Der Reiz der Technik: (Zu) helles Observatorium

Das HDR-verfahren eignet sich, kontrastreiche Motive spannend abzulichten. Es verleitet aber auch zu unnatürlich wirkend gestalteten Fotos.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jörg Buscher).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild habe ich in der Sternwarte Bergedorf gemacht. Das Bild zeigt ein Teleskop bei geöffneter Kuppel. Durch das Weitwinkel scheint das tonneschwere Teleskop an den Gewichten ausgerichtet zu schweben. Es handelt sich um eine HDR Aufbahme. Belichtungsreihe mit 3 Aufnahmen. HDR mit Photomatix und Photoshop Wandlung in SW und Kontrast und Tonung. Ich habe schon das Bild in etwas heller Version eingereicht. Diese dunklerer Version gefällt mir aber doch besser.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jörg Buscher:

Eine grosse Apparatur – bei näherem Hinsehen und namentlich am Spalt im Dach der Kuppel, unter welcher das mechanische Monstrum steht, als Teleskop erkennbar – dominiert diese spannende Schwarz-Weiss-Fotografie. Das Gerät wirkt dank der HDR-Technik und dem verzerrenden Weitwinkel wie eine Kanone aus einem der Alien-Filme.

Technik:

Für Fotografen genauso ein lohnendes Motiv wie Architektur. Beide bieten eine Vielzahl an Spielarten. Detailfotos und -Betrachtungen, Kontext-Inszenierungen oder Perspektiven, die imposante Ausmasse und andere Charakteristika in den Vordergrund holen – diese Bilder dokumentieren nicht, sie interpretieren.

In diesem Beispiel von Jörg Buscher etwa wird ein Beobachtungsinstrument zum Beobachtungsgegenstand: Für einmal steht das Observatorium selbst im Fokus, die Maschinerie, die wie eine mächtige Kanone der Erkundung des Alls dient: Die Menschheit, dachte ich beim ersten Anblick der Fotografie, schreckt vor keinem Aufwand zurück, um mehr über sich und die Umgebung, die Zusammenhänge, die Geschichte zu erfahren.

Die Aufnahme fasziniert jenseits von der rein technischen Detailansicht, die durch den HDR-Effekt betont wird, in der seltbst das Kuppeldach zum Teil der Wissensmaschinerie wird. Wie bei den Konstruktionszeichnungen von Leonardo Da Vinci treffen Raffinesse, Zivilisation und die Erinnerung an das Unbekannte aufeinander. Im Versuch, die Maschine zu verstehen, schweift der Blick durchs Bild.

Es gibt viel zu entdecken, und zugleich hat die Aufnahme eine Tiefe und eine Räumlichkeit, welche durch die Verzerrung des Weitwinkels betont wird: Was mich an einer Architekturfotorafie wahrscheinlich stören würde, macht diese gigantische Apparatur noch interessanter.

Ich finde die Perspektive, welche nicht den im Schlitz des Kuppeldachs freiliegenden Himmel, sondern das Teleskop und namentlich die Gegengewichte in den Vordergrund stellt, gelungen, sie setzt einen starken Akzent. Das Kuppeldach und der Sonnenschein auf der gegenüberliegenden Seite sorgen für einen Spannungsboden im Bild und stellen das Teleskop bewusst in den Schatten, wie wenn es auf der Lauer läge, und trotzdem ist es dank HDR bis ins Detail untersuchbar.

Hier ist HDR angesichts der Kontrastumfänge sinnvoll angewandt. Dank der Umwandlung in Schwarz-Weiss werden auch die sonst so schnell sichtbare Farbeffekte von HDR vermieden. Ich bin allerdings der Ansicht, dass bei HDR-Aufnahmen häufig die Tendenz besteht, generell einen zu geringen Kontrast anzuwenden, fast nach dem Motto: Ich habe alles sichtbar gemacht, jetzt darf nichts mehr in den Schatten fallen.

Ein Observatorium ist aber in meiner Erwartung ein dunkle Einrichtung, gerade dann, wenn draussen die Sonne scheint. Das Histogramm deiner „dunkleren“ Version lässt die Schwarzwerte links gerade noch knapp das Skalen-Ende berühren.

Kontrast weiter verstärkt: Auch in HDR-Bildern darf Schwarz vorkommen.Ich habe deshalb den Kontrast mit einer S-Kurve deutlich weiter erhöht, um in dem Raum schattige Stellen zu generieren, welche die Spannung weiter erhöhen. Es geht bei HDR ja nicht darum, alles gleich hell zu kriegen, sondern lediglich alle Tonwerte des Motivs in die Spanne von Schwarz bis Weiss hineinzukriegen.

Innerhalb dieser Spanne dann sollte aber eine Tonwertverteilung stattfinden, die der Charakteristik der Szene entspricht. Dein sehr gelungenes Bild würde meiner Ansicht nach mit deutlich dunkleren Tönen weiter gewinnen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare
  1. Uwe S sagte:

    Die nachträgliche „S-Kurve“ zeigt wo es hin gehen könnte, lässt die Tiefen aber auch absaufen. Ist es nicht besser, den Kontrast schon beim Tone-Mapping zu verstärken, um mehr Zeichnung in den Schatten zu erhalten?

    Eine Bitte an die Redaktion: Ihr könntet doch mal ein paar freie Testbilder empfehlen, mit derer Hilfe man schnell die Kalibrierung des Bildschirms, also die Einstellung von Helligkeit und Kontrast, überprüfen kann. Das ist insofern interessant, da die im Amateurbereich eingesetzten Geräte zur Farbprofilierung (bis etwa 150 Euro) nicht in die absolute Helligkeit des Bildschirms eingreifen.

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  2. Philipp sagte:

    Ich muss gestehen, ich bin kein Fan von HDR – zumindest wenn man es klar als solches verwendet um aufmerksamkeit zu erhaschen. Wo es sich anbietet: Gerne. Hier bietet es sich ganz klar an und die Bearbeitung ist gelungen. Die Version von Peter finde ich dann aber doch noch ein stück besser, und ich kann hier auf meinem Bildschirm keine absaufenden Tiefen erkennen.

    Philipp

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  3. Mark sagte:

    Respekt, gelungene Aufnahme und Bearbeitung. Herrn Sennhausers Meinung teile ich, weiteres Abdunkeln gibt dem Bild noch den gewissen Touch. Aber, mit Verlaub, die Bearbeitung von Herrn Sennhauser ist mir schon wieder zu viel. Das wirkt schon fast abgesoffen.

    Vielen Dank fürs Zeigen und Kommentieren

    Mark

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    • Peter Sennhauser sagte:

      Hallo Mark

      ja, stimmt schon: Bild am nicht kalibriertem Bildschirm bearbeitet, bin ich dann doch auch erschrocken ob dem Resultat; das geht eine Spur zu weit.

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