Roller vor Straßencafe: Straßenfoto mit Colorkey

Spezialeffekte geben nicht immer das gewünschte Ergebnis – oder sie wirken dem Bild sogar entgegen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Manfred Wiese).

Kommentar des Fotografen:

Eine Straßenszene in der Kölner Altstadt. Besonders der Zusammenhang zwischen dem historischen Roller und den älteren Herren, die Spass an einem guten Glas Kölsch haben, hat mich dazu bewegt, diesen Schnappschuss aufzunehmen. Ich bin der Meinung, dass das Bild sich hervorragend für den Colorkey Effekt eignet und habe es deshalb so mit Lightroom umgesetzt.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Manfred Wiese:

Du hast hier eine nette Szene aus der Altstadt eingefangen, und ich möchte mich fast auch mit dazusetzen, um ein Bier zu trinken. Die beiden Männer sind ins Gespräch vertieft, einer von ihnen lacht, sie nehmen nicht wahr, daß sie fotografiert werden. Davor steht ein Roller, der einem von ihnen gehören könnte.

Ich hätte das Foto etwas aufgehellt:

Es scheint mir ausserdem leicht verschwommen zu sein. Was mir aber, wie von Dir beabsichtigt, ins Auge stach, war der gelbe Roller – in einem Streetfoto ziemlich ungewöhnlich, da diese im allgemeinen entweder vorwiegend schwarzweiß oder als Dokumentarfotos auch vollkommen farbig gehalten werden. Ich habe jedoch nie eine derartige Mischung bei bekannten Streetfotografen erlebt.

Im Sinne voller Offenheit: Ich bin keine Freundin von Colorkey und kenne nur eine Handvoll Fälle, wo dieser Effekt gekonnt zur Geltung kam (auf fokussiert habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit ein Porträt besprochen, in dem nur die Augen des auf dem Rücken liegenden Modells leicht farbig gelassen worden waren). Oft sehe ich ihn als Teil von Hochzeitsbildern, in denen etwa das Bouquet der Braut farbig gehalten ist, während die Brautleute und der Rest des Fotos schwarzweiß bleiben. Alles schreit, „das hier ist das wichtigste“, da das menschliche Auge auf Farbe eher reagiert als auf monochromen Kontrast. Im Fall des Porträts der Brautleute, in dem die Personen der Bildschwerpunkt sein sollten, wird das Auge gewaltsam vom Gesicht weg auf das Bouquet gelenkt, was ich kompositionell für verfehlt halte.

Hier ist Colorkey meines Erachtens ebenfalls vollkommen fehl am Platz – außer, Du möchtest aus diesem Streetfoto eine Werbung für Vespa machen. Durch die Farbigkeit des Rollers (knallgelb in einem eher dunkel-kontrastigen Bild) wird genau das Gegenteil dessen erreicht, was Dich dazu bewegt hat, diese Szene überhaupt aufzunehmen: Er wird optisch aus dem Bild herausgebrochen, was ja der Sinn von Colorkey überhaupt ist – der Betrachter wird regelrecht gezwungen, sich auf den farbigen Teil zu konzentrieren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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16 Kommentare
    • Dr. Thomas Brotzler sagte:

      Diese Schwarzweißversion ist nach meinem Dafürhalten eine kraftvolle und vollwertige Umsetzung des Themas und der Bildgeschichte, zudem bleiben Vorder- und Hintergrund so integriert und ohne Stilbruch.

  1. Dr. Thomas Brotzler sagte:

    @ Sofie („das Bild steht für sich allein, jeder hat eine andere Interpretation, und das ist auch OK so. Es gibt keine EINE, RICHTIGE Interpretation eines Bildes … Es von der Absicht des Fotografen her zu analysieren ist daher sogar falsch, man nennt das Intentionalismus …“)

    Du bist mir darin – mit Verlaub – zu kategorisch … selbstverständlich habe ich als konzeptionell arbeitender und ausstellender Fotokünstler das Recht und die Pflicht, mit dem Bild bzw. der Bildserie eine Absicht zu verfolgen – gerade im Bereich der Schwarzweißfotografie, die von ihrem Wesen her immer eine Übersetzung der Realität beinhaltet. Auch die kunstwissenschaftliche Werkeinführung folgt in aller Regel dieser Richtung und blickt vom Konzept her auf das Bild. Die ironisch deteminierte Gegenposition dazu wäre etwa „hey Kumpels, ich habe da irgendetwas aufgenommen. Keine Ahnung, was es bedeuten könnte. Schaut doch mal, was Ihr da irgendetwas reinsehen oder rauslesen könnt“ – so etwas würde ich „den Betrachter mit dem Bild alleinlassen“ nennen.

