Konzeptfoto:
Regungslos starrt die Frau

Ein Motiv ist entweder logisch oder so überdreht, dass es lustig oder skurril wirkt. Einer teilnahmslos schauenden Frau einen Regenschirm in die Hand zu drücken, reicht allerdings nicht.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Walther).

Kommentar des Fotografen:

Porträt einer jungen Frau, symbolisch ins Spannungsfeld zwischen beschleunigter Ökonomie und persönlicher Zurückhaltung und Zweifel an deren Menschlichkeit gesetzt.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Johannes Walther:

Mehrmals musste ich die Bemerkungen des Fotografen zum Bild lesen. War der Kommentar ernst gemeint? Oder sollte hier mit einem Augenzwinkern die ausufernden Künstler-Beschreibungen zu ihren Werken auf die Schippe genommen werden?

Ich befürchte jedoch, der Fotograf meint es ernst, wenn er von „Spannungsfeld zwischen beschleunigter Ökonomie und persönlicher Zurückhaltung und Zweifel an deren Menschlichkeit“ redet.

Aber widmen wir uns dem Foto:

Der U-Bahnhof ist eine schöne Location, besonders gefällt mir die Zahnräder-Installation an der Decke, welche dem röhrenförmigen Bahnhof ein futuristisches Antlitz verleiht. Auch die gewählte Langzeitbelichtung von einer guten Sekunde wurde technisch gut umgesetzt, was dazu führt, dass der Zug rechts aus dem Bild rausschwebt und der Mann auf der rechten Bahnhofsseite wie ein Geist schimmert.

Dem Hauptmotiv, der jungen Frau links im Bild gebührt Respekt davor, ohne zu wackeln still gehalten zu haben. Aber das war es leider auch schon. Die „entschleunigte Ökonomie“ kann ich im Gegensatz der Zug-Bewegung und des Verharrens der Frau noch erkennen. Mehr aber nicht.

Was soll der Regenschirm im Bild? Warum starrt die junge Frau mit regungsloser Miene ins Nichts? Hat die gewöhnliche Alltagskleidung einen tieferen Sinn? Ich vermute: Der Fotograf wollte eine junge Frau fotografieren, diese kam in ihren normalen Klamotten zum Shooting, er stellt sie in einen Bahnhof und formuliert danach wohlklingende Thesen, welche das Motiv zu einem Kunstwerk machen sollen.

Sorry, aber entweder ergibt ein Bild Sinn oder das Motiv wird so überdreht, dass es lustig oder skurril wird, zum Beispiel, wenn die Frau neben Regenschirm auch Gummistiefel und einen Rettungsring getragen hätte oder mit Fächer und Sonnenhut auf dem Bahnsteig regungslos im Liegestuhl gelegen hätte. So bleibt das Bild ein Foto mit einer Frau, die ausdruckslos guckt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Swonkie says:

    die beschreibung ist echt stark.

    ich würde sagen die beschleunigte ökonomie wird durch den wegbrausenden zug und die zahnrad-maschinerie dargestellt. die persönliche zurückhaltung – naja die frau ist nicht eingestiegen :)

    ich glaube, wer sowas schreibt, hat sich was gedacht. somit tippe ich auf sarkasmus / augenzwinkern, und sage „sehr gut“!

    Antworten

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