Nachtaufnahme:
Die quicklebendige Innenstadt

Architektur, Standort, Tageszeit, Belichtungszeit, Brennweite und Bildbearbeitung: Das sind die Faktoren, um dieses Foto zu einem lebendigen und beeindruckenden Architekturfoto werden zu lassen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Heuckeroth).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto ist im Geschäftsviertel von Paris aufgenommen – dem gigantischen Stadtteil La Defense mit seinen vielen imposanten Bauten. Ich hatte vorher schon Ansichten von diesem Standort gesehen und wollte meine eigene Version festhalten. Ich habe begonnen bei Sonnenuntergang Fotos zu machen und fotografiert bis das letzte Bisschen der blauen Stunde am Himmel verschwunden war. Später habe ich mir aus den Aufnahmen den für mich perfekten Moment der blauen Stunde herausgepickt. Der gewählte Standort zeigt die Sicht auf zwei Welten und ihre Grenzen, das Geschäftsviertel mit seinen Bürotürmen und unterirdischen Straßen sowie einen Vorort im Hintergrund. Der Fußsteg links im Weg verbindet beide Welten. Das Foto besteht aus mehreren einzelnen Hochkantaufnahmen, die jeweils mit 17mm an einer Vollformatkamera aufgenommen wurden und später zum fertigen Panorama zusammengefügt wurden.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Johannes Heuckeroth:

Architekturfotos können schnell langweilig und leblos aussehen. Umso schöner ist es, wenn ein Fotograf es schafft, Bürogebäude und Straßen so mit einer Kamera festzuhalten, dass das quirlige Leben einer Großstadt – in diesem Fall der Stadtteil La Defense in Frankreichs Hauptstadt Paris – zum Greifen spürbar ist:

Dieser Eindruck wird durch sechs verschiedene Faktoren erzeugt. Die Architektur selbst, den Standort, die Tageszeit, die Belichtungszeit, die Brennweite und die Bildbearbeitung. Schauen wir uns diese Faktoren genauer an:

Die meisten Architekten lieben gerade Linien und rechte Winkel. Das führt zu einer eher überschaubaren Formenvielfalt. Fotografisch viel spannender sind die Gebäude, bei denen sich Architekten nicht daran halten. Die Gebäude im Foto sind geschwungen, halbrund und ziehen deshalb die Blicke auf sich. Auch die Straßen sind nicht gerade, sondern geschwungen und überkreuzen sich mit Brücken und Tunneln.

Der Standpunkt trägt natürlich dazu bei, möglichst viele dieser Gebäudeformen vorteilhaft im Bild zu haben. Ohne den gelblich beleuchteten Vorort links wäre das Bild zu hell, und eine wichtige Komponente des Fotos ist auch die weiße, gerade Kante des Gebäudes in der Mitte. Die richtige Tageszeit sorgt dafür, dass im Himmel noch Struktur zu erkennen ist, aber es schon so dunkel ist, dass viele Fenster beleuchtet sind und die Autos mit Licht fahren. Das ist ein Vorteil für den vierten Punkt, die Belichtungszeit. Bei 25 Sekunden und Feierabendverkehr wirken die Straßen durch die Autoscheinwerfer wie nachgemalt. Durch die unterschiedlichen Farben der Blinker und Rücklichter kommt noch etwas Abwechslung ins Spiel.

Die gewählte Brennweite, mit 17mm sehr weitwinklig, sorgt durch das blaue Geländer im Vordergrund für eine bessere Tiefenwirkung. Außerdem schließt das Bild dann oben und unten blau ab. Die leere Straße links führt den Betrachter immer wieder ins Bild rein, und die Augen fahren im Bild hin- und her wie auf einer Carrera-Bahn. Am Computer bekam dieses Foto den letzten Schliff. Der Fotograf erwähnt es nicht ausdrücklich, aber vermutlich wurden im Bild die Helligkeitsunterschiede mittels HDR ausgeglichen.

Eine Aufnahme, wie sie theoretisch jeder machen und wiederholen könnte. In der Praxis wird es vielen jedoch schwer fallen, dieses Foto zu wiederholen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Antworten
  1. Swonkie says:

    obwohl mir dieses bild zu „kitschig“ ist, hab ich heute die website von johannes besucht – und bin schwer beeindruckt. ich würde allen empfehlen da mal vorbei zu schauen.
    gratulation zu dem starken portfolio.

    Antworten
  2. Andre says:

    Eine Frage zum Verstaendniss. Dieses Bild wurde aus mehreren Einzelaufnahmen mit jeweils 17 mm Brennweite aufgenommen, das heisst doch, dass die eigt. Brennweite dieses Bildes deutlich kleiner als 17 mm ist, was dann am Ende zu dieser Kruemmung der Gebauede und Strassen fuehrt, oder?

    Antworten
    • Swonkie says:

      ich weiss nicht ob man das technisch so sagen kann. aber ja, der effekt ist, dass das bild quasi mit einem extrem-weitwinkel aufgenommen wurde. man kann ja sogar 360° panoramen machen und in einem rechteckigen bildformat darstellen (linker und rechter bildrand sind identisch). es wird irgendwann surreal und man kann natürlich kein objektiv bauen das so ein bild auf einmal aufnehmen kann, also lässt sich vermutlich auch keine brennweite zuordnen.

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  1. […] hochkant-Fotografien – und das ist, zusammen mit der Langzeitbelichtung und der Komposition, dermassen gut gelungen, dass die Kritiker es durchwegs hoch bewertet haben – und Johannes den Preis für das Bild des […]

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