Markus Klingenhäger/Christin Krause: Die Ureinwohner Nordamerikas

„Sitting Bull“ und „Wounded Knee“ – da sehen wir stolze Bilder im Kopf. Markus Klingenhäger hat die heutige Situation der Ureinwohner Nordamerikas untersucht.

Markus Klingenhäger – Holy Rock, aus: DarkWhite

Die „Native Americans“ leben zwischen den Kulturen. Markus Klingenhägers Fotoserie zeichnet ein differenziertes Bild der Indianer jenseits von Klischee und Romantik, aktuell im Berliner C/O zu sehen.

Prärie, Federschmuck, Friedenspfeife – solche Vorstellungen prägen tatsächlich immer noch das Bild vom „wilden Indianer“. Markus Klingenhäger hat sich bei dem Lakota-Stamm in der Pine Ridge Indian Reservation auf die Suche nach der Schnittmenge von indianischer Tradition und der Lebensweise des weißen Amerika begeben. Und fand andere, aktuelle und differenzierte Bilder: Neben der größten Armut, der Entwurzelung und dem Kampf um Anerkennung stehen auch der Stolz und die Würde.

in der Pine-Ridge Indian Reservation lag die Arbeitslosenquote zuweilen bei 85 Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 44 Jahren, so die Informationen des C/O. 31 Prozent dieser Minderheit leben heute unter der Armutsgrenze. Alle Indianer-Reservate sind von Bundesmitteln abhängig. Die Lakota konnten jedoch in den letzten 25 Jahren ihre soziale Autonomie unter Rückbeziehung auf ihre kulturellen Traditionen zurückerobern.

Markus Klingenhäger - Wendy, aus: DarkWhite

Markus Klingenhäger gliedert seine Serie namens „DarkWhite“ in zwei Teile – die Porträts einerseits, die (legendären) Landschaften andererseits. Die Porträts inszeniert er und will damit auf den Fotografen Edward S. Curtis zurückgreifen. Der hatte vor gut hundert Jahren mit seinem umfassenden Werk ein archaisches Bild der Indianer gefestigt.

Demgegenüber stehen ruhige Landschafts- und Architekturaufnahmen, die in der klassichen Tradition der Dokumentation aufgenommen sind. Sie zeigen mit nüchternem Blick Plätze und Orte, die als Synonym für die jahrhundertelange Unterdrückung der Indianer stehen. Verweise auf die vernichtende Schlacht am Wounded Knee oder das Nationalmonument Mount Rushmore sind hier zu finden. Mount Rushmore ist unter Missachtung der vertraglich zugesicherten Landrechte durch die US-Regierung auf geheiligtem indianischen Grund errichtet worden.

Markus Klingenhäger – Fahne, aus: DarkWhite

Markus Klingenhäger, Jahrgang 1976, steht am Beginn seiner Fotografienkarriere. Deshalb wird seine Serie in der Reihe „Talents“ des Berliner C/O gezeigt. Zu den „Talents“ gehört immer ein junger Kunstkritiker, der oder die sich mit dem vorgelegten Werk auseinandersetzt – in diesem Fall ist es Christin Krause, Jahrgang 1981. Wir zitieren einen Ausschnitt aus ihrem Interview mit Markus Klingenhäger:

Christin Krause: Was hat Dich an dem Thema interessiert?

Markus Klingenhäger: Letztlich haben mich immer Themen interessiert, die aus dem Blickpunkt geraten sind, die medial nicht mehr präsent sind, die einmal eine große Rolle gespielt haben, aber mittlerweile keine Beachtung mehr finden. Darüber hinaus interessieren mich Menschen, die sich in einer Schwebesituation befinden. So bin ich 2005 nach Bosnien gefahren, gerade weil sich niemand mehr für die Situation des Landes zu interessieren schien. Das Thema war gänzlich aus den Medien verschwunden und das Leben der Menschen, die ich dort getroffen habe, befand sich in einer Art Schwebezustand. Bei den Indianern ist das ganz ähnlich. In diesem konkreten Fall interessierte mich jedoch besonders die Schnittmenge zwischen der „weißen“ US-amerikanischen Kultur und der indianischen Kultur, wie es ist, wenn Menschen zwischen zwei Kulturen leben, sich schwer verorten lassen.

Aus welchen Gründen hast Du Dich dazu entschieden, Deine Arbeit in der Pine Ridge Indian Reservation zu realisieren?

Im Zuge meiner ersten Recherchen bin ich immer wieder auf Pine Ridge gestoßen. Ich habe Literatur gelesen, die sich mit der Geschichte der Indianer beschäftigt und Bücher von Edward Curtis angesehen. Immer wieder tauchten Namen wie „Sitting Bull“ und „Crazy Horse“ auf, Indianer, die man auch hier in Europa sehr gut kennt und die mit Pine Ridge in enger Verbindung stehen. Außerdem haben viele der indianischen Kriege auf diesem Gebiet stattgefunden. Und wenn wir hier in Europa von Indianern reden, dann meistens von dem Stamm der Lakota, ansässig in der Pine Ridge Indian Reservation.

Markus Klingenhäger – Darwin, aus: DarkWhite

Markus Klingenhäger lebt in Hamburg und studierte von 2001 bis 2009 Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld. „DarkWhite“ ist seine Diplomarbeit. Mit „DarkWhite“ wurde Markus Klingenhäger für die Ausstellung „reGeneration2 – tomorrow’s photographers today“ ausgewählt. Über dieses Projekt in Lausanne hat fokussiert.com vor kurzem berichtet: Die Fotografen von morgen.
Wir sehen die Bilder von „DarkWhite“ und andere Arbeiten auch auf Markus Klingenhägers Website.

Christin Krause lebt in München und Paris. Sie studierte Kunstgeschichte und Romanistik in Berlin und Paris. In ihrer Abschlussarbeit beschäftigte sie sich mit der Konstruktion von Erinnerung in der Fotografie der Gegenwart.

Der Katalog zur Ausstellung Dark White / Zwischen Mythos und Realität (Affiliate-Link) erschien im Deutschen Kunstverlag.

Talents 21 – DarkWhite, Markus Klingenhäger / Christin Krause
Bis 30. November
C/O Berlin, Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, D-10117 Berlin
+49 (0)30-28 09 19 25, info@co-berlin.com
Geöffnet täglich von 11 bis 20 Uhr

Markus Klingenhäger
C/O Berlin

2 Kommentare
  1. Markus sagte:

    Die Fotoserie ist einfach nur faszinierend. Und die begleitende Kommentare sind für mich „endlich“ einmal realistisch. Leider ist es bis heute noch oft so (vor allen Dingen in den Staaten), dass das Bild der Indianer entweder verfälscht oder nur oberflächlich dargestellt wird. Allerdings – so muss ich fairer Weise sagen – gibt es auch Ausnahmen. Ein Beispiel hierfür ist der Filmklassiker „der mit dem Wolf“ tanzt. Leider ist dannach nicht mehr viel gekommen.

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