Naturbild: Jackson Pollocks Bäume

Abstrakte Fabrspritzer oder faszinierende Makro-Botanik? Der Versuch, das Motiv zu entschlüsseln, wird durch Perspektive und Offenblende erschwert und schafft so ein gelungenes Verwirrspiel.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Tobias Senger).

Kommentar des Fotografen:

Als der Winter endlich auf dem Rückzug war und die ersten Sonnenstrahlen den noch entlaubten Wald umstrahlten, habe ich mich auf den Weg gemacht und dabei eine Baumgruppe mit roter Rinde entdeckt. Es schien, als ob die Bäume passend zum Frühlung in neue Schale werfen wollten und dazu die alte Schale abwerfen wollten. Das Foto entstand mit der Kamera direkt am Stamm in Richtung Baumkrone gerichtet. In Lightroom habe ich die Farben und Lichter noch etwas nachbearbeitet.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Tobias Senger:

Beim ersten Blick auf das Bild dachte ich, der Fotograf hätte Farbspritzer fotografiert, ähnlich wie expressionistische Maler Jackson Pollock mit seinem „Action Painting“.

Erst bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass das Rötliche auf dem Foto keine Farbkleckse sein können, sondern eher an einer Art Baum zu hängen scheinen. Damit war eine Frage beantwortet, aber mehrere neue taten sich auf: Warum schält sich ein Baum? Welche Bäume haben so eine rote Rinde? Wo kann man so etwas entdecken?

Ich hole für diese Bildbesprechung so weit aus, um zu verdeutlichen, dass ein Foto aus verschiedenen Gründen wirken und für gut befunden werden kann und dass diese Gründe oft von Betrachter zu Betrachter unterschiedlich sind. Dem einen gefällt das Motiv, dem anderen die Aufteilung von Farben und Formen, auch wenn das Motiv im Grunde langweilig ist und dem dritten sagt ein Bild zu, weil es etwas in ihm auslöst – Gefühle, Gedanken, Erinnerungen.

Mich spricht das Bild durch dieses Verwirrspiel an, dass ich beim ersten Blick immer erst an die Farbspritzer denke, während einige Sekunden später die Erkenntnis dämmert, dass auf dem Foto etwas anderes zu sehen ist. Das ist ganz subjektiv und umso erstaunlicher, da mich abstrakte Bilder selten reizen.

Technisch gesehen entsteht diese verwirrende Wirkung durch die sehr geringe Tiefenschärfe bei Offenblende (hier f1.7), welche die Äste im Hintergrund durchaus wie verlaufende Farbe wirken lassen. Nur an einer kleinen Stelle des Bildes sind die Details scharf genug, um bei genauer Betrachtung zu erkennen, dass hier keine Farbe abblättert. Zur Verwirrung trägt auch der gewählte Blickwinkel bei, der die Rinde stark von unten zeigt. Da dieser Anblick ungewohnt ist, kommt einem diese Assoziation nicht sofort in den Sinn.

Ob vom Fotografen bewusst gewählt oder nicht. Diese Stilmittel lassen den Betrachter lange im Unklaren, was genau fotografiert wurde und die Lösung dieser Frage ist es, die den Zuschauer lange ans Bild fesselt. Immer und immer wieder.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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