Jürgen Heinemann/Tobias Zielony:
Zwei Generationen

Zwei Fotografen verschiedener Generationen – der älteren, der jüngeren: Jürgen Heinemann und Tobias Zielony. Was trennt sie, was vereint sie?

Jürgen Heinemann: Semana Santa, Sevilla, 1960

Der Ältere (Jürgen Heinemann) wie der Jüngere (Tobias Zielony) teilen ein grundsätzliches fotografisches Interesse an der Gesellschaft. Ihre Einstellung zur Fotografie unterscheidet sie.

Jürgen Heinemann: Arbeiterfamilie in Maracaibo, Venezuela, 1969

In der Ausstellung „Dabeisein“ im Essener Folkwang-Museum stehen sich die Arbeiten von Jürgen Heinemann und Tobias Zielony gegenüber. Heinemanns Bilder sind expressive Schwarz-Weiß-Fotografien von Armut und politischem Protest in der Dritten Welt – entstanden in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Sie wurden wurden als bildjournalistische Werke in Zeitungen gedruckt und für Plakate genutzt. Seine Bilder und sein soziales Engagement hatten die Chance, ein breites Publikum zu finden.

Tobias Zielonys großformatige Farbfotografien von Jugendlichen aus den Randzonen europäischer Städte werden in Galerien und Museen gezeigt und richten sich an ein Kunstpublikum.

Tobias Zielony: Blaue Jungs, a. d. Serie Ha Neu, Halle, 2003

„Ich ziehe halt andere Verbindungen als die klassische Dokumentarfotografie oder bildjournalistische Strategien, die oft eng an politische oder aufklärerische Ideen gebunden sind“, sagt Zielony (Interview abgedruckt im Katalog zur Ausstellung Dabeisein (Affiliate-Link), Steidl-Verlag Göttingen, 2011).

Im Vorwort zum Katalog „Dabeisein“ wird Wolfgang Tillmans zitiert (fokussiert.com: Das Wunder der Fotochemie):

Gefragt nach den Bildmustern, die die Fotografie unserem Blick auf die Welt eingeprägt hat, antwortet Wolfgang Tillmans (2009) mit einem Plädoyer für die Vermischung von angewandter und künstlerischer Fotografie: „(…) eine Beschränkung auf Kunst wäre natürlich auch problematisch. Weil Fotografie viel mehr ist: die medizinische Fotografie, die technische Fotografie, der ganze Amateurbereich. Man kann Unterschiede nicht komplett aufheben. Du denkst, mittlerweile müsste es eine Zeit sein, in der man gar nicht mehr zwischen diesen Dingen trennt und als Künstler keine Berührungsängste haben sollte.“

Der Direktor des Museums Folkwang, Hartwig Fischer, und Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung, ziehen im gleichen Katalogvorwort diesen Schluss:

Die Aufhebung der Unterschiede hat die jüngste Generation von Fotografen vielleicht tatsächlich vollzogen … Die zeitgenössischen Fotografen beziehen ihre Bildmuster sowohl aus der journalistischen und werblichen als auch aus der technisch-wissenschaftlichen Fotografie. Sie reflektieren das vorhandene Bildrepertoire und thematisieren die veränderten Kommunikationswege.“

Tobias Zielony: Steg, a. d. Serie: Ha Neu, Halle, 2003

 

Was heisst das also? Vielleicht: Weniger in Schubladen einsortieren. Mehr fragen: Welche Erkenntnisse verschaffen mir diese Arbeiten? Auf allen Ebenen: menschlich, politisch, ästhetisch, technisch, philosophisch, poetisch – oder was sich sonst noch denken lässt. Und sich dann fragen: Was möchte ich ausdrücken?

Jürgen Heinemann, Jahrgang 1934, lebt und arbeitet in Potsdam. Unter anderem lehrte er Fotografie und Bildjournalismus an der FH Bielefeld. Er hatte an der Folkwangschule in Essen bei Otto Steinert studiert und gewann 1963 den World Press Photo Award in der Kategorie „Das künstlerische Pressefoto“.

Tobias Zielony, Jahrgang 1973, studierte in Leipzig und war Meisterschüler bei Timm Rautert. 2009 wurde er schon selbst Professor für Fotografie in Köln, er lebt in Berlin. Wir haben bei fokussiert.com schon einmal über ihn berichtet: Trona: Ist es leicht, jung zu sein?

Jürgen Heinemann/Tobias Zielony – Dabeisein
Bis 26. Juni
Museum Folkwang, Museumsplatz 1, D-45128 Essen
+49 201 8845 444, info@museum-folkwang.essen.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Freitag bis 22.30 Uhr
Geöffnet: Karfreitag, 1. Mai, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam

Museum Folkwang Essen

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