976 eingerichtet wurde.

Candida Höfer: Aus der Serie Türken in Deutschland, 1979, (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Bereits in frühen Arbeiten von Candida Höfer, Thomas Ruff, Volker Döhne, Tata Ronkholz, Thomas Struth und Axel Hütte drückte sich ein Bedürfnis der Studierenden aus, die präzisen Vorgaben des Becherschen Anspruchs mit Aspekten der New Color zu erweitern. Neben dem bewussten Einsatz von Farbe (Thomas Ruff, Candida Höfer) und ähnlichen Motiven – etwa die Straßenszenerien (Volker Döhne, Thomas Struth) – spiegelte sich dieser Drang in der Präferenz für Themen der Konsum- und Alltagskultur und atmosphärische Realitäten innerhalb der Fotografie (Tata Ronkholz, Axel Hütte).

In der Folgegeneration der Achtzigerjahre Jahre dienten verstärkt Sally Eauclaires Monografie The New Color Photography (1981) und Stephen Shores Fotoband Uncommon Places (1982) als Inspirationsquelle. Die Ausstellung stellt dieses vor in den Arbeiten von Wendelin Bottländer, Andreas Gursky, Andi Brenner, Martin Rosswog, Kris Scholz, Simone Nieweg und Boris Becker. Noch in den Neunzigerjahren lässt sich der Einfluss von Stephen Shore im Frühwerk von Claus Goedicke, Claudia Fährenkemper, Laurenz Berges, Elger Esser, Stefan Schneider und Bernhard Fuchs nachweisen. Auch ihre Farbaufnahmen verdeutlichen mit Nachdruck, dass die Methodik der Becherklasse zwar einer weitgehend malerischen Kunstauffassung folgt, die Motivwahl jedoch weiterhin stark von der New Color beeinflusst ist.

Kris Scholz: Tankstelle, Düsseldorf, 1984, (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Persönlich kam Stephen Shore erst zu Beginn des Jahres 1995 auf Einladung von Bernd Becher erstmals als Gast an die Kunstakademie Düsseldorf. Er sprach dort zu den Studierenden der Fotoklasse und sichtete deren Portfoliomappen. Jetzt, zur Eröffnung der Ausstellung, erhielt er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie DGPh.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog: Der Rote Bulli. Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie / Stephen Shore and the new Düsseldorf Photography, herausgegeben von Werner Lippert und Christoph Schaden. Den gibt’s beim Verlag Schaden.com. Auf fokussiert.com haben wir mehrfach über Stephen Shore und die New Color geschrieben, zum Beispiel: Neue Farbe für das Land. Das NRW-Forum bietet einen Audio-Guide zur Ausstellung wahlweise als Podcast und als App fürs iPhone an.

Der Rote Bulli – Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie
Bis 16. Januar 2011
NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Ehrenhof 2, D-40479 Düsseldorf
+49 (0)211 8926690, info@projects.ag
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 20 Uhr, Freitag 11 – 24 Uhr

Die Bechers bei Wiki
Stephen Shore bei Wiki

NRW-Forum Düsseldorf

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