Bunte Blume: Schön, aber auch gut?

Bunte, glänzende Farben ziehen unseren Blick magisch an und verleiten und zum Fotografieren. Sind aber solche Motive auch eine gute Voraussetzung für gute Bilder, oder braucht es mehr dazu?

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© André de Jonge).

Kommentar des Fotografen:

Beim Spaziergang am Chiemsee entdeckte ich diese Dahlie. Besonders gefallen hat mir die Farbgebung der einzelnen Blätter, je nachdem, wie sie geformt waren und vom Sonnenlicht ausgeleuchtet wurden.

Profi Martin Zurmuehle meint zum Bild von André de Jonge:

Thomas von Aquin definierte im 13. Jahrhundert die Schönheit als etwas, das vollständig und vollkommen, harmonisch und proportioniert ist und das leuchtende Farben hat und glänzt.

Auch noch heute (nach mehr als 700 Jahren) ziehen genau diese Dinge auch uns Fotografen magisch an. Blättern wir zum Beispiel durch das Wettbewerbsbuch des Trierenberg Super Circuits, dem grössten Fotowettbewerb der Welt, so sehen wir Thomas von Aquin bestätigt. Er hätte seine helle Freude an diesen Bildern, so bunt, glänzend, proportioniert und harmonisch sind sie.

Auch die Blume von André de Jonge ist bunt und glänzend, und deshalb hat ihn das Motiv zur Aufnahme gereizt. Was dieser Aufnahme aber fehlt, sind die anderen Aspekte:

Die sehr hellen Bereiche ausserhalb der Blume ziehen den Blick des Betrachters auf sich. Solche helle Aussenbereiche hat schon Andreas Feininger, der Vater der Fotolehre, als Gestaltungsfehler bezeichnet. Diese schöne Blume kann nur dann ihre Schönheit wirklich zur Geltung bringen, wenn der Betrachter nicht durch unnötige visuelle Elemente auf dem Bild abgelenkt wird. Und leider hat es viel zu viele solcher Dinge. Der Hintergrund ist einfach zu unruhig und dominant.

Andreas Feininger empfiehlt dem Fotografen ein gezieltes Vorgehen, um diese Probleme zu vermeiden: 1. Untersuchung: Das Motiv von allen Seiten und Winkeln untersuchen und seine Wirkung auf den Betrachter erkennen. 2: Isolation: Das Motiv so von seiner Umgebung isolieren, dass es möglichst freigestellt wird (z. B. vor einem neutralen, dunklen Hintergrund). 3: Organisation: Die Aufnahme so gestalten, dass sie die stärkste Wirkung auf den Betrachter entfalten (was durch die Reduktion der Bildelemente und eine spannungsvolle Platzierung erreicht werden kann).

Fazit: Das Motiv hätte viel Potenzial, aber um eine wirkungsvolle Aufnahme zu machen, braucht es noch weitere gestalterische Massnahmen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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