Berglandschaft: Die Birkengruppe

Manchmal braucht man nicht mehr als eine Baumgruppe für ein sensationelles Bild. Oder doch: Das Auge, sie zu sehen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Thorsten Domeyer).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand in der Nähe des Hardangervidda in der Eidfjord-Gegend (Norwegen). Mir gefiel die Gruppe von Bäumen in der sonst eher kargen Landschaft. Schwierigkeiten bereitete bei der Nachbearbeitung das Herausstellen des Motivs, da die Aufnahmebedingungen nicht optimal waren (Mittagssonne, Dunst). Aufgenommen mit einer Canon 5D Mark 2 + Canon 17-40 f4L + Zirkularpolfilter, nachbearbeitet in Adobe Lightroom 3 mit Nik-Plugins.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Thorsten Domeyer:

In einer eindeutig nördlich-kühlen Tundra-Landschaft mit noch halb schneebedeckten Hügeln oder Bergen im Hintergrund steht in diesem Farbfoto eine Gruppe von drei Birken inmitten von buntem Moos auf einem Stück vom schnee befreiten Bodens. Die von den harschen Bedingungen gezeichneten und gekrümmten Bäume in der linken Bildhälfte werden ergänzt durch einen einzelnen, nach rechts in die Waagerechte weggekippten Baum. Im Vordergrund zieht sich eine kompakte Schneedecke wie ein wildes Gewässer an den Erdvorsprung heran, auf dem die Birken stehen.

Was soll man sagen: Schlechte Bedingungen, karge Landschaft, grossartige Fotografie.

Auch wenn ich grundsätzlich nicht zu anderen Zeiten als rund um Sonnenauf- oder Untergang in die Landschaft ziehe, um zu fotografieren – hier bin ich mir nicht einmal sicher, ob abendliches Licht die Szene besser zur Geltung brächte.

Dass ich ein hoffnungsloser Romantiker bin, ist wohl inzwischen deutlich geworden; dass dies ein weiteres Bild ist, das einem Caspar David Friedrich gerecht würde, lässt es natürlich in meiner Gunst steigen.

Aber abgesehen von der subjektiven Vorliebe für stimmungsvolle Bilder mit versteckter Dramatik – der kurz vor dem Sturz in die Schneemassen stehende Baum rechts erheischt Mitleid, die andern drei scheinen sich schutzsuchend in dieser erbarmungslosen und in ihrer Kargheit dennoch unglaublich schönen Landschaft aneinander zu klammern – hat dieses Bild viele Qualitäten, die aus einer hervorragenden Komposition, einer sorgsamen Ausschnittswahl und einer sehr bedachten Nachbearbeitung rühren.

Die Aufteilung ist kaum besser machbar: Die verschiedenen Tiefenebenen sind auch durch Kontrastunterschiede klar voneinander abgegrenzt in Schneefläche, Moorhügel und bergigen Hintergrund und greifen zugleich entlang weicher Linien ineinander. Die Begrenzung der Schneefläche vorne, das „Ufer“, biegt sich in der Bildmitte in weichem Schwung nach hinten in die Tiefe und wird im „S“ des Tals zwischen den Hügeln nahtlos weitergeführt in die grösste Distanz.

Der Himmel ist nicht langweilig blau und kalt, sondern unterstreicht mit einem Verlauf aus Nebel und Dunst von links nach rechts den Eindruck des abziehenden Winters.

Darin stehen, in einer leicht zu Sepia neigenden Farbpalette, die vier Bäume, die das Subjekt des Motivs ausmachen und die wie Schauspieler auf einer Theaterbühne das Drama des Lebens in der Tundra nachspielen.

Dabei ist trotz oder wegen des dunstigen Lichts die Belichtung der weissen Stämme perfekt gelungen oder perfekt nachbearbeitet, die Schlagschatten stören beinahe gar nicht, und die fein verästelten Kronen der drei Bäume zur Linken sind genau im richtigen Winkel vor dem Himmel frei gestellt, so dass sie ihre volle Wirkung entfalten können.

Selbst der Schnitt ins Quadrat, von dem ich ausser in begründeten Ausnahmen absehe, passt hier perfekt, ohne dass eine Symmetrie notwendig ist, welche die gleichlangen Seiten ansonsten meistens aufgreifen muss – die Linien- und Flächenaufteilung passt in das Bild wie eine perfekt platzierte Miniatur in einem Setzkasten.

Einziger Wermutstropfen vielleicht sind die beiden Bäume hinter der Gruppe in der Ferne. Man könnte darüber diskutieren, ob es nicht vertretbar und sinnvoll wäre, sie weg zu retuschieren.

Ein dramatisches, ausdruckstarkes Bild, zu dem ich nur gratulieren kann.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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