Strassenfoto: Situationen vorhersehen

Street oder Strassenfotografie ist nicht gleich Schnappschuß. Effektive Fotos sehen Situationen vorher, erzählen Geschichten.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Max Denzer).

Kommentar des Fotografen:

Hallo, aufgenommen habe ich das Photo im Sommer auf Gomera. Ich musste schnell reagieren, bevor die Muslimin hinter der Ecke verschwand, und habe in der Eile die Füsse abgeschnitten. Dennoch ist es mein Lieblingsphoto aus diesem Urlaub. Man kann es abstrakt lesen, als Muster, oder aber auch als Kommentar zur Stellung vieler muslimischer Frauen in der Öffentlichkeit. Eure Kritik würde mich sehr interessieren.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Max Denzer:

Die von mir vielzitierte Helen Levitt war eine Meisterin der Straßenfotografie. Über Jahrzehnte hinweg hat sie unzählige Bilder von New York geschossen. Diese sind zum Teil unscharf oder haben andere technische Mängel, über die man aber hinweg sehen kann, weil die Fotos an sich so gut getroffen, so einprägsam sind.

Gute Straßenfotografie sieht Situationen vorher:

Der Fotograf befindet sich irgendwo in der Menge und nimmt, vom Fotografierten oft unbemerkt, eine Szene auf, die sich vor ihm entfaltet. Das löst in Deutschland oft Grundsatzdiskussionen zum Thema Persönlichkeitsrecht aus, in den USA aber etwa gilt der Grundsatz von „reasonable expectation of privacy“ oder der „berechtigten Erwartung des Persönlichkeitsschutzes“. Was so etwa heißt, wenn man sich in einer Situation befindet, wo man erwarten durfte, daß die Privatsphäre gewahrt werden wird, ist das eine Sache (daheim etc.), sich in einem öffentlichen Raum aufzuhalten eine andere. Ich persönlich finde grundsätzlich diese Handhabe die richtige, aber das sei jetzt einmal dahingestellt.

Du hast hier eine muslimische Frau von hinten aufgenommen, wie sie gerade um eine Ecke verschwindet. Diese ist voll verschleiert, und der Schleier besticht mit interessanten Farben und Muster. Ich nehme mal an, daß Dich gerade das an ihrer Erscheinung gereizt hat.

Vor kurzem habe ich im Spiegel über Ayse Tasci gelesen, die eine ganze Diskussion dem Thema Verschleierung gewidmet hat. Abgebildet sind verschleierte Frauen, doch steht bei den Fotos der Schleier im Mittelpunkt. Sie sprach auf der Straße mögliche Modelle an, lud sie ein, bekam ihre Zustimmung zu den Aufnahmen.

Muslime haben im allgemeinen sehr strikte Moralvorstellungen, was die Rolle der Frau und ihre Erscheinung innerhalb und außerhalb des Hauses angeht. Man kann deshalb hier diskutieren, ob es angebracht war, diese Frau von ihr unbemerkt zu fotografieren, wenn sie sich auch in einer öffentlichen Situation befand.

Was mich vom Fotografischen her stört, ist der Schnappschußcharakter dieses Fotos. Street erzählt eine Geschichte in einem Foto. Abgesehen von den abgeschnittenen Füßen usw., die mir natürlich sofort auffielen, der ausgebrannten Wand rechts, der fehlenden Farbkorrektur: Es sagt für mich nichts aus, außer, daß die Frau einen interessanten Schleier anhatte. In diesem Foto passiert nichts. Sie interagiert mit niemandem, es gibt keinen Kontext, der es für mich interessant macht. Es ist daher wohl als Urlaubserinnerung ein schönes Foto für Dich, aber für mich als Betrachter eines, das ich beiseite legen würde, weil mir alle positiven Gefühle, die Du von diesem Urlaub mitgebracht hast, fehlen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. peter gutzat sagte:

    das find ich einfach NUR klasse !!!

    life is life …………………………….

    bestens gesehen u. reagiert. ich denke die füsse hätte der grafierer gern mit abgelichtet. zu spät am drücker.

    gruss peter gutzat

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