Abstrakte Birke: Der Anfang von etwas Neuem?

Abstraktion kann in der Kamera entstehen. Dank Digitaltechnik lassen sich spannende Experimente durchführen – und die Resultate können kreativ genutzt und angepasst werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© René Quint).

Kommentar des Fotografen:

Natur abstrakt – eine Birke mal anders. Schon oft habe ich fasziniert abstrakte Fotos angeschaut, deren Abstraktion durch das Zoomen während der Belichtungszeit entstanden ist. Die Idee ist nicht neu und ich wollte sie auch mal ausprobieren. Eine freistehende Birke schien mir dafür wie geschaffen, zumal das durch die Äste fallenden Licht sicher eine besondere Wirkung haben würde. Im Nachhinein war ich über das Licht erstaunt, welches nicht wie erwartet durch die Äste kam, sondern gebündelt durch den Zoom und den gleichzeitigen Dreh der Kamera während der Belichtung als Spiegelung der gegenüber liegenden Sonne direkt im Stamm der Birke entstand, auf deren weiße Rinde ich fokussiert hatte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von René Quint:

Ein Lichtwirbel spannt sich um etwas, was wie ein Baum anmutet in diesem Farbbild. Zugleich sind die Farben entsättigt, und im Bildzentrum sind Teile von einem Baumstamm und Ästen erkennbar, die seltsam klar und gestochen scharf scheinen, aber von den Lichtstrahlen ausgefranst werden.

Ich merke grade, wie schwierig es ist, ein abstraktes Bild zu beschreiben:

Wenn nicht klar ist, was auf dem Bild zu sehen ist, bleibt der Vorstellung und der Beschreibungseloquenz ein breiter Spielraum.

In diesem Bild wird auf den ersten Blick zwar klar, dass wir einen Baum und durch ihn hindurch scheinendes Sonnenlicht sehen. Aber was genau geschehen ist un d wieso das Licht in einem weichen, gekurvten Wirbel erscheint, ist vorerst unklar.

Mich persönlich sprechen solche Effekte stark an. Und zwar vor allem deshalb, weil der fotografische Aspekt eindeutig erkennbar bleibt – in den klaren, kontrastierend schrafen Bildteilen, in denen ein Gegenständliches Objekt erkennbar ist, und dem ebenfalls „mechanisch“ anmutenden Verzeichnungen. Sie stehen den meistens sofort als Photoshop-Manipulationen erkennbaren Verfremdungseffekten und Spielereien entegegen und wecken mindestens die Frage „wie ist das entstanden?“.

Wir haben hier kürzlich eine ausführliche Diskussion über das Thema Kunst und was sie ausmacht geführt. Für mich ist Kunst, was durch einen kreatven Prozess entstanden ist und mich emotional berührt – und das trifft auf diese Bild, zusätzlich zum technischen Interesse, jedenfalls zu.

Ich finde besonders spannend, dass die Lichtstrahlen nicht linear, sondern durch die Drehung des Objektivs in einer Spirale erscheinen.

Was das Bild etwas langweilig macht, ist die Zentrale Position des Lichtwirbels, die sich logischerweise nicht verschieben lässt – sie entsteht im Zentrum des Objektivs. Allerdings liesse sich hier mit gleichzeitigem Ziehen der Kamera oder mit einer nachträglichen Ausschnittswahl zweifellos noch wesentlich mehr aus dem Bild machen.

Insofern ist diese Aufnahme vielleicht ein Glücksfall, vielleicht der Anfang einer spannenden Reihe interessanter Abstraktions-Naturfotos – ich würde an Deiner Stelle versuchen, den Effekt zu reproduzieren und zu perfektionieren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare
  1. René Quint sagte:

    Stimmt, jeder hat seine Schmerzgrenze woanders. Meine liegt z.B. vor dem von Peter vorgeschlagenen zusätzlichen Ziehen der Kamera. Gleichzeitiges Zoomen, Drehen und Ziehen der Kamera ist mir dann auch zu viel, nicht nur im Foto sondern auch beim Fotografieren mit Spaß. Sicher kann man immer noch mehr aus einem Foto herausholen, doch ist die Frage, ob es dann nicht nur noch Dir selbst gefällt und für Andere schon zu viel ist. In diesem Sinne perfektioniere ich weiter … ;-)

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  2. René Quint sagte:

    @Lookabout: Wie Du schon sagst, alles ist Geschmackssache. In diesem Fall ist die Verfremdung sicherlich groß, doch sind, sofern Du genau hinsiehst, die Äste noch deutlich zu erkennen. Daß Du nicht sogleich erkennst, um was es sich handelt, ist gewollt, schließlich wollte ich hier ein abstraktes Foto erreichen und in selbiger Kategorie habe ich das Foto auch eingereicht. Und wie Reinhard schon richtig einwirft: Phantasie spielt eine große Rolle. ;-)

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    • Lookabout @ René sagte:

      Natürlich hast Du recht – Die Assoziation „Baum“ stellt sich ein, sobald man den Blick auf dem Bild lässt.
      Dennoch gibt es für mich zuviel, das mich „ablenkt“.

      Aber es hat keinen Sinn, über Gebühr darüber zu diskutieren. Es ist mein Problem, wenn ich die Form von Irritation bei mir selbst nicht mag. Ich mag schlicht Verfremdungen eher dann, wenn sie einer natürlichen Bewegung folgen, dem gegebenen Fluchtpunkt zum Beispiel. Der Kameraschwenk ist wohl für mich einfach des Guten zuviel.

  3. Lookabout sagte:

    Es ist alles Geschmacksache. Mir geht hier die Verfremdung persönlich fast etwas zu weit: Würde ich die Einleitung nicht lesen, käme ich nicht unbedingt darauf, durch die Farbgebung zusätzlich bedingt, dass es sich überhaupt um einen Baum handelt. Ich sehe erst nur den Lichtwirbel im Zentrum und denke eher an geborstenes Glas, durch das Licht gebrochen wird. Aber ich stutze, drehe den Kopf, suche. Auch und gerade das kann den Reiz eines Fotos ausmachen. JA! Weiter perfektionieren!

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    • Reinhard Witt sagte:

      Ich bin da ganz bei Dir…
      Ich hätte überhaupt nichts gesagt bei der Einreichung des Bildes… denn hier spielt Phantasie auch eine große Rolle.
      Hinterher kann man dann immer noch aufklären, um was es eigentlich ging.
      Ich für meine Fälle werde es in Zukunft so handhaben. :-)

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