Locationshooting: Geschichte im Kopf

An grossartigen Lokalitäten braucht der Fotograf häufig gar keine aufwändig inszenierte Pose des Modells. Ein einfaches Situationsbild ist oft wirksamer.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Simon Schmitz).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild entstand, als ich mit einer Freundin ein paar Photos in einer alten Ziegelfabrik gemacht habe. Ich habe noch einen Stuhl mit zurück genommen und konnte dann die zufällig entstandene Distanz für dieses Bild nutzen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Simon Schmitz:

Eine junge Frau in leuchtend orangem Trägershirt, schwarzem Jupe und hohen Absätzen spatziert in dieser Farbaufnahme durch eine schmale, offenbar verfallende Fabrikhalle. Die Frau geht von der Kamera weg und richtet mit beiden Händen ihr Haar.

Auch wenn Dein Modell hier einen klaren Blickfang setzt – das eigentliche Motiv der Fotografie ist die Fabrikhalle – und es ist ein grossartiges dazu:

Der lange Verlauf des Gebäudes und der Lichteinfall durch Oberlichter im Vordergrund und offenbar ein verfallenes Dach im hinteren Teil schafft eine einzigartige Stimmung aus Licht und Schatten. Während im Vordergrund durch die Shed-Fenster ein weiches Licht die Umgebung so beleuchtet, dass man die Details erkunden kann, gleisst der Hintergrund durch direkt einfallendes Sonnenlicht, dessen Strahlen in der Unschärfe der Tiefe noch gut auszumachen sind, von der anderen Seite ins Gebäude und setzt einen Akzent.

Es entsteht der emotionale Eindruck eines Gangs durch den Schatten zum hoffnungsversprechenden Licht im Hintergrund.

Technisch betrachtet hätte man die Wirkung des Bildes noch ein wenig steigern können, wenn der „Lichttunnel“ im Hintergrund nicht fast in der horizontalen Bildmitte läge, sondern so, wie er vertikal im untersten Drittel angeordnet ist, nach links verschoben wäre.

Die Dachstruktur mit den horizontalen und diagonalen Balken und die rechte Seitenwand mit den sich in der Tiefe verdichtenden vertikalen Trägern schaffen eine klare Struktur in dem Bild, aus dem sich eine dreifach-Fläche ergibt.

Ausserdem scheint mir der Fokus nicht auf der jungen Frau – wo er unbedingt sein müsste -, sondern auf den Metalltrümmern im unmittelbaren Vordergrund zu liegen. Das ist ein schwerwiegender Mangel, der in der Vergrösserung des Bildes sofort auffällt und, weil er nicht betont ist, klar als „Fehler“ auffällt.

Der Wirkung der Aufnahme tut dies aber nur wenig Abbruch. Die Geschichte, die der Betrachter aus dem Bild macht, ist seine individuelle Sache – auch wenn eine leicht bekleidete Frau in einer ruinenhaften Industrie-Umgebung ein recht klischiertes Motiv sein kann.

Die Stärke des Bildes liegt aber, neben der grossartigen Location, just in dieser Geschichte respektive dem Umstand, dass sie vollständig offen ist. Wir haben dies eben diskutiert und festgestellt, dass Bilder keine Geschichten erzählen, sondern lediglich Aufhänger für die Geschichte im Kopf des Betrachters sind. Interessaant daran ist auch die Frage, ob offene oder eher eindeutige Hinweise auf eine mögliche Geschichte besser „funktionieren“.

Hier fällt mir dazu auf, dass Du das Bild als „Schnappschuss“ eingereicht hast und nicht als Konzeptfoto. Dabei warst Du mit Deiner Freundin in der alten Ziegelei, um ein Shooting abzuhalten, und ich kann mir gut vorstellen, dass ihr dabei mit wohlbedachten Platzierungen und Posen gearbeitet habt, wie man das üblicherweise probiert.

Faszinierenderweise ist dabei das lockere, natürliche, „zufällige“ Bild vielleicht das beste (reich uns doch in den Kommentaren einen Link zu den übrigen nach). Der Grund könnte darin liegen, dass Du uns keine vorbedachte Geschichte zu erzählen versuchst, sondern eine nicht gewöhnliche Situation sehr wirksam eingefangen hast, die Raum lässt für eigene Interpretationen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare
  1. Reinhard Witt sagte:

    Abgesehen von den Schilderungen von Peter, die für mich zutreffen – bis auf die Unschärfe des Modells – das müsste nämlich wirklich scharf sein, da gehe ich auch nicht von ab, :-) fällt ja auch noch der Komplementärkontrast Orange/Blau unglaublich positiv auf… oder? ;-)

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