Michael Ruetz: Sichtbare Zeit

Michael Ruetz beschäftigt sich fotografisch in vielerlei Hinsicht mit dem Thema Zeit. So fotografierte er über Jahrzehnte immer wieder dieselbe Ansicht einer Landschaft.

Michael Ruetz – aus: Sichtbare Zeit II – Eye on Infinity II

Ohne die Fotografie wüssten wir nur andeutungsweise etwas von der Zeit, meint Michael Ruetz. Seine Serien „Sichtbare Zeit II – Eye on Infinitiy“ sind aktuell in Potsdam augestellt.

Wir kennen Michael Ruetz vor allem als Fotografen der Studentenbewegung. Diese Bilder haben wir bei fokussiert.com auch schon vorgestellt: Der Fotograf der 68er-Bewegung. Damals fotografierte Michael Ruetz auch den Prager Frühling; er zeigte Griechenland zur Zeit der Militärdiktatur, Chile nach dem Wahlsieg Salvador Allendes und Guinea-Bissau im Unabhängigkeitskrieg. Aus der Zeit um 1970 stammen Porträts von François Mitterrand, Helmut Kohl und anderen europäischen Politikern. Die neueren Projekte setzen sich eben mit den Möglichkeiten der Visualisierung von Zeit und der Vergänglichkeit auseinander.

Michael Ruetz – aus: Sichtbare Zeit II – Eye on Infinity II

Rolf Sachsse, Professor für Designgeschichte und -theorie in Saarbrücken, schreibt zu Ruetz‘ Potsdamer Ausstellung:

Fotografien sind Zeitkonserven – auf eine ganz vertrackte Weise, denn sie geben nicht preis, welche Zeit sie speichern oder zeigen. Die Momentaufnahme einer tausendstel Sekunde bildet die gleiche Fläche, Perspektive und räumliche Situation ab wie eine Langzeitbelichtung von vierzehn Stunden. Genau darum geht es in Michael Ruetz’ Projekt „Die sichtbare Zeit“: Wie die Zeit Bilder formt, die selbst eine andere zeitliche Existenz haben. Die Mittel, derer er sich bedient, mögen zunächst wie eine Form romantischer Landschaftsfotografie anmuten; sie sind aber – durchaus wie die Arbeit vieler Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts, kurz bevor oder während die Fotografie erfunden wurde – streng konzipiert, nach wissenschaftlichem Vorbild. Die Vorbilder des Fotografen liegen dabei gerade nicht in der frühen Fotografie, sondern in der Malerei und der Literatur.

Michael Ruetz – aus: Sichtbare Zeit II – Eye on Infinity II

Auf seiner Website schreibt Michael Ruetz unter „Eye on Time“ über Mnemosyne, die Muse der Erinnerung:

Mnemosyne. Ohne die Photographie wüssten wir nur andeutungsweise etwas von der Zeit. Die Photographie ermöglicht uns, die Zeit im Auge zu behalten, to keep an eye on time. Die Photographie zeigt unvermeidlich das Vergangene. Kaum ist es verewigt, da ist es schon nicht mehr. Es stirbt und wird. Dies eben ist der Antrieb, immer wieder nach der Gegenwart zu greifen. Sie stirbt bei der Geburt, »navigating the tightrope between imminence and absence, being at once accessible and unobtainable, perpetually present and at the same time distant enough to create a chasm …« – »gratwandernd zwischen Nähe und Distanz, so zugänglich wie nicht zu haben, stets um ihn herum und doch so weit entfernt, dass der Abgrund zwischen beiden offen bleibt …«. Francine Prose schrieb dies über Musen im allgemeinen, speziell aber über Edward Weston’s dritte oder letzte Muse Charis Wilson. Der Satz gilt für die Musen wie auch für die Zeit. Die Zeit: was ist sie anderes als eine Muse, die Muse der Photographie?

Michael Ruetz – aus: Sichtbare Zeit II – Eye on Infinity II

 

Michael Ruetz, Jahrgang 1940, ist Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule der Bildenden Künste in Braunschweig. Auf Michael Ruetz‘ Website können wir viel über ihn und seine Zeitprojekte lesen, allerdings noch nichts sehen. Das soll „in Kürze“ der Fall sein. An Bildbänden gibt’s von ihm einiges, vieles im Göttinger Steidl-Verlag erschienen. Das aktuelle Buch mit den Bildern aus der 68er-Zeit heißt Die unbequeme Zeit: Das Jahrzehnt um 1968 (Affiliate-Link), Steidl-Verlag 2008. Zu den Zeit-Studien gibt es Eye on Eternity (Affiliate-Link), Seemann-Verlag 2007.

Michael Ruetz – Sichtbare Zeit II – Eye on Infinity II
Bis 19. Juni
Kunstraum Potsdam, Schiffbauergasse 4d, D-14467 Potsdam
+49 (0)331 2715 630, info@kunstraumpotsdam.de
Geöffnet Mittwoch bis Sonntag 12 – 18 Uhr

Michael Ruetz
Kunstraum Potsdam

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