Naturfoto: Mehr als Dokumentieren

Seltsame Tiere sind ein faszinierendes Fotomotiv. Bloss sollten auch sie nicht einfach „abgebildet“ werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stephan Rehberg).Kommentar des Fotografen:

Beim Besuch in einem Schmetterlingshaus auf Bornholm faszinierte mich diese Raupe durch die feinen, fast pelzigen Strukturen an ihren „Auswüchsen“ und ihre Farben. In GIMP beschnitten und Helligkeit/Kontrast verändert.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Stephan Rehberg:

Eine sehr eigenartig anmutende Raupe krabbelt in diesem extremen Querformat im eleganten Schwung einem Blattstil entlang. Das Bild ist hart an die Umgebung der Raupe geschnitten.

Sonderbare Tiere sind faszinierende Fotomotive, und viele von ihnen findet man in der Makrowelt. Für Lehrbücher und Insektensammler gelten denn auch in der Fotografie andere Regeln als für den gemeinen Amateurfotografen.

Sie würden darin bestehen, das Tier in möglichst eindeutig erkennbarer und vollständiger Form abzubilden. Das hiesse, in einer Position, die dem Betrachter auf den ersten Blick Form und Farbgebung, Anordnung der Extremitäten und die Position des Kopfes zu eruieren erlaubte – grade bei einer Raupe ja nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Dein Bild zeigt das gesamte Tier und ist so hart an den Körper heran geschnitten, dass zu vermuten ist, Du wolltest nichts anderes, als das Tier zu „dokumentieren“. Dann allerdings ist die kopfüber-Position nicht ideal. Der Kopf des Tieres ist kaum zu sehen, dafür erhaschen wir einen Blick auf die seltsamen, blauen, behaarten Füsschen und das rosafarbene Detail am hinteren Ende. Vielleicht hätte man warten können, bis sich das Tier auf der oberen Seite eines Blattes oder Blattstils positioniert – Geduld gehört auch bei der Dokumentarfotografie dazu.

Wenn Du aber mehr wolltest, als eine Abbildung des Wesens anzufertigen; sprich, wenn es dein Anliegen war, eine gute Fotografie zu machen, die auch Nicht-Insekten-Fanatiker begeistern könnte, dann ist die Art der Aufnahme unglücklich gewählt. das Bild hat, obwohl mit Blende 2.8 aufgenommen und mit einem stark verwischten Hintergrund gezeichnet, sehr wenig Tiefe, die Raupe liegt fast vollständig genau plan in der Fokusebene. Die „Draufsicht“ im nahezu rechten Winkel verunmöglicht den Schärfentiefeneffekt, obwohl am hinteren Ende der Raupe eine leichte Unschärfe zu erkennen ist. Das Augenmerk des Betrachters wird nicht auf das Wesen gelenkt, was durch eine Aufnahmetechnik besser gestaltet werden könnte, bei der der Kopf des Wesens im Fokus steht und die Raupe scheinbar auf uns zu krabbelt. Und der harte Beschnitt der Fotografie schliesslich lässt ihr weder Raum, sich zu bewegen, noch dem Betrachter, ihr Umfeld zu erkunden.

Dir ist es hier zwar gelungen, die Raupe sehr scharf und mit den von Dir bemerkten Details deutlich sichtbar abzubilden. In deinem Bestreben, das hinzukriegen, hast Du aber alle anderen fotografischen Grundsätze ausser Acht gelassen und am Ende sogar alles an der Fotografie als „überflüssig“ weggeschnitten, auf dem nichts von der Raupe zu sehen ist.

Das Resultat besteht darin, dass jeder Betrachter hier ein spannendes Motiv erkennt – aber keine spannende Fotografie. Der nächste Schritt in Deiner Lernstrategie müsste es sein, beides unter einen Hut zu bringen. Es sei denn, Du bist Insektenforscher, und die Kamera ist nur Dein Notizblock.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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