Strassenfoto: Der Abschied

Strassenfotografie kann und soll Geschichten erzählen. Reisezentren bieten dazu umfangreiche Motivansammlungen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Nils Krawinkel).

Kommentar des Fotografen:

Bitte nicht einsteigen. Viel mehr braucht man zu diesem Bild nicht zu sagen, es erzählt seine Geschichte selbst.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Nils Krawinkel:

Ein Paar steht in diesem Schwarz-Weiss Bild offenbar auf einem Bahnsteig. Wir blicken von schräg oben hinunter auf die Plattform. Das Blickfeld umfasst eine grosse Fläche des Perrons, in der Diagonalen von unten links nach oben rechts ist nichts ausser den Steinplatten der Wartefläche zu sehen, auf der die beiden Menschen in liebevoller Umarmung stehen. Die zweite Hälfte links über der Diagonalen zeigt Stromkabel und eine Anzeigetafel des Gleis 8, auf der „Bitte nicht einsteigen“, die Gleisnummer und die mittägliche Uhrzeit steht.

Abschieds- und Begrüssungsszenen sind ein beliebtes Sujet bei Strassenfotografen:

Zum einen drückt sich in ihnen einfach und eindringlich Emotion aus, zum anderen bieten Menschen, die sich in bewegten Massen oder in ruhigen Ecken unbeobachtet fühlen viel inhaltlichen Kontrast und stillstehende Motive.

Spannend ist daran ja auch, das keine zwei Szenen wirklich identisch sind: Menschen verhalten sich unterschiedlich und ihrer Beziehung entsprechend, und auch die gibt es in allen Schattierungen und Variationen.

Dein Bild sticht durch eine spannende Perspektive von oben aus der Masse heraus; durch den Boden, der die Bühne für die Szene ausmacht und die Informationstafel oben links, die wie ein Bühnenbild den Kontext zu liefern scheint. Die Geschichte in dem Bild lässt viel Spielraum für Interpretation, die Art der Umarmung des Paares ebenso: Ist er oder sie die reisende Person? Ist in der Umarmung ein leichtes Ungleichgewicht zu erkennen, indem sie ihn deutlich inniger drückt als er sie?

Versuch eines BeschnittsUnd darüber das Bahnschild mit der Aufforderung „Bitte nicht einsteigen“ – bedeutungsschwanger und berührend, gleichzeitig aber noch offen genug, um der Phantasie Platz zu lassen, die Geschichte weiter zu spinnen.

Das relativ grobe Korn der Aufnahme steht für mich etwas im Widerspruch zur geringen Empfindlichkeitsstufe der Aufnahme von 140 ISO – ich würde behaupten, Du hast das Bild entweder deutlich beschnitten oder nachträglich Rauschen eingefügt.

Die Komposition ist für meine Begriffe ein bisschen zu Ecken-lastig. Die Brennweite von 85mm lässt auf ein Zoom schliessen, und ich hätte versucht, den Ausschnitt eher weiter und weniger eindeutig an der Mitteldiagonalen orientiert zu wählen. Eine Variante wäre ein noch engerer Schnitt gewesen, denn die Uhrzeit, die auf Mittag hindeutet (meiner Ahnung nach nutzen deutsche Bahnen das 24-Stunden-Zeitformat), dient dem Bild nicht, lediglich die Botschaft ist von Relevanz.

Insgesamt handelt es sich um ein ebenso stilles wie spannendes Bild, dessen Geschichte sich sofort, aber nicht vollständig präsentiert, und das macht eine spannende Fotografie aus.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare
  1. Nils Krawinkel sagte:

    Es handelte sich in der Tat um eine Begrüßungsszene. Ich habe auf der Anzeigetafel nur etwas „aufgeräumt“, sprich Text entfernt (z.B. „… hält nur zum Ausstieg“).

    Mir gefällt die Aufnahme, weil sie für einen flüchtigen Blick genug Aussage hat, aber auch nach einer intensiveren Betrachtung einen weiten Interpretationsspielraum bietet.

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  2. Sebastian sagte:

    Ich finde es auch ein schönes Foto. Aber eher einen Widerspruch. Denn „Bitte nicht einsteigen“ ist nunmal nur vorhanden, wenn der Zug hier endet. Also ist es kein Abschied, sondern ein Wiedersehen. ;)

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    • thomas deuer sagte:

      Oder auch textlicher Ausdruck dessen, was sich beide Personen wünschen.
      Ein durchaus erlaubtes, künstlerisches Gestaltungsmittel.
      Was sagt der Autor dazu?

  3. Nils Krawinkel sagte:

    Hallo Peter,
    danke für Deine Rezension. Du hast recht – das Bild ist relativ stark beschnitten. Das ging leider nicht anders, denn als ich diese Szene entdeckte, hatte ich meine 85mm Festbrennweite auf der Kamera und für einen Objektivwechsel hätte die Zeit nicht gereicht.
    Neben der SW-Konvertierung und einiger anderer Bearbeitungen habe ich auch noch ein leichtes Korn hinzugefügt.
    Ein noch engerer Beschnitt hätte die Aufnahme weiter simplifiziert, was ich für durchaus erstrebenswert halte. Ich wollte jedoch nicht zu viel der „Bahnhofsatmosphäre“ wegschneiden…

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