Michael Wolf: Tokyo Compression

In der U-Bahn eingequetscht – solche Momente gehen ans Unerträgliche. Michael Wolf zeigt uns Gesichter aus dem Untergrund Tokios.

„Tokyo Compression“ – viel treffender hätte der deutsch-amerikanische Fotograf Michael Wolf seine Serie nicht nennen können. Die Bilder sind aktuell in Köln ausgestellt, das Buch gewann den Deutschen Fotobuchpreis 2011.

Hauptverkehrszeit in Tokio: Michael Wolf porträtiert vom Bahnsteig der U-Bahn aus durch die Scheiben der Waggons die dort eingequetschten Menschen. Die Bilder zeigen die im Wortsinn erdrückende Situation, in die sich tagtäglich begeben müssen, auf dem Weg zur und von der Arbeit. Der Blick durch beschlagene Scheiben – Schwitzwasser – macht die unerträgliche feuchte Enge spürbar.

Michael Wolf hat in der Porträtserie „Tokyo Compression“ die Strategien erforscht, die die Menschen anwenden, um diese extremen Momente in der U-Bahn zu überstehen. Die gesellschaftlichen Regeln, zumal in Japan, verbieten ein direktes Reagieren, das offene Zeigen der Emotion – wie Beklemmung, Angst, Aggression oder Ekel. Das mühsam kontrollierte, zurückgehaltene Leiden zeigt sich auf den Gesichtern der Porträtierten. Die Hände – vor Körper oder Gesicht gehalten, schützen eine Privatsphäre, die es gerade nicht gibt. Der Mundschutz, sonst für übertriebene Ansteckungsfurcht gehalten, bekommt plötzlich Sinn. Geschlossene Augen zeugen von der Flucht in ein inneres Exil, von den anderen Reisenden sind die Gesichter möglichst abgewandt. Resignation zeigt sich dort, wo die Porträtierten direkt in die Kamera des Fotografen schauen, ohne sichtlich darauf zu reagieren.

Wir überlegen, was den Menschen dort durch den Kopf gehen könnte:

Er da könnte einer verlorenen Liebe nachtrauern; sie dort könnte ihre Einsamkeit verteidigen gegen die Zumutungen der zufälligen Gemeinschaft; und er könnte bemerken, dass er schon lange zu sterben begonnen hat und Tag für Tag die Reste seines Lebens zu Ende fährt.

So beschreibt es Christian Schüle im Vorsatz zum seinem Essay im Bildband Tokyo Compression (Affiliate-Link) (Peperoni Books, 2010). Schüle, Autor bei der Wochenzeitung Die Zeit schreibt weiter:

Im Untergrund erlebt er (der Mensch, d. Red.) als Individuum, wie zersetzend diese Einsamkeit in der Masse ist. Es ist Masseneinsamkeit. Nirgends wird sich das Individuum seiner Einsamkeit in der Masse bewusster als in der gestopften Untergrundbahn. Das Leid an dieser Einsicht furch sich in die Haut des Gesichts. 26 Muskeln arbeiten an der Mimik des Unglücks, 26 Muskeln zwingen das Gesicht zur Wahrheit: In seiner Entstellung offenbart sich das Antlitz des Wahnsinns, die Fratze des Wahnsinns, die eine Fratze der Einsamkeit ist. Keine Angst ist größer als die vor Einsamkeit, keine Seelenkrankheit unserer Tage epidemischer als Einsamkeit.

Michael Wolf setzt sich in seiner Arbeit mit den Bedingungen und Phänomenen urbanen Lebens auseinander. In anderen Werkserien zeigt er die in die Höhe strebende Architektur von Hongkong oder Chicago, die Massen von Menschen schluckt und anonymisiert. In „Tokyo Compression“ schaut er der Ohnmacht und Vereinzelung des Menschen zu, der nach den Regeln unseres hochtechnisierten Lebensumfeldes funktionieren muss, ob er will oder nicht.

Michael Wolf wurde 1954 in München geboren und wuchs in Amerika auf. Er studierte ab 1972 an der Universität von Kalifornien Berkeley sowie an der Folkwangschule in Essen – noch bei Otto Steinert. Er arbeitet für internationale Zeitschriften und für die Fotoagentur Laif und an eigenen Projekten. Wolf lebte viele Jahre in Hongkong. 2005 und 2010 gewann er erste Preise bei den World Press Photo Awards. In seinem neuesten Projekt „Paris Street View“ spürt Michael Wolf Privates auf der Weltkarte von Google auf. Wir finden das alles auf der Website von Michael Wolf.

Der Bildband reiht ohne weiteren Kommentar Gesichter an Gesichter, Hände an Hände, und endet in einem verzweifelten Blick. Hätte Dante Alighieri, der Dichter der Göttlichen Komödie von Tokios U-Bahn gewusst, er hätte eine seiner Höllen als drangvolle Enge eingerichtet. Und als Strafe für welche Sünde? Weil „der Mensch von heute arbeitet, um zu arbeiten“ – noch ein Satz aus Schüles Essay.

Michael Wolf: Tokyo Compression (Affiliate-Link), Hongkong; Berlin: Asia One Books; Peperoni Books, 2010, 28 Euro

Ausstellung bis 20. Februar:
Forum für Fotografie, Schönhauser Straße 8, D-50968 Köln
+49-221-340 18 30, mail@forum-fotografie.info
Geöffnet Mittwoch bis Freitag 14 – 18 Uhr, Samstag 12 – 18 Uhr, Sonntag 12 – 16 Uhr

Michael Wolf
Forum für Fotografie Köln

2 Kommentare
  1. Peter Sennhauser sagte:

    Welch tolle Idee für einen „fotografischen Aufsatz“. Allerdings finde ich die Detailaufnahmen völlig überflüssig. Eine Serie fast vollkommen identischer Aufnahmen wie das Hauptbild wäre ebenso faszinierend, gerade darum, weil der Rahmen immer identisch, die Menschen und Gesichter aber sehr verschieden wären.

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.