Landschaftsfotografie:
Eine Frage der Balance

Ungewohnte Perspektiven erschweren die Komposition in der Landschaftsfotografie häufig durch das profane Problem, die eigene Balance zu halten.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Max Kipp).

Kommentar des Fotografen:

Die Aufnahme ist aus einer extrem niedrigen Perspektive entstanden, wodurch es schwer war in ziemlich unwegsamen Gelände durch den Sucher zu schauen, um den Fokus aufs Blatt zu bekommen, bzw. das Bild auszurichten. Da ich keine Fan von künstlicher Bildverfremdung bin steckt an Bearbeitung lediglich der Beschnitt ins 1×1 Format drin und eine leichte Kontrasterhöhung.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Max Kipp:

Ein kleiner Waldbach plätschert zwischen nassen, moosbewachsenen Steinen von oben rechts in diesem quadratischen Farbbild in Mäandern in den Vordergrund. Das Wasser ist durch die Langzeitbelichtung zur milchigen Schaumwolke verfremdet, welche die Steine umschmiegt. Links unten bildet ein moosbewachsener Stein mit einem wie hingelegt wirkenden, knallgelben Ahornblatt einen markanten Vordergrund und den Blickfang, von dem aus der Betrachter das Bild „stromaufwärts“, den Schnellen entlang ergründet.

Eine Landschaftsaufnahme wie aus dem Lehrbuch, die ein einfaches Naturmotiv sehr bewusst und gekonnt inszeniert:

Tiefe durch Vorder- und Hintergrund, Blickfang durch Farbkontrast, Dynamik durch bewegtes Wasser in Langzeitbelichtung. Solche Bilder haben wir schon viele gesehen, aber ich für meinen Teil werde nicht müde, sie anzuschauen.

Und obwohl wir solche Motive immer wieder vor Augen haben und bewundern, fragen sich die meisten Anfänger, warum ihre Aufnahmen davon flach und leblos wirken. Das Geheimnis ist, was Du hier als Problem schilderst: Die niedrige Perspektive.

Um solchen natürlichen Miniaturen die Tiefe zu geben, die Dir hier gelungen ist, muss man aber nun mal in die Knie – oder vielleicht sogar auf den Bauch.

Das zweite Geheimnis steckt im Stativ, das man für solche Gelegenheiten einfach dabei haben muss. Oder wenigstens einen Bohnensack.

Nun hat allerdings der Kunstgriff der tiefen Perspektive auch seine Nachteile: Wie Du hier schilderst, ist der Sucher vielfach mit dem Auge nicht mehr erreichbar, und Live-View hilft auch nur bei Kameras mit schwenkbarem Bildschirm. Das macht die Komposition und das Framing gerade mit komplexen und von vielen Linien und Objekten geprägten Motiven schwieriger. Im Kampf um die eigene Balance verliert die Fotografin so schnell jene in der Komposition.

Das kann man Deiner Aufnahme bei genauem Hinsehen und mit entsprechendem Perfektionismus auch vorzuwerfen. So harmonisch es auf den ersten Blick wirkt, auf den zweiten fallen die Dinge ganz leicht auseinander: Das Ahornblatt ist zu weit links, in der Horizontalen aber zu mittig (was den Quadratschnitt rechtfertigen kann); der Wasserlauf hat im Hintergrund am oberen Bildrand etwas zu wenig Raum und strömt aus der Bildkante ins Bild hinein.

Das welke Blatt und der weisse Schaum im Vordergrund wurden entfernt.Das sind Kleinigkeiten, die aber die gesamte Komposition beeinflussen und durchaus den Unterschied zwischen einem hervorragenden und einem „nicht funktionierenden“ Bild machen können. Gary Hart, bei dem ich mehrere Workshops besucht habe, sagt deshalb als Faustregel: Such in deinem Motiv zuerst den Ausschnitt, das Bild, das Du haben willst, und konzentrier Dich danach fast ausschliesslich auf die Bildränder im Sucher – bis zum Moment, wo Du den Auslöser drückst.

Es muss ja auch gar nicht immer alles in der Balance sein, das Ungleichgewicht wirkt häufig spannender.

Mich stören an diesem Bild aber zwei Dinge weit mehr, und weil Du mir insgeheim in Deinem Kommentar den Widerspruch schon ankündigst, muss ich es wohl erst recht betonen: Ich war und bin auch kein Freund von „Bildverfremdungen“, habe aber irgendwann einsehen müssen, dass Korrekturen statthaft und Verbesserungen erwünscht sind.

Eine von zwei „Manipulationen“, die ich diesem Bild in der Nachbearbeitung hätte angedeihen lassen, hättest Du mit einem Handgriff vor Ort vermeiden und erledigen können: Das braune, welke Blatt unten links ergänzt die Komposition nicht, sondern sabotiert sie; es wirkt dadurch, dass es zur Hälfte im Wasser verschwindet, nun, verfremdet.

Und es liegt auf jedem Fall viel zu dicht am Bildrand – ich habe es deswegen „ersatzlos gestrichen“, sprich mit dem Photoshop-Flicken-Tool (das ich immer wieder als grenzenlos viel bessere Funktion als reines Klonen schätze) weggeputzt. Das gleiche Schicksal habe ich dem weissen Schaumkrönchen vor dem Vordergrund-Stein angedeihen lassen: Dort tropft offenbar Wasser vom Stein, das man aber in der Aufnahme nicht sieht, und der helle Fleck in der Wasseroberfläche lenkt sehr ab vom Bild.

Mein Fazit wäre: Ein sehr schön fotografierter Klassiker, der es wert war, in die Knie zu gehen und vielleicht nasse Füsse zu kriegen, aber auch die Probleme des Komponierens im Feld zeigt. Und ein Bild, das etwas weitergehende Nacharbeit durchaus verdient hat. Mit Verfremdung hat das nichts zu tun, nur damit, das beste mögliche Resultat zu erzielen. Zum Thema Retusche an Bildern habe ich schon mal was geschrieben.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Peter Bundrück says:

    Hallo
    Da ich auch ziemlich viele Wasser Langzeitbelichtungen mache eigentlich ein Motiv nach meinem Geschmack.
    Auch ich hätte dem Wasser mehr Raum gegeben und ein höheres Format gewählt um damit die Fließ Dynamik und Richtung des Wassers zu betonen. Damit wäre auch das Blatt etwas nach unten gerutscht.
    Nur meine Idee dazu…

    Antworten

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