Industrielandschaft: Genre und Technik

Gute Bildideen werden meist noch besser, wenn man sich ausführlich mit ihnen auseinandersetzt, experimentiert und klare Entscheide fällt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marcel Dykiert).

Kommentar des Fotografen: Die Aufnahme entstand in Ferropolis, einem äußerst fotogenen Maschinenpark, den man vor den Toren Berlins besichtigen kann. Der kleine Pacman Geist setzt die riesigen Maschinen in das richtige Licht und wird durch die Dimensionen selbst zum Opfer …

Peter Sennhauser meint zum Bild von Marcel Dykiert:

Ein weisses, verpixeltes Pacman-Emblem klebt an einer dunkelgrünen, leicht verwitterten Wand oder einem Maschinengehäuse in der rechten Hälfte dieses Bildes. Im unscharfen Hintergrund links ist eine schwere Tagbergbau-Maschine erkennbar, am linken Bildrand ragen dünne Äste vielleicht von einer Birke ins Bild.

Die gestalterische Arbeit mit der Schärfentiefe ist eine faszinierende Sache, vor allem, wenn man erstmals ein lichtstarkes Objektiv in die Finger kriegt und erkennt, was einem mit den weitaus billigeren (Zoom-) Objektiven entgangen ist.

Du hast hier im abendlichen Dämmerlicht mit Blende 2.8 im Maschinenpark gearbeitet und dabei ein Detail mit selektiver Schärfentiefe herausgearbeitet:

Aber obwohl das Bild inhaltlich viele Assoziationen und Interpretationen zulässt, funktioniert es als ganzes nicht so richtig.

Das liegt, einmal mehr, an der Unentschlossenheit der Aufnahme. Ich kenne das Problem, wie ebenfalls mehrfach festgehalten, nur zu gut, und es tritt vor allem in „äußerst fotogenen“ Umgebungen auf, in denen einem die Motive nur so ins Auge springen.

Zum Problem wird dabei meistens, dass man sich nicht mehr entscheiden kann und gleich alles, was es zu sehen gibt, in ein einziges Bild packen möchte. Das Resultat ist in der Regel eine überfrachtete Komposition, die zu viele Akzente setzen will und am Schluss daran scheitert, dass die sich gegenseitig aufheben.

Vielfach lässt sich das erkennen, wenn Du noch während dem Blick durch den Sucher eine Kategorisierung des Bildes vorzunehmen versuchst. Ist es eine Industrielandschafts-Fotografie? Eine Abstraktion? Eine momentane Detailszene, die man als Strassenfotografie klassifizieren könnte? Wenn es Dir nicht gelingt, eine einigermassen passende Klassifizierung vorzunehmen, mischt das Bild wahrscheinlich zu viele Absichten.

Das soll nicht heissen, dass es keine hervorragende Fotografie gibt, die sich keinem klassischen Genre zuordnen lässt. Aber für Fotografen, die am Anfang ihrer Stilfindung stehen, ist etwas Anlehnung an einfache Prinzipien und Eselsbrücken meistens sehr effizient.

Nehmen wir hier zwei Dinge, die auffallen und sich widersprechen: Die selektive Schärfentiefe ist ein Merkmal der Strassen- und Momentfotografie, die einen Augenblick, eine kleine Szene oder ein Detail herausheben und betonen will. Der grosszügige Ausschnitt des Hintergrunds im Weitwinkel und der Einbezug der ganzen Maschine sowie grosser Teile des Kastens im Vordergrund ist eher eine kompositorische Eigenschaft einer Landschaftsaufnahme, die Raum bieten soll.

Für ersteres ist mir der Kontrast zwischen der Maschine im Hintergrund und dem Pacman zu wenig stark herausgearbeitet: Ein Ausschnitt, der sich auf diese Objekte beschränkte, würde die beiden Dinge ein eine unumgehbare Beziehung zueinander setzen.

Eine durchgehend scharfe, etwas stärker abgewinkelte und weitaus mehr von der Maschine im Hintergrund zeigende Komposition würde den Pacman zu einem Detail in einem begehbaren Bild (einer Landschaft) machen, in dem er aber nicht mehr Hauptmotiv, sondern eine Etappe in der Linienführung wäre und entsprechend inszeniert werden müsste.

Deine Aufnahme liegt ziemlich genau zwischen diesen beiden Dingen und lässt mich als Betrachter deswegen etwas ratlos.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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