Gregory Crewdson: Amerikanischer Alptraum

Leere Straßen, verfallene Häuser, sprachlose Menschen in namenlosen Vorstädten: Gregory Crewdson inszeniert einen amerikanischen Alptraum.

Gregory Crewdson: Untitled, Esther Terrace, Beneath the Roses Series, 2006
„In a Lonely Place“ heißt die aktuelle Ausstellung in Berlin. Mysteriös, kalt und beklemmend erscheinen uns diese einsamen Orte in Crewdsons Bildern.

Gregory Crewdson betreibt er einen immensen Aufwand für seine Bilder. Er lässt Kulissen bauen, beschäftigt einen großen Stab von bis zu 150 Mitarbeitern und heuert Schauspieler an – wie bei einem Filmset. Für den Aufbau seiner „Traumbilder“ werden mitunter mehrere Tage benötigt. Nach den Aufnahmen bearbeitet er die Bilder am Computer.

Er kopiert dasselbe, mit verschiedenen Schärfenebenen aufgenommene Motiv übereinander und erreicht eine gleichmäßige Schärfentiefe – damit zugleich eine seltsam suggestive, fast übernatürliche Raumwirkung. Das Authentische und Dokumentarische des Mediums Fotografie wird außer Kraft gesetzt.

Gregory Crewdson: Untitled, Sanctuary Series, 2009-2010

In Crewdsons detailreichen Sets aus der Serie „Beneath the Roses“ machen die Menschen keine Anstalten, etwas zu ändern, sich zu wehren oder ihr Leben zu retten. Teilnahmslos, leer und ferngesteuert haben sie sich mit dem Mysteriösen des Alltags scheinbar abgefunden. Nicht der soziale Aufstieg ist in Szene gesetzt, sondern die seelischen Abgründe. Das Unheimliche ist das Vertraute von nebenan.

Anfang und Ende der Bild-Erzählungen liegen außerhalb des Auschnitts, so dass der Inhalt sich in einem Schwebezustand befindet. Jeder Anhaltspunkt erweist sich als trügerisch. Gregory Crewdson steht mit seiner inszenierten Fotografie in einer Linie mit Cindy Sherman oder Jeff Wall. Sein Werk ist zudem stark geprägt von der Bildwelt des Hollywoodkinos, insbesondere von David Lynch und Steven Spielbergs.

Gregory Crewdson: Untitled, Fireflies Series

In der Serie „Sanctuary“ zeigt Gregory Crewdson Dokumentarfotografien vom leeren Studio der Cinecittá in Rom – Stützkonstruktionen von Fassaden, Baugerüste, von Gras überwucherte Gassen, zerstörte Statuen, alte Graffiti und Wasserpfützen. So hebt er die Illusionstechniken hervor, die er vorher selbst für seine Sets genutzt oder gebaut hat.

Die dritte Serie in der Ausstellung namens „Fireflies“ besteht aus kleinen Schwarzweißbildern und zeigt einen radikalen Gegensatz zu Gregory Crewdsons sonstigem Stil der großformatigen Kino-Fotografien. Inhaltlich führen sie bisherige Themen jedoch weiter – Crewdsons Faszination für die gewöhnliche Landschaft, Licht als erzählerisches Element und die Natur als psychologisches Mysterium.

Gregory Crewdson, 1962 in Brooklyn geboren, ist der Sohn eines Psychoanalytikers und studierte an der State University of New York und der Yale University. Seit 1994 ist er Professor für Fotografie an der Yale University. Der Bildband In a Lonely Place (Affiliate-Link) erschien 2011 im Hatje Cantz-Verlag, Ostfildern.

Gregory Crewdson – In a Lonely Place
Bis 4. September
C/O Berlin, Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, D-10117 Berlin
+49 (0)30-28 444 16 0, info@co-berlin.com
Geöffnet täglich von 11 bis 20 Uhr

Gregory Crewdson bei Wikipedia
C/O Berlin

2 Kommentare
  1. CorinneZS sagte:

    Nachtrag: Habe Interviews mit Crewdson geguckt und andere gelesen. Finde nirgendwo einen Hinweis auf eine Verbindung zu Lynchs Sekte. Im Gegenteil: Crewdson macht einen extrem normalen Eindruck. Nehme die Unterstellung also zurück, bleibe aber auf Lynch wütend.

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  2. CorinneZS sagte:

    Leider scheint Crewdson nicht nur geprägt von der Bildwelt Lynchs, nein, er mag ihn auch. Lynch aber rekrutiert aggressiv auch Kinder und Jugendliche für eine Sekte, die propagiert, durch ihre Form der Meditation werde die Bosheit der Welt besiegt, wobei Lynch es schafft, öffentlich zu behaupten, wenn in Berlin 187 Personen seiner Lehre folgten, werde diese abartig böse Stadt gut, weniger Menschen würden arbeitslos und auch das Wetter werde angenehmer. Typisch für Lynch und Konsorten ist, dass die Schlechtigkeit der Welt gerne für Film, Musik und Bild inszeniert und dramatisiert dargestellt wird. Das Gedankengut dahinter ist totalitär, Demokratie auf dem Weg zur besseren Welt bloss lästig. Bleibt zu hoffen, dass ich mich bezüglich Crewdsons Motiven, Lynch anzuhimmeln und ihn als Inspiration für seine Fotos zu nennen, täusche.

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