Chinesische Strassenszene: Die Geschichte fehlt

Strassenfotografie muss eine oder mehrere Geschichten erzählen – auch wenn es sich um Strassenfotografie in fernen Ländern handelt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Werner Eigner).

Kommentar des Fotografen:

Generationen – Beijing, 29.09.1996. Besucher im Kaiserpalast vor dem Feiertag 1. Oktober. Brennweite u. Belichtung weiss ich nicht mehr. Ist auch egal, da ja sowieso nicht mehr reproduzierbar. Praktisch ein Schnappschuss, so aus der Hüfte. Deshalb und auch wegen des eher schwachen Lichts nicht wirklich scharf. Intention – Street Life, Dokumentation einer Reise, oder einfach ein interessantes Bild? Die Kategorisierung fällt mir ziemlich schwer.

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Werner Eigner:

Die Straßenfotografie lebt von Menschen, Emotionen und der Bildaufteilung. Jeder Aspekt sollte bei einem Foto berücksichtig werden, damit eine besondere Wirkung erzielt wird. Gerade in fremden Ländern geht es also bei der Straßenfotografie darum, die Besonderheiten vor Ort festzuhalten, die das Land und seine Menschen ausmachen. Davon kann ich hier leider nichts erkennen:

Zwar nehme ich an, dass das Bild in Asien aufgenommen wurde. Hart formuliert könnten es jedoch auch asiatische Touristen in Andalusien sein.

Was fehlt dem Bild? Mir fehlt vor allem ein Geschichte, die die Menschen erzählen. Sie machen nämlich nichts im Bild. Alle vier sitzen auf einer Bank und schauen irgendwo hin. Ja, es sind unterschiedliche Generationen, aber das finde ich als solches nicht so spannend, als dass es mir das Land näher bringen würde.

Sie könnten sich zum Beispiel unterhalten, gestikulieren. Das junge Mädchen vielleicht mit Kopfhörern Musik hören oder die alten Männer am Handy telefonieren. Was ich damit sagen möchte: Es fehlt eine Aktion, eine Interaktion oder aber etwas Unerwartetes (alter Mann am Handy).

Das aber ist gerade die Aufgabe eines Fotografen, diese Momente zu finden und einzufangen. Wir müssen die inhaltichen Besonderheiten aus den tausenden Situationen, die ständig um uns herum passieren, herauskristallisieren und diesen einen Moment festhalten, der die ganze Geschichte erzählt.

Auch der Bildausschnitt ist nicht besonders glücklich gewählt. Die Bank und ganz viel braune Wand sind nicht spannend. Das Bild ist im Kaiserpalast aufgenommen. Dort muss es noch typischere Orte geben, die einmal auf die Kultur und damit auf das Land hinweisen, in dem wir uns befinden.

Als Fazit könnte man festhalten, dass exotisch anmutende Menschen $auf einem Bild nicht ausreichen, eine exotische Geschichte zu erzählen – sie müssen etwas besonderes tun, und gleichzeitig muss die Szenerie so gewählt werden, dass der Ort für sich den Rahmen bildet und die Geschichte unterstützt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Werner Eigner sagte:

    Ojeh, ojeh, mein Bild ist wohl die Königin aller Totalverrisse.
    Ich bin da unglücklicherweise an einen ausgesprochenen hardcore streetworker als Kritiker geraten.
    Zugegeben, für Freunde von Wischeffekten und dynamisch stürzenden Linien ist das Bild nix.
    Und in der Kategorie „Strassenfotografie“ hat´s sicherlich auch nichts zu suchen.
    Ich finde da einfach keine passende Schublade. Also ab in den Müll?
    Nichts desto trotz hält dieses Bild zur Zeit in meiner persönlichen hall of fame die top-position.
    Die Geschmäcker sind halt mal verschieden.
    Abgesehen davon finde ich die Bildkritiken bei fokussiert.com sehr hilfreich und ich werde versuchen
    die angesprochenen Kriterien zukünftig besser zu berücksichtigen.

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