Herbstwaldfoto: Mit den Linien arbeiten

Der bunte Herbstwald ist ein dankbares Motiv – noch dazu, wenn Nebelschwaden in den Wipfeln hängen. Eine spannende Linienführung ist aber gerade bei gleichförmigen Motiven unabdingbar.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stefan Christmann).

Kommentar des Fotografen:

Ort der Aufnahme: Trier, Weisshauswald. In der Nähe ist ein Wildgehege und morgens um diese Zeit alles ruhig. Bei leichtem Nieselregen musste ich mich mit der Aufnahme etwas beeilen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Stefan Christmann:

Ein durch herbstliche Laubbäume bunt gefärbter Herbstwald ist in diesem leicht horizontal beschnittenen Bild zu sehen. In den obersten Wipfeln des ansteigenden Waldhangs hängt etwas Nebel, nach rechts und links laufen Kreten direkt in die oberen Bildecken.

Knallbunter Herbstwald – was kann man denn da mit einer Farbfotografie falsch machen? Nun, eigentlich vieles, um nicht zu sagen mehr als bei einem freistehenden, spannenden Objekt.

Denn der Wald an sich ist bunt und dadurch ansprechend und ein Motiv – aber noch keine Komposition.

Dazu bietet er die Mittel, wenn er stellenweise nebelverhangen ist, wenn Täler und ganze Flächen bestimmter Farben die gleichförmige Oberfläche zerreissen, wenn die Formen der Landschaft aus der Ebene der Baumwipfel eine plastische Figur modellieren.

All diese Bedingungen waren hier in deinem Motiv grundsätzlich erfüllt. Trotzdem haut einen das Bild nicht um. Es zieht mich auch nicht wirklich in den Wald hinein.

Das Problem ist die Linienführung. Zwar hat „Dein“ Wald einiges an spannenden Unregelmässigkeiten aufzuweisen, aber sie verlaufen in wenig ansprechender Art durch Dein Bild.

Ich habe versucht, eine simple Analyse zu zeichnen – die „Linienskizze“, von der manche Fotografieleherer sagen, dass man sie als Anfänger vor jeder (Landschafts-) Aufnahme kurz auf Papier entwerfen solle. Wenn Du das tust, erkennst Du schnell, welche Linienverläufe für Spannung sorgen und welche ihre Wirkung verfehlen.

Linien-Skizze

In Deiner Aufnahme gibt es zwei dominante Diagonale, die parallel in flachem Winkel verlaufen, und nur einige Linien dazwischen, die irgendwie falsch zu liegen scheinen – was sich schnell ändern dürfte, wenn Du sie in den goldenen Schnitt oder einen Bilddrittel verschieben könntest.

Weiter hast Du die Schnittstelle von Himmel und Waldrand am oberen Bildrand auf beiden Seiten genau in die Ecke gelegt – was auf den ersten Blick nahe liegt, in der Gesamtansicht aber fast immer einem Bild die Spannung raubt. Genau dort sollten sie nicht hin laufen.

Grundsätzlich kannst Du davon ausgehen, dass die Blicke der Bildbetrachter den dominanten Linien in Deiner Komposition folgen werden. Was Du versuchen solltest, ist diese Linien so zu arrangieren, dass die in einem natürliche Fluss durch das Bild führen und Entdeckungen erlauben – einem kleinen Tal entlang aus dem Bildvordergrund in den Hintergrund hinein oder umgekehrt, zu einem besonders augenfälligen Muster an bunten Bäumen, und so weiter.

In diesem Bild indessen sehen wir als erstes einen Hügelzug im Vordergrund des Waldstücks, der sich von links bis fast ganz nach rechts durch das Bild schiebt und von den beiden Diagonalen gerahmt wird. Das ist der dominante Körper in diesem Gefüge, aber es gibt an ihm nicht viel zu entdecken – er ist vielmehr das langweiligste Teilstück des gezeigten Waldes.

Der spannendste Teil des Bildes liegt im letzten Viertel rechts in einem kleinen Tal, in dem in der oberen Hälfte noch etwas vom herabsinkenden Nebel zu erkennen ist. Dort läge, wenn man nur den Ausschnitt des Bildes zur Verfügung hat, meiner Ansicht nach die beste Chance auf ein spannendes Bild – das wahrscheinlich hochkant geschnitten wäre.

Zur Kompositionslehre gibt Michael Freeman in seinem Buch „Der fotografische Blick: Bildkomposition und Gestaltung“ (Affiliate-Link) – einen hervorragenden Abriss der Bildgestaltung mit Linien und Flächen. Auf den ersten Blick eine trockene Materie, wäre dies das Buch, das man den meisten Fotografen in die Finger drücken sollte, weil es in wenigen Beispielen klar macht, von welch grundlegender Bedeutung die Linienführung, die Aufteilung und die bewusste Gestaltung des Bildes innerhalb des Rahmens ist. Leider scheint die deutsche Übersetzung des Buches nicht sehr geglückt, um nicht zu sagen lieblos – ich empfehle deswegen die Lektüre auf Englisch „Photographer’s Eye: Composition and Design for Better Digital Photos“ (Affiliate-Link).

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Matthias sagte:

    Das Bild spricht mich nicht an, es fehlt ein Blickfang. Für mich scheint es ein Schnappschuss zu sein, der in der Eile aufgenommen wurde. Eine Verbindung zum Wildgehege kann ich nciht herstellen.

    Antworten

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