Strassenszene: Versteckte grafische Schätze

Stadtlandschaften bieten viele versteckte Schätze: Fassadenausschnitte, Winkel und Kontraste – oder auch mal bunter Müll auf einer Litfasssäule.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Nils Waldow).

Kommentar des Fotografen:

Haben Sie sich schon mal gefragt,was sich alles auf Litfaßsäulen befindet? Nein? Ich bevor ich dieses Motiv sah auch nicht.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Nils Waldow:

Wir blicken in dieser Farbaufnahme von schräg oben auf etwas, was wir erst auf den zweiten Blick als Litfasssäule erkennen: Ihr Dach, das die gesamte rechte Bildhälfte aussmacht, ist bestreut mit Müll und bunten Dingen aus dem Alltag, die in wildem Durcheinander schon fast wieder ein Farbmuster bilden. Darunter ist eine Rasenfläche und ein Plattenweg zu erkennen, an dem eine kleine, grüne Mülltonne steht.

Diese Aufnahme besticht durch drei Elemente:

Die ausgesprochen ungewöhnliche Perspektive. Fotografen blicken fast nie beinahe senkrecht nach unten – weder in der Natur noch in der Stadt. Dabei lohnt sich der Blickwinkel bisweilen auch, wenn man nicht gerade auf dem Eiffelturm steht. Hier ist der Anblick besonders spannend, weil wir vermeintlich frei über der Liftfasssäule schwebend auf sie herabblicken und die Säule unter der Dachkrempe in der Verengung eine klare Perspektive zeigt.

Das Bunte Muster der Gegenstände auf dem Dach. Sie sind das eigentliche Motiv in ihrer Beliebigkeit, den Farbspielen und dem grandiosen Durcheinander – das aber erst durch die Gesamtsituation besonders spannend wird. Das ist ein wahres Fundstück unter den erwähnten Schätzen, die man in einer Stadt finden kann. Ich würde dieses Bild deswegen auch nicht als Strassenfotografie einordnen, die in der Regel Szenen des Lebens auf der Strasse zeigt, sondern als Stadtlandschaft – sorgsam komponiert und technisch ansprechend umgesetzt, nachdem das eigentliche Motiv entdeckt wurde.

Der inhaltliche KOntrast zwischen Motiv und Situation, der die Überraschung erst erkennbar macht: Der aufgeräumte Weg am ebenso sauberen, wenn auch etwas ungepflegten Rasen und daneben die Mülltonne, in die das meiste, was auf dem Litfasssäulendach liegt, gehören würde.

Die drei Kriterien machen ein stimmiges Ganzes aus der Fotografie, deren Hauptmotiv als solches wenig interessant und kaum fotografierbar wäre.

Was mir fehlt an dem Bild ist eine adäquate Nachbearbeitung: Aufgenommen mit einer recht einfachen Kompaktkamera, würde ihm ein bisschen Aufmerksamkeit in Lightroom oder Photoshop guttun. Da der Reiz der Objektsammlung auf dem Dach vor allem in deren Farbmischung liegt, hötte ich die Sättigung etwas erhöht und damit das Augenmerkt noch verstärkt auf die Farbkleckse gelenkt. Man könnte dogar daran denken, nachtröglich eine Schärfenuntiefe einzufügen – ich habe vor allem mit Bildern, die ich mit einer Kompakten geschossen habe, schon ganz gute Erfahrungen gemacht.

Aber auch ohne diese Zusatzgriffe handelt es sich um ein bemerkens-, jedenfalls aber um ein betrachtenswertes Bild, das durch grafische Rafinnesse ebenso wie durch den Inhalt fasziniert.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare
  1. Nils Waldow sagte:

    Hallo Herr Sennhauser,

    erstmal vielen Dank für die ausführliche Kritik. Man merkt auf Anhieb, dass Sie sich wirklich mit dem Bild auseinandergesetzt haben. Was die Nachbearbeitung angeht, gebe ich Ihnen natürlich recht, allerdings fehlt es mir noch an dem Know-how. Mit der damals benutzten Kamera sind natürlich keine Wunder zu erwarten, deshalb habe ich mir auch die Coolpix P7000 zugelegt.

    Schönen Dank nochmal und schönes Wochenende!

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