Strassenfotografie: Die Bühne Haltestelle

Im Alltag und auf der Strasse verhalten sich Menschen ihrem Kulturkreis und der Situation entprechend verschieden. Vor allem Wartesituationen haben es in sich.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Reinhard Krause).

Kommentar des Fotografen:

Tram-haltestelle; ursprünglich in Farbe. Das Foto wurde gemacht kurz bevor die Bahn kam – also wenig Zeit zum reagieren. „Aneinandergereite“ Personen, verschiedene Körperhaltungen, lässig-Großstadt, beiläufig.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Reinhard Krause:

Neun Personen sind insgesamt auf diesem frontal aufgenommenen Schwarz-Weiss Bild einer Tramhaltestelle in Berlin (?) zu sehen. Sie stehen dabei paarweise und allein, aber in einer Linie, wie aufgereiht auf der Perlenschnur, kümmern sich aber allesamt nicht um die anderen Wartenden.

Angeblich werden die Stockwerksanzeigern in Fahrstühlen immer hoch angebracht, damit sich die Menschen im Lift nicht in die Augen schauen müssen, sondern während der unangenehm gedrängten Fahrt gebannt woanders hinblicken können:

Mal abgesehen davon, dass in einer Liftkabine ganz einfach nur Anzeigen gesehen werden können, die über den Köpfen angebracht sind, steckt in der Urban Legend zumindest eine Beobachtung, die wir alle kennen: Menschen verhalten sich in öffentlichen Alltagssituationen je nach Kulturraum einigen ungeschriebenen Regeln entsprechend.

An der Tramhaltestelle beispielsweise, wo wie im Lift eine erzwungene Nähe entsteht – man hat gemeinsam nichts zu tun, und das bisweilen auf relativ engem Raum – blicken wir reservierten Westeuropäer gerne an den anderen Menschen vorbei.

Was mich an Deiner Aufnahme fasziniert, ist genau das: Hier stehen neun Menschen dicht beieinander und vermeiden tunlichst jede Interaktion, die über die bestehenden Paarungen hinausgeht.

Deine Fotografie macht das hier mit solcher Wucht sichtbar, weil alle Vektoren der Blickrichtungen woanders hin zeigen. Auch die physische Abgrenzung der Menschen voneinander ist deutlich sichtbar, die drei Einzelpersonen haben sich an die Ränder zurückgezogen, die Paare bilden jeweils einen geschlossenen Raum, und all das wird in einer Art sichtbar, als sei es arrangiert; ein Schaukasten des Warteverhaltens des gemeinen Westeuropäers, sozusagen.

In der Komposition hast Du nicht viel besser machen können, und dass die beiden Paare am rechten Strassenrand ganz direkt aus dem Bild schauen, ist zwar unangenehm, transportiert damit aber auch die etwas beklemmende Stimmung der Situation: Wenn wir uns dieser Gruppe zugesellen müssten, wo würden wir in den belegten Raum eindringen?

Zugleich aber erzählt das Bild jeder Person eine eigene Geschichte, die man sich ausdenken kann – es gibt viel zu entdecken in dieser Fotografie, und da Menschen uns mehr interessieren als alles andere, dürfte jeder Blick hier zumindest kurz hängen bleiben. Ob die Umsetzung in Schwarz-Weiss besser ist als in Farbe wage ich zu bezweifeln, ohne den Farbabzug gesehen zu haben.

Eine andere Frage ist bei Bildern wie diesem jene der Rechte: Die Menschen sind klar erkennbar und eindeutig nicht zufällige Nebensache des Bildes, sondern das Sujet selber. Meiner Laienhaften Einschätzung nach ist das ein Grenzfall, indem die Menschen zwar nicht unfreiwillig porträtiert wurden, aber dennoch das Recht auf eigenes Bild geltend machen könnten, weil sie klar das Motiv sind. Für eine kommerzielle Nutzung würde ich das Bild jedenfalls nicht verkaufen.

