Liselotte Strelow: Gesichter der jungen Bundesrepublik

Liselotte Strelow fotografierte die führenden Persönlichkeiten der jungen Bundesrepublik Deutschland. So gab sie den Jahren von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder ein prägendes Gesicht.

Liselotte Strelow: Marlene Dietrich, 1960, © VG Bild-Kunst, Bonn / LVR-LandesMuseum Bonn

Kaum ein Prominenter in Politik, Wirtschaft und Kultur, welcher „der Strelow“ nicht Porträt gesessen wäre. Im Berliner Willy-Brandt-Haus erinnert eine Ausstellung an die Fotografin, die nun 102 Jahre alt geworden wäre.

Liselotte Strelow porträtierte den ersten Bundeskanzler der neuen Republik, Konrad Adenauer. Die berühmte Briefmarke mit dem Profil von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, ist nach einer Vorlage aus ihrer Kamera entworfen worden. Aber auch prominente Schriftsteller, Maler, Musiker, Schauspieler und Architekten Ingeborg Bachmann, Joseph Beuys, Jean Cocteau, Salvador Dali, Marlene Dietrich, Hermann Hesse und Helene Weigel setzten sich vor ihre Kamera.

Liselotte Strelow: Joseph Beuys, 1967, © VG Bild-Kunst, Bonn / LVR-LandesMuseum Bonn

Es waren Jahre zunächst des materiellen Elends und der kulturellen Blüte. Liselotte Strelow erarbeitete sich In den Nachkriegsjahren die formalen Schemata für ihre Porträts, die sie fortan variierte: Solche wie die ungewöhnlich oft verwendete Profilansicht, die leichte Sicht von unten, eine Vorliebe für Kopfbilder und Büsten, die scharfe Ausleuchtung oder die Akzentuierung der Kontur. Liselotte Strelow schuf in ihrer Galerie der prominenten Köpfe damit so etwas wie einen Persönlichkeitstyp der Nachkriegsjahre.

Liselotte Strelow: Hildegard Knef, 1963, © VG Bild-Kunst, Bonn / Gesellschaft Photo Archiv e.V., Bonn

Welche ästhetischen Maßstäbe musste eine fotografische Aufnahme erfüllen, um als gelungenes Strelow-Bild auch von der Autorin akzeptiert zu werden? In einem Brief, vom 10. Juli 1977, versandt im Zuge der Vorbereitungen zur ersten Retrospektive ihres fotografischen Werkes, erklärt Liselotte Strelow:

„In erster Linie interessiert mich am Porträt der Gesichtsausdruck, ich möchte, dass mein Modell tief in sich ‚eingestiegen‘ ist. … Psyche, Charakter, Anlagen, man soll bei meinen Bildern vieles wissen, über einen Menschen. Nichtobjektiv, subjektiv! Ich finde subjektive Porträts interessanter als objektive. Und ich bin subjektiv! So ‚übertrage‘ ich mich auch!“

Liselotte Strelow: Günter Grass, 1963, © VG Bild-Kunst, Bonn / Gesellschaft Photo Archiv e.V., Bonn

Wie unterschiedlich die stilistischen Varianten der einzelnen Bilder auch sind, sie bezeugen den Willen der Fotografin zur Form und zur klaren Bildstruktur. Die Mittel der Regie und die Techniken des Labors dienen je nach Erfordernis gleichermaßen dem Zweck, für einen Ausdruck zu sorgen, in dem sich Subjektives und Kollektives, Prägnantes und Typisches, Nähe und Ferne mischen.

Bekannt wurde Liselotte Strelow schon in den Vierzigerjahren mit ihrer Theaterfotografie. Sie hatte sich auf eine bis dato ungewöhnliche Art der Theaterfotografie verlegt: der Life-Aufnahme. Zwar war es technisch möglich, in den meist dunklen Szenenbildern der Bühnen ohne Blitzlicht zu fotografieren, da lichtempfindliche Filme und lichtstarke Optiken damals bereits verfügbar waren. Doch das Klicken der auslösenden Kameras konnte bei Proben die Konzentration der Darsteller empfindlich stören. Deshalb war zum Beispiel Gustaf Gründgens strikt gegen Aufnahmen bei laufenden Proben. Dennoch: In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren es Strelows Bilder, die Gustav Gründgens‘ Ruhm als Schauspieler nachhaltig gefördert haben.

Liselotte Strelow: Helene Weigel, 1950, © VG Bild-Kunst, Bonn / Gesellschaft Photo Archiv e.V., Bonn

Bis in die Siebzigerjahre arbeitete Liselotte Strelow als Fotografin. 1981 ist sie in Hamburg gestorben. Die Berliner Werkschau mit über 200 Originalabzügen gliedert sich in einen Porträt- und einen Theaterteil und wird durch weitere Fotografien und Objekte ergänzt. Über die Fotografin gibt es einen ausführlichen Bildband – Liselotte Strelow: Retrospektive 1908-1981 (Affiliate-Link), der im Hatje Cantz-Verlag erschienen ist.

Liselotte Strelow Retrospektive 1908 – 1981
Bis 20. Oktober
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V., Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, D-10963 Berlin
+49 (0) 30 – 259 93 787, info@vbb-wbh.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 12 – 18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich

Liselotte Strelow bei Wikipedia
Willy-Brandt-Haus Berlin

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