Kircheninterna: Das reale Leben

Eine Verschiebung der inhaltlichen Perspektive und ein Bruch mitden Erwartungen ist ein interessantes fotografisches Werkzeug. Allerdings muss der Fokus dann eindeutig klar werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Peter Pietruk).

Kommentar des Fotografen:

Mit Fotografien von Kirchen versuche ich, nicht nur das touristische Interessante abzubilden. Vielmehr soll erfassbar werden, dass Kirchen nicht einfach Denkmäler sind, in denen Kunstschätze zu finden sind, sondern dass sie auch als heute immer noch zur Religionsausübung genutzte Orte zu respektieren sind.

Um dies darzustellen, habe ich bei diesem Foto aus dem Dom St. Blasien das alte, vergoldete und prächtig geschnitzte Tabernakel zusammen mit den in einer Runde davor aufgestellten schlichten Holzstühle moderner Bauart und dem Einbauschrank mit billigen Griffen aufgenommen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Peter Pietruk:

Ein goldenes Tabernakel steht in dieser Farbfotografie in der Nische einer schmucklosen Wand auf einem weissen Möbelstück, das aufgrund seiner kreisrunden Türgriffe wie ein Badezimmer-Beistelltischchen wirkt. Davor sind die Rückenlehnen solider, ebenso schmuckloser brauner Holzstühle im angedeuteten Halbkreis zu sehen.

Diese Fotografie appelliert an keinen meiner Foto-Rezeptoren. Sie ist weder ästhetisch, noch zeigt sie einen spannenden Sachverhalt, noch hat sie einen verblüffenden Effekt aufzuweisen. Darin liegt eine Stärke, aber auch sehr viel Schwäche:

Auf der Suche nach dem Grund des Fotografen, diese nicht nur unspektakuläre, sondern geradezu langweilige Szene abzulichten, schweift mein Blick vom Tabernakel unweigerlich zu den Türgriffen des Abstellmöbels und dann zu den Stuhllehnen. Hier passt irgendwie gar nichts zusammen.

An diesem Punkt baut sich der inhaltliche Widerspruch zusammen mit dem bildlichen Kontrast auf: In der katholischen Kirche ist das Tabernakel, der Aufbewahrungsort der Hostien, ein ausgesprochen zentrales Element und entsprechend prunkvoll und gut sichtbar platziert.

In dieser Kirche steht ein zwar prunkvolles Tabernakel, aber in einer geradezu tristen Umgebung, die es nicht weiter erhöht, sondern geradezu erdrückt und deplaziert wirken lässt. Der – mit Verlaub – ausgesprochen geschmacklose weisse Schrank darunter mit seinen Ikea-Griffen und die soliden, erzlangweiligen Stühle strafen die Festlichkeit des vergoldeten Gefässes Lügen.

Diesen Widerspruch zwischen Realität des (Kirchen-) Lebens und der Symbolik wolltest Du einfangen und ins Zentrum stellen, und das ist Dir offenbar gelungen. Entscheidend ist bei diesem Spiel mit der Erwartung, dem Gewohnten des Betrachters, dass Du ihn davon überzeugen kannst, dass genau das Deine Absicht war. Du verschiebst den Fokus auf etwas unspekatukälers und sagst: Schau hin! Das ist ein herausforderndes fotografisches Ausdrucksmittel. Das Problem besteht darin, dass solche Fotografien schnell als missglückt abgestempelt werden, wenn es ihnen nicht gelingt, die Botschaft hundertprozentig eindeutig zu transportieren.

Das wiederum ist Dir hier meines Erachtens genau nicht geglückt. Der Fokus vermeintlich zufällig auf den genannten Elementen. Ich entdecke sie nur, weil ich verzweifelt nach dem Sinn des Fotos suche, so dass ich schliesslich annehmen muss, dass es Dir um die „Hässlichkeit“ ging. Aber ausser mir werden die wenigsten Betrachter ohne den Kontext nach dieser Bildaussage forschen.

Dein Job bestünde darin, den Kontrast, deinen eigenen Fokus, derart stark herauszuarbeiten, dass es kein Darum-Herum-Sehen gibt. Diese Aufnahme funktioniert zweifellos ganz gut, wenn sie in eine Serie zum Thema integriert ist, aber selbst dann wirkt sie wie die rasch geknipste Dokumentation, die lediglich der unterstützenden Illustration für eine Textabhandlung dient.

