World Press Photo Awards 2011: Spektakel als Qualität

14 Kommentare
  1. Avatar
    CorinneZS sagte:

    Wer sich ein paar Zeilen libysche Realität reinziehen will, lese Abdul-Ahads heutige Antworten auf Fragen der Guardian-Leser zu Libyen: http://www.guardian.co.uk/news/blog/2011/nov/03/live-discussion-ghaith-abdul-ahad

    In einem Artikel vom 31. Oktober (im Guardian) beschreibt er zudem einen Besuch im Gefängnis, in dem er festgehalten worden war, sowie ein Treffen mit seinem ehemaligen Wärter (heute „Freedom Fighter“) und einen der momentan sehr beliebten Raubzüge der Freedom Fighters Libyens, auf den er mit durfte.

    Ist wirklich ein nettes Kerlchen, dieser Abdul-Ahad.

    Antworten
  2. Avatar
    CorinneZS sagte:

    Die Realität übertrifft wohl öfter jedes Abbild von ihr und jeden Bericht über sie bei weitem: Gestern beschrieben zwei erschütterte BBC-Journalisten, wie sie 21 Stunden in den Händen der libyschen Macht überlebten, heute erfahren wir, dass der vielfach ausgezeichnete Streetfotograf und Journalist Abdul-Ahad in Libyen seit Tagen vermisst wird – er war dort für den Guardian unterwegs. Wer sich für seine Arbeit interessiert, findet Bilder von ihm unter http://www.unembedded.net. Die Bilder schockieren, aber … siehe oben.
    Ich würde mich freuen, hier einen Bericht über seine Arbeit oder die Arbeit anderer zu finden, die sich sowohl als Fotografen als auch als Journalisten verstehen und die ihre Arbeit als so wichtig erachten, dass sie ihr auch unter grosser Gefahr nachkommen. Solche Bilder sind heute wichtig – egal, ob sie uns in einem, in zwei oder in drei Jahren bloss noch als blutig erscheinen. Auch das ist Fotografie.

    Antworten
    • Avatar
      CorinneZS sagte:

      Peter, ich werde dann mal „Erfüllung meiner Wünsche“ mit „vorauseilendem Gehorsam“ ersetzen müssen ;-)

      Mittlerweilen bestätigen die libyschen Behörden übrigens die Existenz Abdul-Ahads, ihn frei zu lassen scheint für sie aber keine Option zu sein.

      Wer sich darüber informieren möchte, welche Presseleute wo umgekommen sind, vermisst oder festgehalten werden, findet tagesaktuelle Infos unter http://cpj.org (Website des Committee To Protect Journalists).

      Einen Gedanken wert sind die Aussagen des Guardian-Journalisten Beaumont: „Es wird immer schwieriger aus Libyen zu berichten, weil Berichte zur Situation der Bevölkerung immer stärker zensuriert werden. Aber wenn wir nicht effizient arbeiten können, macht uns unserer blosse Anwesenheit irgendwann zu Komplizen der Zensur.“

  3. Avatar
    Markus Laeng sagte:

    Noch ein kleiner Nachtrag. Peter ist nicht der einzige, der sich diese Frage gestellt hat, ob das wirklich die besten Pressebilder des Jahres sind. Im Lens Blog der NY Times wird selbiges diskutiert:

    http://lens.blogs.nytimes.com/2011/02/11/is-this-the-best-news-picture-in-the-world/

    Dort findet sich zum Schluss auch diese Aussage zu einem der Bilder: „The image stopped me in my tracks and made me read more, and if that’s not a powerful photo, I don’t know what is.“

    Ich denke, genau darum sollte es bei gutem Photojournalismus gehen…

    Antworten
    • Avatar
      Peter Sennhauser sagte:

      Markus, die Aussage bezieht sich aber auf die letztjährige Wahl, die als zu unspektakulär im Bezug auf die Ereignisse (Demonstrationen in Teheran) kritisiert wurde – und genau darum geht es mir: Auch das aktuelle Siegerbild ist sozusagen „unspektakulär“, aber just das macht seine Kraft aus. Diese Bilder lassen uns innehalten und über ein Ereignis oder ein Problem nachdenken, ohne dass dabei Blut spritzt und sich der Magen umdreht.

      Wenn ich auf jeder Seite eines Magazins ein Bild von einem abgetrennten Kopf, einem fallenden Selbstmörder, einem durchbohrten Stierkämpfer und herumgeworfenen Leichen sehe, stoppt mich bald nichts mehr.

      Das ist weniger Bildjournalismus und mehr das Äquivalent der Pornographie bezogen auf Nachrichten und Information.
      Daran ändern auch die Kommentare nichts, wonach diese Bilder „die Realität“ zeigten. Wer sowas behauptet, glaubt wohl auch, es gebe den „objektiven Journalismus“.