    Davon unbenommen beinhaltet der Anspruch künstlerischer Intentionalität natürlich keine auf den Betrachter bezogene Interpretationsdiktatur. Die Projektion seiner eigenen Bilder, Gedanken und Gefühle – kurzum seine eigene Geschichte – wird bei der notgedrungen selektiven Bildbetrachtung immer eine (zulässige) Rolle spielen. Dies stelle ich in meinem künstlerischen Statement auf meiner Homepage auch klar.

    @ Manfred („Ich probiere es mal aus …“)

    Zeige es …

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    • Uwe S. sagte:

      Das von Sofie angegebene Zitat und ihre anschließenden Ausführungen beziehen sich auf die Methoden der Bildkritik. Ich denke der Kritiker soll ein Bild nicht ausschließlich von der Absicht des Fotografen her besprechen, sondern möglichst alle Bedeutungsebenen einbeziehen, sofern sie klar hervortreten.

      Thomas bezieht sich nicht auf den Kritiker, sondern auf den Fotografen. Ich stimme völlig mit ihm überein, dass ein Fotograf ein Bild aus seiner konkreten Situation heraus gestaltet und dabei eine Absicht verfolgen sollte. Ob es nun darum geht, bestimmte Techniken oder Effekte handwerklich perfekt umzusetzen, oder ein künstlerisches Konzept zu verwirklichen, darf jeder Fotograf selbst entscheiden.

    • CorinneZS sagte:

      @Manfred Wiese: Doch, das einbinden direkt hier im Kommentar ist möglich. Die Damen und Herren von der Redaktion helfen Dir da sicher gerne weiter. Vielleicht wirds auch nur ab und an möglich gemacht, damit es nicht zu jedem Kommentar eine Bildreihe gibt. Frag doch einfach mal per E-Mail nach.

  2. Dr. Thomas Brotzler sagte:

    Zitat: „Das Bild würde m. E. durch die komplette SW Präsentation an Aussage verlieren.“

    Da bin ich mir gar nicht so sicher. Schwarzweißkonvertierung beinhaltet nach meinem Dafürhalten nicht nur ein schlichtes Umwandeln in Graustufen, sondern eine „Interpretation des Ausgangsmaterials“ durch differenzierte Steuerung der Farbkanäle und Kontrastanpassung. Wenn man so will, fangen Spaß und Arbeit bei der Bearbeitung erst richtig an. In diesem Sinn hättest Du das Vordergrundmotiv überspitzt gesagt von rabenschwarz bis gleißendhell gestalten können. Vor meinem geistigen Auge sehe ich durchaus ein überzeugendes Schwarzweißbild mit einem hell strahlenden Vordergrund und einem etwas gedämpften, gerade in den Lichtern etwas zurückgenommenen Hintergrund.

    Zitat: „Bis vor kurzem war ich auch noch der Meinung, dass ein Bild mit seiner Aussage für sich selbst sprechen muss und es keiner besonderen Erläuterung des Fotografen braucht um verstehen zu können was der Fotograf aussagen wollte.“

    Es geht sicher nicht darum, ein Bild immer und überall totzuquatschen. Natürlich soll ein Bild bzw. eine Bildserie für sich selbst sprechen. Aber hier haben wir ja vielleicht den Anspruch, den „Weg des Bildes vom Konzept des Fotografen bis ins Auge des Betrachters“ zu analysieren.

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    • Sofie Dittmann sagte:

      @Thomas Ein sehr gutes Buch zum Thema Bildkritik („Criticizing Photographs“) sagt genau das – das Bild steht für sich allein, jeder hat eine andere Interpretation, und das ist auch OK so. Es gibt keine EINE, RICHTIGE Interpretation eines Bildes.