Mir fällt angesichts des Bildes kein Patentrezept ein, was Du im vorliegenden Fall hättest tun können, aber vielleicht kommen ja Hinweise aus der Leserschaft; was mich jedenfalls stört, sind die abgeschnittenen Stühle, die Du dann im Text doch als integralen Bestandteil der Bildaussage bezeichnest – aber ich sehe keinen einzigen davon vollständig.

Du wolltest offenbar auch die Stimmung im Raum einfangen und hast diese halbseitliche Perspektive gewählt. Möglicherwerweise aber wäre ein Hochformat direkt vor dem Tabernakel viel klarer geworden, brutal frontal, mit zwei der Stühle unten, dem weissen Schrankmöbel klar im Zentrum und dem Tabernakel an den oberen Bildrand geschoben. Du musst das Tabernakel nicht als Fotograf ins Zentrum stellen, es sollte sich durch Prunk und Symbolkraft ja eben selber zum Zentrum erheben, und dass ihm das in dieser tristen Umgebung nur schwer gelingt, das ist deine Bildaussage. Demnach würde wahrscheinlich jede andere Perspektive, die das Tabernakel an den Rand drängt, dem Betrachter auf die Sprünge helfen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare
  1. Peter Pietruk sagte:

    Hallo Peter,
    hallo Uwe,

    erstmal vielen Dank für die Kommentare, die mir sicher helfen werden, künftig besser „auf den Punkt“ zu kommen- vor allem, dank des Hinweises, dass bestimmte Objekte wie das Tabernakel eben nicht unbedingt ins Zentrum zu stellen sind (Ich hatte es hier ja fein säuberlich mit der 1/3-2/3-Teilung probiert- auch der Beschnitt der Stühle erfolgte durchaus bewußt, weil ich von denen nur deren Erzlangweiligkeit zeigen wollte und die Aufstellung im Rund. Schade, dass das nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat). Das regt jedenfalls zum Experimentieren mit dem Bildaufbau an.

    Was den Vorschlag angeht, das ganze so zu fotografieren, dass die Stühle das Tabernakel verdecken:
    Im selben Raum steht im NOCH ein Tabernakel, ebenfalls in eine Nische gequetscht, größer als das andere und ebenfalls hinter Stühlen. Zumindest von diesem zweiten Tabernakel habe ich eine Aufnahme, wie es ganz hinter den Stühlen steht.
    Zum Vergleich habe ich das davon gemachte Bild hier in Netz gestellt:
    http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/1539355/display/24634032
    (ich hoffe, solche Links sind hier zulässig und funktionieren).

    Antworten
    • ubakel sagte:

      Ich finde, beide bilder haben natürlich etwas. Und ich bin ja ein großer Fan von den Kritiken hier, ich kann es nur nicht jeden Tag schreiben.

      Das 2. Bild – ein goldener Elefant, eingequetscht in einer Nische. Sehr nett!

    • Peter Sennhauser sagte:

      Haha. Das zweite Bild funktioniert viel besser – und es ist meiner ansicht nach kein Tabernakel (die Hostien werden in der Regel symbolisch hinter Türen weggeschlossen) sondern irgendein Sockel für eine Heiligenfigur, die hier durch die Blumen ersetzt wurde – der Widerspruch kommt deswegen zusammen mit den Stühlen so richtig durch. Ich fände eine Sammlung solcher „Kirchenrealitäts“-Bilder ausserordentlich spannend, wobei du es damit in keine Ausstelleung in einem Gemeindehaus schaffen dürftest…

  2. Uwe S sagte:

    Dem Allerheiligsten einer Kirche den Rücken zuwenden geht gar nicht. Die Aufstellung der Stuhlreihe ist so unsensibel, dass ein einfaches fotografisches Abbild der Situation, den Tabernakel stark in den Hintergrund treten lässt. Das verhindert, dass die Bildaussage auf den Punkt kommt.

    Vielleicht sollte man näher ran gehen und durch einen tiefen Standpunkt, die Verdeckung des Tabernakels durch die Stuhlreihe stärker herausarbeiten. Freilich müssen die resultierenden stürzenden Linien und die evtl. auftretende Verzeichnungen des Weitwinkel-Objektivs korrigiert werden, damit der Eindruck der Schlichtheit des Raums erhalten bleibt.

    Antworten

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