  4. Avatar
    Markus Laeng sagte:

    Aus dem Bauch heraus, würde ich Dir zustimmen, dass die Verlockung in den letzten Jahren gestiegen ist, Spektakel zu präsentieren, um die Aufmerksamkeit auf sicher zu haben. Ich erkläre mir das damit, dass die Menge an Bildern, die in Redaktionsstuben verfügbar ist, seit der Digitalisierung stark angestiegen ist und Bilder herausstechen müssen, um abgedruckt zu werden. (Keystone verarbeitet zum Beispiel ein vielfaches an Bildern wie zu Beginn der digitalen Ära um 1998.) Es kann sein, dass Fotografen und Redakteure spektakuläre Bilder aus diesem Grund höher gewichten, als sie es von der journalistischen Aussage her verdient hätten.

    Ich denke, man muss den Sinn oder Unsinn eines „Schockbildes“ in jedem Einzelfall ansehen. Ein paar persönliche Gedanken dazu zu einzelnen Bildern des WPF11:

    Das Bild der verstümmelten Afghanin löst beim Betrachter, der sich die Zeit nimmt die Bildunterschrift zu lesen, vermutlich schon etwas aus. Er kann so auf die Situation vieler Frauen in Afghanistan aufmerksam gemacht werden und im besten Fall sogar dazu, etwas im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten zu unternehmen. Eine Botschaft existiert also und sie hat das Potential, auch anzukommen.

    Ein ganz anderer Fall ist für mich der brennende Mensch, der in Budapest wie ein Ikarus vom Himmel stürzt, für mich eines der zweifelhafteren Bilder des diesjährigen Preises. Die Bildlegende liefert uns nicht mal den Grund mit, weshalb er sich in den Tod stürzt. Das Bild mag visuell eindrücklich sein, beschämt mich jedoch auch als Voyeur. Hätte er sich auch dort runtergestürzt, wenn niemand zugeschaut hätte?

    Ähnlich zweifelhaft finde ich das Bild des Toreros, dessen Kiefer grade vom Horn des Stiers durchbohrt wird. Ausser einer kurfristigen Zerrissenheit zwischen Neugier und Entsetzen, löst es bei mir nichts aus…

    Das führt uns aber auch dazu, dass Bilder, gerade solche die an der Grenze zum Erträglichen sind, immer subjektiv aufgenommen werden und kaum mit objektivem Auge gesehen werden können. Was dem einen Betrachter subjektiv wichtig sein kann und deshalb die Brutalität der Bilder rechtfertigen mag, kann bei einem anderen Betrachter nur blankes Entsetzen und Empörung auslösen. Ich denke die Jury wird dem gerecht, indem die Kriterien aus der Summe der subjektiven Einschätzungen der Juroren hervorgeht und nicht in einem klaren Kriterienkatalog niedergeschrieben sind.

    WPF hatte auch in der Vergangenheit jeweils umstrittene Bilder gekürt. Ich habe das immer auch als Einladung zur Diskussion über den Berufsethos verstanden und denke dass das auch in diesem Jahr eines der Ziele des WPF ist.

    Eine, wenn auch etwas knappe, Begründung, Weshalb die Afghanin zum Siegerbild erklärt wurde findet Ihr auf der Webseite des WFP: http://bit.ly/f3bPYu

    Etwas zu den Kriterien des WPF findet ihr im letzten Abschnitt dieses Interviews des European Journalism Centers mit Michiel Munneke, dem Managing Director des WPF: http://bit.ly/hnv2w3

    Über die Bilder des WPF11 kann man noch viel länger diskutieren – was man auch sollte. Eine gute Gelegenheit dazu bietet die WPF-Ausstellung, die auch in Zürich Halt machen wird. Mein Arbeitgeber Keystone zeigt die Ausstellung vom 13. Mai bis 5. Juni 2011 im Papiersaal im Sihlcity.

    PS. Den Kommentar habe ich nicht im Auftrag meines Arbeitgebers geschrieben, sondern als fotointeressierter Privatmensch und Bildredakteur.

    Antworten
  5. Avatar
    Christian Gruber sagte:

    Also bei Fernando Britos Bilder der toten erkenne ich schon eine andere Qualität: Fast ausnahmslos wird mit klaren Linien, hauptsächlich von rechts unten nach links oben gearbeitet. Fast alle Bilder haben eine starke Schichtung der Tiefe der Landschaft. Und allen Bildern haftet der Tot an, was aber eigentlich auf mich kontrovers wirkt, da eben fotografisch die Landschaft in Szene gesetzt ist, der Blick von den Leichen ja teilweise weggeführt wir, was aber eben nicht gelingt, aufgrund der Toten.
    Ich könnte mir nicht vorstellen, das ich Bilder mit Toten schaffe, die auch noch auf Gestalltungsregeln rücksicht nehmen.

