Musikerporträt: Idee und Ausführung

Eine gute Idee verdient eine Sorgfalt in der Realisierung. Gute Konzepte scheitern zu oft an einer mangelhaften Umsetzung.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jens Schlenker).

Kommentar des Fotografen:

Hier ein ein Drummerportrait der Band The Chimes. Ich habe lange Überlegt wie ich einen Drummer passend in Szene setzten kann, und mir ist die Idee mit den fliegenden Sticks gekommen. Ausleuchtung ganz simpel mit einem Durchlichtschirm und Systemblitz. Ein bekannter hat ein Bündel Drumsticks von links geworfen, ein paar Versuche waren notwendig, bis alles passte. Später am Rechner habe ich lediglich Helligkeit und Kontraste sowie Bildschärfe angepasst. 2 verirrte Stickanteile im rechten oberen Bildrand habe ich per EBV entfernt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jens Schlenker:

Ein Mann in Anzughose und Hemd mit Schlips blickt in diesem Farbbild vor grauem Hintergrund leicht skeptisch in die Kamera. Die Linke hat er in die Hüfte gestützt, die rechte leicht nach vorne ausgestreckt. Vor ihm scheinen acht Schlagzeugstöcke in der Luft zu hängen.

Ich meine, die Bildbeschreibung sagt eigentlich schon alles. Dieses Porträt, so gut die Idee war, die Du hattest, funktioniert nicht:

Hier steht ein Mann, der alles andere als das Klischee eines Schlagzeugers ist, vor der Kamera und macht eine Geste, die ich mir nicht wirklich erklären kann. Die Drumsticks, die vor ihm in der Luft hängen, sind nicht klar zu deuten – eine Interaktion des Porträtierten mit den Sticks ist nicht erkennbar.

Die Sticks machen lediglich deutlich, was die Funktion des Mannes ist – jedenfalls in einem weiteren Zusammenhang wie auf einem Plattencover. Aber das Bild an sich ist langweilig, ohne Dynamik und technisch zu flüchtig umgesetzt.

Das ist schade: Du hattest eine gute Idee, die den Schlagzeuger in eine überzeugende und aktive Pose hätte bringen können und zugleich dynamisch und bewegt gewirkt hätte – laut fast schon, wie eben ein Trommelwirbel.

Das hätte aber bedingt, dass die Bewegung der Drumsticks sichtbar wäre: Bewegungsunschärfe, Wirbel und Verwischungen, allenfalls auch der Hände des Drummers, hätten ein spannendes Bild ergeben. Dazu hätte eine lange Belichtungszeit und heftig wirbelnde Drumsticks, vielleicht von zwei Seiten geworfen und in Drehung versetzt, verhelfen können. So sieht es aus, als habe der wohlerzogene Nachbarsjunge ein Mobilé aus Schlagzeugstöcken gebastelt und prüfe jetzt mit skeptischer Miene die Seidenfäden.

Dazu gesellt sich die zurückhaltende, ja abweisende Haltung des Protagonisten, der so unterkühlt dasteht, dass man ihm keine schnelle Bewegung zutraut. Das passt vielleicht zum Outfit und zum Stil der Band, aber es hätte jedenfalls einen passenden Kontrast zu den Sticks gebraucht. Verwischte Schlagzeugstöcke, wirbelnde Hände, coole Haltung, regungsloser Kopf – das hätte mich verblüfft hinsehen lassen.

Du hast nach eigenen Angaben lange über eine Bildidee nachgedacht, und ich finde die Idee grundsätzlich gut. Allerdings braucht sie zwei weitere Faktoren, um zu einem wirksamen Bild zu führen: Das konsequente Weiterdenken zu einem schlüssigen, umfassenden Bildkonzept. Und eine sorgfältige, aufwändige und anspruchsvolle Umsetzung.

Hier scheinst Du Dich mit der Stick-Idee allzu schnell zufrieden gegeben zu haben. Darauf deuten auch die etwas gar einfache Beleuchtung, der kahle Hintergrund und vor allem der unpassend enge Bildschnitt inklusive angeschnittnem Ellenbogen hin.

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4 Kommentare
  1. Jens sagte:

    Erstmal herzlichen Dank für die Kritik und Anregungen, natürlich auch den Kommentatoren!

    Einige Aspekte ergeben sich ja immer erst wenn von Außen die Anregungen kommen:

    Insbesondere die Idee mehr Dynamik ins Bild zu bringen (Bewegungsunschärfe) und dem ganzen mehr Platz zu geben finde ich nachvollziehbar.

    Ansonsten fasst der Kommentar von Markus das ganze gut zusammen, der ähnlich wie ich (und die Band im übrigen auch) den Gesichtsausdruck und die Handhaltung des Drummers sehr passend finden. Grade die Haltung soll eine gewisse „Coolness“ ausstrahlen, und eben nicht dem Klischee des klassischen Drummers entsprechen.

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  2. Uwe S. sagte:

    Erst mal meinen Applaus für die schwebenden Drumsticks!

    Die Anregungen von Markus und Thomas finde ich gut. Mehr Bühnenatmosphäre und ein weniger frontaler Bildaufbau würden zur Dynamisierung beitragen.

    Fliegende oder schwebende Objekte brauchen Platz, also einen weniger knappen Bildausschnitt, sonst wirken sie eingeklemmt, oder von außerhalb gehalten.

    Um den Eindruck einer Fotomontage zu vermeiden, könnte man mit Hilfe eines zweiten, entfesselten Blitz‘ Schatten auf den Körper des „Magiers“ fallen lassen. Das gäbe dem Bild auch zusätzliche Räumlichkeit.

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  3. Dr. Thomas Brotzler sagte:

    Auch ich empfinde die Bildidee als gut, die Ausführung jedoch als zu halbherzig.

    Das recht dynamische Motiv sollte durch eine spannungsvolle Komposition visualisiert werden, dies kann der statische Aufbau aber nicht leisten. Ich habe aus dem gegebenen Bild einmal einen Beschnitt gemacht, der Gesicht und rechte Hand im Sinne eines kontrapunktischen Spannungsbogens gegenüberstellt:

    http://www.brotzler-fineart.de/temporaer/beschnitt.jpg

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  4. Markus sagte:

    Beim ersten Hingucken war ich auch etwas irritiert, aber dann dachte ich an sowas wie „Herr der Sticks“ oder „The Magic“. Daher finde ich Gesichtsausdruck und Handhaltung schon passend für jemanden, der quasi telekinetisch ohne Mühe ein Ballett an Sticks kontrolliert. Die Bildidee finde ich sehr gut, aber das Umfeld hätte dafür in der Tat etwas mehr „Magie“ verdient (vielleicht ein schwarzer Hintergrund und akzentuiertere Beleuchtung).

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