Blumenbild:
Zeitdimension durch Bokeh

Mit langer Brennweite, kurzer Fokusdistanz und weit offener Blende lassen sich die typischen Bokeh-Kreise im Hintergrund erzeugen – was durchaus eine vierte Dimension schaffen kann.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Annemarie Berlin).

Kommentar des Fotografen:

Bei diesem Bild reizte es mich besonders, die im von der Sonne beleuchteten Hintergrund stehenden Blüten als Kontrast mit einzubeziehen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Annemarie Berlin:

Eine Krokus-Blüte stösst in dieser Tele-Farbaufnahme im Schatten im rechten Vordergrund durch den von dürrem Laub bedeckten Boden. Dahinter ist in der linken Bildhälfte in der Unschärfe der Tiefe eine weitere gelbe Doppelblüte zu erkennen, die sich gegen oben in den grossen Bokeh-Kreisen vor einem hell erleuchteten Hintergrund auflöst.

Bokeh stammt aus dem Japanischen und steht für „unscharf, verschwommen“;

in der Fotografie bezeichnet man damit die „Qualität“ der Unschärfebereiche in einer Aufnahme mit geringer Schärfentiefe. Als angenehm wird dabei die Auflösung der Konturen in Kreisen empfunden. Deren Form ist angeblich von den Lamellen der Blende im Objektiv abhängig, die genauen Ursachen für die Art des Bokeh sind angeblich allerdings noch immer unklar.

Klar ist aber, dass hier ein wunderschönes Bokeh eine Blumenfotografie noch besser macht, als sie ohnehin war. Du hast dazu eine sehr tiefe Perspektive gewöhlt, um Dich dem Waldboden, aus dem der Krokus spriesst, anzunähern; Du hast ausserdem mit extrem langer Brennweite und relativ geringem Fokusabstanz gearbeitet, so dass der Hintergrund in diese verträumte Unschärfe getaucht wird. Und Du hast darauf geachtet, auch in der Vordergrund-Unschärfe ein Objekt zu haben, was dem Bild zusätzliche Tiefe verleiht.

Das alles macht das halbe Bild, aber das ganze entsteht erst durch die ungewöhnliche und extrem stimmungsvolle Lichtverteilung. Du hast nicht ein Subjekt ins Licht gestellt und den Hintergrund in den Schatten zu legen versucht, wie man das gefühlsmässig am ehesten tun würde, sondern Du lässt den kleinen, feinen Krokus im kühlen Schatten sein Dasein in der Schärfenebene entfalten, um ihn im Hintergrund in der Unschärfe, in grösserer Majestät und in der Wärme der Frühlingssonne zu voller Pracht kommen zu lassen – aber eben nur als Schein, praktisch als Abbild der Zukunft.

Du packst dadurch in ein Bild von starker Ebenenwirkung auch verschiedene Zeiten: Gegenwart und Verheissung der Zukunft. Das ist, jenseits der sauberen Technik, eine grandiose kompositionelle Transformation von Bild- in Zeitebenen. Dazu kann ich nur gratulieren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Annemarie Berlin says:

    Hallo

    Ich freue mich, dass ihr mein Bild für die Kritik ausgewählt habt und freue mich natürlich sehr über deine Zustimmung dazu.
    Wie ich jetzt sehe, sind die Exif-Daten nicht mitgekommen. Ich liefere sie hier nach. Vielleicht interessiert sich ja jemand dafür.
    Entstanden ist das Foto mit dem 150mm Makro, Blende 2.8, 1/160s, +0,7LW, ISO 50.

    LG
    Annemarie

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] und senkrecht draufschauen. Das heisst wiederum, ähnlich wie bei der Blumenfotografie, dass eine ungewohntere Perspektive auf das Hauptmotiv zusätzliche Spannung schaffen könnte: in einem sehr flachen Winkel, mit einem sichtbaren […]

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