    Antworten
  6. Avatar
    Stefan Koch sagte:

    Ich finde aber gerade bei dem von dir angesprochenen Nachtwey ebenfalls allerhand Fotos, die eher durch ein Spektakel wirken. Zumindest sehe ich zwischen einer abgeschnittenen Nase und einem ausgehungerten Menschen keinen Unterschied, wenn man die Darstellung des menschlichen Elends zum Schocken des westlichen Betrachters verwendet. Und sie beide beziehen ihre Wirkung aus der Schocksituation.

    Im Gegensatz zu World Press Photos 2011 sehe ich bei Nachtwey aber zumindest auch photographisches Talent. Gerade die Spot Prämierungen sehen für mich genauso aus, als hätte sie ein Amateurphotograph eben im Vorbeigehen geschossen. Von einem Pressephotograph erwarte ich da – auch wenn es natürlich innerhalb von einem kurzen Moment passieren muss – mehr Talent.

    Die Sportfotos des Jahres finde ich da auch wesentlich besser, wobei ich jetzt nicht alle WPP verteufeln will. Auch dort gibt es ein paar gute, aber tatsächlich viel zu viel Spektakel-Photographie…

    Antworten
    • Avatar
      Peter Sennhauser sagte:

      Stefan, ich störe mich nicht (ausschliesslich) an der Schockwirkung – entsetzliche Ereignisse lassen sich nicht anders als mit schockierenden Bildern wiedergeben, und Pressefotografie ist nun mal auch Spektakel-Fotografie.

      Ich behaupte aber einfach, dass Nachtweys Hungersnot- und Aidsbildern die ihnen vom Fotografen zugedachte Symbolwirkung für ein grosses, gesamthaftes Problem emotional transportieren. Jeder Mensch versteht die Botschaft dieser Bilder, ohne eine Legende gelesen zu haben. Das macht ihre Qualität aus.

      Ein am Boden liegender abgetrennter Kopf dagegen lässt sich nur mit intellektuellen Verrenkungen als Symbolbild für den Drogenkrieg in Mexiko interpretieren, ein fallender Selbstmörder ist für mich ein Bild, das ich in der Kamera löschen würde, die Schiesserei in Brasilien schlechter als jeder Hollywoodfilm und nur „speziell“, weil „echt“ – und das Elend in Haiti habe ich in vielen bewegenden Bildern vermittelt gekriegt, die nicht sofort einen Brechreiz auslösten. Oder was ist das Spezielle an einem Stierkämpfer, der aufgespiesst wird, respektive worin besteht die „Leistung“ des Fotografen? Ist das ein Sportbild von preiswürdiger Aussagekraft? Ehrlich gesagt finden sich davon Tausende auf flickr, die ebenso schmerzhafte Sportunfälle und Ereignisse dokumentieren und nicht weniger scharf sind.
      Ich sage auch nicht, dass diese Bilder wertlos sind oder man sie nicht machen oder nicht zeigen darf. Aber dass es „die besten“ sein sollen, das möchte ich gerne bezweifeln, weil ich in vielen davon keinen anderen Massstab als den des Spektakels anwenden kann.

    • Avatar
      Stefan Koch sagte:

      Ich habe mir mal das Archiv der World Press Photos ein wenig angeschaut und ich glaube nicht, dass die Kürung von solchen Spektakel-Fotos neu ist. 1982 liegen ein paar Tote am Boden, 1975 stürzt eine Frau mit ihrem Kind von einem brechenden Rettungssteg (an den US-Häusern außen), 1972 haben wir das extrem bekannte Vietnam-Bild mit den Kindern nach einem Napalm-Angriff, 1963 einen sich selbst verbrennenden Mönch. Ist z.B. letzteres nicht mit dem brennenden Selbstmörder zu vergleichen (wenngleich das diesjährige Bild stilistisch einfach nur Müll ist in meinen Augen)? Und gerade diese fallende Mutter mit ihrem Kind ist doch v.a. ein Spektakel, ohne zeitgeschichtliche Wichtigkeit zu haben (was man dem brennenden Mönch und den Vietnam-Kindern zugestehen muss).

      Spot News 2. Platz 1985 erinnert mich z.B. sehr an den herumliegenden Kopf. Dort liegt ein (abgerissener?) Arm auf dem Boden nach einem Vulkanausbruch.

      Auffällig für mich bleibt die schlechte photographische Leistung bei den Spot News dieses Jahr. Die konnte ich bei meinen paar Testklicks bei anderen Jahren nicht finden. Könnte tatsächlich an fehlenden Führungslinien liegen, denn Spot News Stories 2. Preis „Anti-government riots, Bangkok, Thailand, May“ von Corentin Fohlen finde ich gut und dort gibt es eine Linie.

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.