Reduktion auf das Wesentliche: Abstrakte Fotografie

Die abstrakte Fotografie ist ein weites Experimentierfeld. Die Reduktion auf das Wesentliche ist vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner.

Antonio Azuaga, Untitled #07, 2010

Ein Spektrum dieser Experimente können wir uns derzeit in München anschauen. Unter dem Titel <abstract> werden fünf Fotokünstler mit aktuellen Arbeiten ausgestellt.

Der Medienphilosoph Lambert Wiesing unterscheidet zum Begriff „abstrakte Fotografie“ in einem Aufsatz folgende Formen der Abstraktion: Abstraktion im fotografischen Produktionsprozess, im fotografischen Produkt, um der Sichtweise willen, um der Sichtbarkeit willen und um der Objektkunst willen.

Die Intention, das Darzustellende auf das Wesentliche zu reduzieren, bleibt das Gemeinsame. Wir kennen diese Art von Fotografie auch unter dem Begriff „Konkrete Fotografie“. Darüber haben wir bei fokussiert.com schon ein paar Mal geschrieben, zum Beispiel über Wolfgang Tillmans: Das Wunder der Fotochemie.

Die Galerie f5.6 stellt uns die fünf Fotokünstler vor:

Antonio Azuaga, Untitled #08, 2010

Antonio Azuaga (Jahrgang 1974, lebt und arbeitet in Barcelona, Spanien):

In Azuagas Arbeiten werden Licht, Zeit, Farbe, Reflektion eins, so dass die traditionellen Fragen an die Fotografie, wie die Dokumentation der Realität oder der Zeit in seinen Arbeiten keinen hohen Stellenwert haben. Seine Aufnahmen entstehen in von ihm gebauten Licht-/Farbräumen, die er mit seiner Kamera durchwandert. Mit dieser fängt er die Reflexionen dieser fingierten Welt ein. Das Ergebnis sind fast kosmisch erscheinende aus dem schwarz aufschillernde Farbfelder.

Richard Caldicott (Jahrgang 1962, lebt und arbeitet in London):

Der Entstehungsprozess und dessen Hinterfragung ist bei Caldicott ein zentrales Thema. Kunstgeschichtlich stehen seine Arbeiten in einem Dialog mit der von Donald Judd bezeichneten Kategorie des „specific object“: einem Objekt, das weder Malerei noch Skulptur ist und sich daher jeglicher Form von Kategorisierung entzieht. Seine neue Serie „Chance/Fall“ entstand aus dem Interesse an Arbeiten, die sich fast ohne die Hand des Künstlers selbst generieren. Aufgenommen sind improvisierte Experimente, in denen der Zufall die größte Rolle spielt. Herausgekommen sind dabei farb- und lichtbewegte Räume, die im fotografischen Abzug auf die zweidimensionale Ebene minimiert werden. Mehr auf Richard Caldicotts Website.

Richard Caldicott, Chance / Fall #1, 2010

John Goto (Jahrgang 1949, lebt und arbeitet in Oxford, Großbritannien):

John Gotos Serie „Mosaic“ untersucht die Beziehung zwischen abstrakter Kunst und politischer Aussage. Damit erweitert er seine sonst gegenständlich gehaltenen kritischen Fotocollagen. Angetrieben durch den Angriff der IDF-Truppen auf den Gaza-Streifen im Dezember 2008 schuf Goto die vermeintlich abstrakte Serie der „Mosaics“. Sie ist sein Kommentar zu der damaligen Pressesperre und gleichzeitig ein kunstkritischer Versuch, die Aussagemöglichkeiten abstrakter Kunst zu untersuchen.

Er nutzt einen Standardgraphikfilter, den so genannten Mosaikfilter. Dieser fasst in einem Rechteck den Durchschnittswert der in diesem Abschnitt des Bildes enthaltenen Farben zusammen. Um den Zusammenhang zwischen dem Ausgangsmotiv und dem durch den Filter entstandenen abstrakten Bild nicht zu verleugnen, ist jeder Abzug zweiseitig, wobei das abstrakte Mosaik zunächst im Vordergrund steht und das Ausgangsbild erst durch Wenden des Blattes sichtbar wird.

Edward Mapplethorpe (Jahrgang 1960, lebt und arbeitet in New York, USA):

Waren die Arbeiten der bisher genannten Künstler noch Reflektionen unserer sichtbaren Welt, so schafft Edward Mapplethorpe schließlich Abstraktion im fotografischen Produktionsprozess. Seine Arbeiten entstehen ohne Kamera in der Dunkelkammer in der Tradition der Fotogramme eines Man Ray u.a.. Dabei zeichnet er mit Licht zuweilen klare, geometrische Kompositionen, zuweilen geht die zeichnerische Linie über in malerisch abstrakte Formen. Allen Arbeiten gemeinsam ist das Interesse am Licht als Ursprung der Fotografie und der feinen Abstimmung der Grauwerte.

Silvio Wolf, Horizon 16 - Chance 03, 2002

Silvio Wolf (Jahrgang 1952, lebt und arbeitet in Mailand, Italien):

Silvio Wolf letztlich nimmt gar keinen Einfluss mehr auf die Entstehung seiner Arbeiten, denn die Bilder, die er zeigt, sind eigentlich das Bild vor dem Bild: der Beginn des Negativfilms, der automatisch belichtet wird beim einlegen des Films. Jeder Horizont zeigt für ihn einen Grenzbereich, ein klares Limit zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Thema und Sprache. Die Horizonte sind sichtbar gemachte Echos des Lichts. Letztlich führt also auch er die Fotografie in seinen Arbeiten auf ihr elementarstes Element – das Licht – zurück.

‹abstract› – Antonio Azuaga, Richard Caldicott, John Goto, Edward Mapplethorpe, Silvio Wolf
Bis 29. Januar 2011
Galerie f5,6, Ludwigstraße 7 (Odeonsplatz), D-80539 München
+49 (0)89 28 67 51 67, info@f56.net
Geöffnet Dienstag bis Freitag 12 – 18 Uhr, Samstag 11 – 15 Uhr

Galerie f5.6 München
Richard Caldicott
Silvio Wolf

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