Makro-Naturbild:
Opfer in der Fokusfalle

Mit der Fokusfalle lassen sich auch mit verhältnismässig „einfachen“ Kameras raffinierte Bilder bewegter Objekte schiessen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Becker).

Kommentar des Fotografen:

IKARUS: Ein Löwenzahn-Samen schwebt der untergehenden Sonne entgegen.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Michael Becker:

Ein Löwenzahnsamen segelt in diesem Bild in der linken Hälfte einem Objekt im rechten Bildteil entgegen, das der Sonne gleicht.

Ich weiss nicht, ob das Objekt im Bild die Sonne ist. Der Eindruck allerdings, den es erweckt, ist treffend und eindeutig: Sommerabend, Letzte Sonnenstrahlen, und im Vordergrund schwebt ein Löwenzahnsamen an der Linse vorbei gen Sonnenuntergang.

Diese Fotografie ist in ihrer Einfachheit so raffiniert wie wirksam:

Sie verbindet Stimmung mit einem sehenswerten Objekt. Wir haben einen kristallscharfen Löwenzahnsamen vor uns, den wir bei seinem Trudelflug durch die Luft bis ins letzte Detail beobachten können – und die Stimmung, welche die Bokeh-gezähnte Sonne zusammen mit dem nicht ganz schwarzen Hintergrund herbeischafft, ist ein Sommerabend.

Du verrätst uns nicht, wie das Bild entstanden ist – mein Verdacht geht dahin, dass es sich bei der Scheibe rechts hinten nicht um die Sonne, sondern eine Lampe handelt, und dass der Löwenzahnsamen nicht vorbei schwebt, sondern ganz gezielt im richtigen Abstand vor der Linse fallen gelassen wurde.

Das macht die Aufnahme aber nicht weniger herausfordernd – technisch genauso wie in ihrer schnurgeraden Wirkung. Denn es ist sehr schwierig, in diesem kurzen Brennweitenbereich mit einer verhältnismässig weit geöffneten Blende den Samen fast ganz in den Schärfenbereich zu kriegen.

Allerdings gibt’s dazu einen einfachen Trick, den unsere modernen Spiegelreflexkameras beherrschen: Die Fokusfalle.

Man kann nämlich – zumindest bei den Nikons, die ich gut kenne, aber ganz sicher auch bei den Canons – der Kamera sagen, wann sie auslösen darf oder soll, und zwar bezogen auf den Fokus. Das heisst, man kann in den Einstellungen bestimmen, dass die Kamera nicht auslöst, wenn der Punkt hinter dem gewählten Fokusfeld nicht im Fokus steht. Und man kann umgekehrt eine feste Distanz einstellen und bestimmen, dass die Kamera selbständig auslöst, sobald sich etwas in der festgelegten Fokusebene befindet oder sich dort hinein bewegt.

Es würde zu weit führen, den Trick hier im Detail zu beschreiben, und ausserdem dürften sich die nötigen Einstellungen nicht nur von Marke zu Marke, sondern sogar von Kamera zu Kamera unterscheiden.

Aber es ist gut zu wissen, dass es die Funktion gibt, mit der man beispielsweise gestochen scharfe Sportaufnahmen oder auch Action-Shots von den Kindern oder dem Hund machen kann, die zuvor in aller Ruhe komponiert wurden (jedenfalls was die Umgebung und den Hintergrund angeht).

Ob Du hier diese Technik angewandt hast, ist nicht zu eruieren, aber jedenfalls ist Dir ein spannendes und sehenswertes Bild gelungen – das man mit einem Stativ und der Fokusfalle draussen gut hätte erreichen können.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Michael Becker says:

    Hallo Frank,
    ich habe eine Erklärung áuf deine Frage gefunden:

    Siehe:
    http://digicam-experts.de/wissen/17

    Unschärfekreise
    Im Hintergrund, aber auch im unscharfen Vordergrund von Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe fallen gelegentlich vieleckige oder auch nahezu runde Scheiben auf. Obwohl diese hellen Scheiben offenbar von Motiven weit außerhalb der Schärfezone herrühren, können sie scharf begrenzt sein.

    Solche Unschärfekreise entstehen, wenn nahezu punktförmige Lichtquellen im Bild sind, meist aber aufgrund von Reflexen – etwa, wenn das Sonnenlicht von Tautropfen in die Kamera reflektiert oder gebrochen wird. Da sie sich außerhalb der Schärfenzone befinden, werden solche Lichtpunkte als sogenannte Unschärfekreise abgebildet, die tatsächlich nicht unbedingt Kreise, sondern Abbilder der Blendenöffnung sind. Eine Irisblende aus sechs Lamellen erzeugt also sechseckige Unschärfekreise. Je kleiner ein Lichtpunkt ist, desto schärfer ist die Kontur, und je weiter er von der Schärfenebene entfernt ist, desto größer, aber auch blasser erscheint die Scheibe, die er erzeugt. Auch die Eigenschaften des Objektivs, unter anderem eine unter- oder überkorrigierte sphärische Aberration, beeinflussen die Form.

    LG
    M. Becker

    Antworten
  2. Michael Becker says:

    Hallo Peter Sennhauser,
    erst einmal möchte ich euch zu eurer absolut gelungenen Website gratulieren!!!
    Ich bin immer wieder von den ausführlichen, mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen geschriebenen Bewertungen beeindruckt. Das ist, meiner Meinung nach, für jeden Fotoamateur eine unschätzbare Bereicherung!
    Nun zu meinem von heute besprochenen Bild: Das Objekt im Bild ist tatsächlich die untergehende Sonne, vor der ich eigentlich eine wunderschöne „Pusteblume“ komplett ablichten wollte. Dazu musste ich mich auf den Boden legen und entdeckte dabei zwei Samen eines Löwenzahns, die sich in einem Faden eines Spinnennetzes verfangen hatten. Mit dem 60mm Micro Nikkor konnte ich sie gut ins Bild bannen. Ich habe einen Ausschnitt, ohne den zweiten Löwenzahnsahmen, gewählt, und den Rest des noch verbleibenden Spinnennetzfadens wegretuschiert.
    Ich schicke euch das Originalfoto, das ich auch gelungen finde, zu.
    Mit den besten Wünschen, einem „Weiter so!!!“ und immer genügend Platz auf der Speicherkarte grüßt aus dem Bergischen Land
    Michael Becker

    Antworten

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