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8 Kommentare
  1. Reinhard Krause sagte:

    Hallo Peter S.
    Ich denke nicht nur an Strassenbahnhaltestellen -wie hier in der Kastanienallee-sondern auch an jedwigen anderen stehen die Menschen breit „gefächert“.(Fragen wir die Soziologen),
    Als “ reiner“ Amateurfotograf bin ich ja nicht auf einen Verkauf eines Bildes aus,aber es ist schon „bedrückend“ das man schon immer die „Furcht“ vor einer Anzeige beim fotografieren von Personen haben muß.
    Danke für die doch sehr ausführliche Kommentierung meiner Aufnahme. Reinhard Krause

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    • Peter Sennhauser sagte:

      Reinhard, gleich mit einer Anzeige musst Du wohl auch bei uns nicht rechnen, wenn Du so ein Bild schiesst und als Kunst veröffentlichst. Auch wenn die Paranoia in diesem Gebiet in Westeuropa inzwischen ein Ausmass jenseits jeglicher rationalen Diskussion (Streetview) eingenommen hat. In den USA ist wenigstens das einigermassen klar – öffentlicher Raum, Chance, fotografiert zu werden, punkt. Werbung machen sollte man dann aber mit solchen Bildern ohne Model Release dennoch nicht.

  2. Starkfried sagte:

    Nein, ich meine das überhaupt nicht ironisch. (Deine Formulierung hat etwas wunderbar selbstentlarvendes. Die Wahrheit hat sich sozusagen hinter deinem Rücken durchgesetzt, etwa so, wie wenn auf einem Gruppenfoto jemand hinter dem Kopf eines vor ihm stehenden mit 2 Fingern lange Ohren oder Hörner zeigt.)

    Auch durch noch so inflationäres Nachplappern wird die Behauptung, ein Bild könne (eine) Geschichte(n) erzählen, nicht wahrer. Ein Bild kann Ansatzpunkte (am liebsten spreche ich von Kristallisationspunkten) bieten, aus denen der Betrachter eine Geschichte entwickeln kann. Der Betrachter, nicht das Bild, erzählt eine Geschichte! Das Bild hält immer einen ZeitPUNKT fest, während eine Geschichte immer einen ZeitVERLAUF enthält. Falls Bilder einen erkennbaren Bezug zur erfahrbaren Wirklichkeit haben, kommen wir nicht umhin, ein Vorher und Nachher zu denken. Unsere Wahrnehmung der Welt ist immer zeitlich strukturiert. Allerdings ZEIGT uns ein Bild weder das Vorher noch das Nachher. Wir müssen uns schon selbst ausdenken, was vorangegangen sein mag und was folgt. Das Bild mag mehr oder weniger Anhaltspunkte dafür bieten, sozusagen Indizien, wobei die Projektion der möglichen Zukunft, die sich aus der gezeigten Situation entwickeln kann, wahrscheinlich wesentlich unsicherer ist, als die Rekonstruktion des vorhergegangenen aus den vorhandenen Indizien.

    Wie gesagt: Deine Formulierung spricht in ihrer unfreiwilliger Komik genau aus, was vom Geschichtenerzählen der Bilder zu halten ist.
    Gruß, Starkfried

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    • Peter Sennhauser sagte:

      So im Nachhinein kann ich natürlich schlecht behaupten, dass ich in meiner Formulierung ungefähr das erkannt habe, was Du so eloquent sagst… ist aber ein sehr Schöner Ansatz für einen Aufsatz, den man zum Thema mal schreiben müsste.

  3. Peter Sennhauser sagte:

    Hihi. Ich nehme an, Du meinst das ironisch – habe schon beim Schreiben gestutzt, die Verwicklung dann aber stehen lassen. Geschichten erzählen, die sich jeder selber ausdenken kann – nuja, irgendwie ist es ja doch so, oder?

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  4. Starkfried sagte:

    „Zugleich aber erzählt das Bild jeder Person eine eigene Geschichte, die man sich ausdenken kann“.

    Das ist der beste Satz zum Thema „Bilder erzählen Geschichten“, den ich je gelesen habe. Vielen Dank für die Klarstellung.
    Starkfried

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  1. […] zusammenzufügen.Gute Strassenfotografie schafft genau das. Wir haben unlängst festgestellt, dass Fotografien keine Bilder erzählen. Aber sie können und sollen einen Rahmen schaffen, welcher die Betrachter anregt, es selber zu […]

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