      Mein Beispiel zu dem Thema war vor ein paar Monaten ein Foto einer jungen Frau und eines wesentlich älteren Mannes, aufgenommen in einem Pariser Cafe in den 50er Jahren. Über die Jahre wurde aus einem spontan fotografierten Porträt ein Dokumentarfoto zum Thema Alkoholmißbrauch, dann sogar Prostitution. Das war ganz sicher nicht die Absicht des Fotografen, aber das weiß der Betrachter nicht automatisch. Es von der Absicht des Fotografen her zu analysieren ist daher sogar falsch, man nennt das Intentionalismus.

      Wir nehmen hier allerdings oft das vom Fotografen Angemerkte mit in unsere Besprechung hinein, weil es ja für diesen irgendwie lehrreich sein soll. So etwa, „das hast Du versucht, so kommt es an…“.

  3. ute sagte:

    Hallo Manfred.

    Da sieht man mal, wie sehr sich die Wahrnehmung bzw. die hineingelesene Geschichte zu einem Bild unterscheiden kann. ;-)

    Ja, der Roller ist ein Hingucker. Durch die gelbe Farbe besonders betont.

    Aber die von Dir dazu gesehene Geschichte geht schon sehr weit und ins Detail; Deine Variante find ich schön, aber es ist nicht die Geschichte, die zwingend auch anderen Betrachtern dazu _automatisch_ in den Sinn kommt. (Keine Ahnung, ob Du beim Fotografieren auch noch Gesprächsinhalte mitbekommen hast, die diese Version besonders plausibel machen.)

    Ich sehe eher eine Momentaufnahme eines Alltagsrituals: die alltägliche Heimfahrt von der Arbeit, die unterbrochen wird, um wie oft noch kurz einzukehren und mit den anderen Stammgästen zu schnacken.

    Ich seh nur _einen_ Helm, und auch des „Formats“ des von mir angenommenen Fahrers rechts im Bild wegen hätte ich keinen Ausflug zu zweit auf dem kleinen Roller angenommen. Auf „zwei Männer, die augenscheinlich einen Ausflug mit ihrem restaurierten Schätzchen gemacht haben“ wär ich nicht gekommen. Die Interpretation, der Roller sei endlich nach viel investierter Mühe fertig und nun belohnen sich die zwei mit der ersten Fahrt, geht schon sehr ins Detail – hat natürlich ihren Charme.

    Hättest Du das in Deine eingereichte Bildbeschreibung aufgenommen, hätte ich gesagt: Aber wenn man all dazusagen „muss“, wärs mir fast zu viel Erklärung. So verstehe ich nun zwar besser, warum Du Dich für die Colorkey-Variante entschieden hast, weil eben Dein Schwerpunkt der Roller und der Stolz der Männer auf ihr „Schätzchen“ ist.

    Aber wenn eine ausführliche Legende nötig ist, um den Grund für eine Bearbeitungsvariante zu erklären, geht für mich ein Aspekt und eine Chance verloren – dass ein Foto als solches wirkt und jeder Betrachter „die Geschichte“, die darin steckt, selbst erkennt. Ohne dass zwingend nötig ist, dass alle die gleiche Geschichte lesen. Es ist ja kein dokumentarisches Foto.

    Das Bild bringt das Potential mit, dass verschiedene Betrachter verschiedene Geschichten hineinlesen. Mit der Colorkey-Bearbeitung legst Du einen zusätzlichen Schwerpunkt auf den Roller und gibst stärker vor, worauf die Aufmerksamkeit zu richten ist. Kann man machen.

    Ich seh einen offensichtlich bestens gelaunten Herrn, beim anderen nur den Rücken – daher wenig Ausdruck; die Körperhaltung sagte für mich übrigens wegen des Fußes auf dem Boden zunächst „baldiger Aufbruch“ (ob zum Bestellen eines weiteren Biers oder ab nach Hause. Was ist das vor ihm auf dem Tisch, die aufgeklappte Getränke- oder Speisekarte?) Ganz links sitzt anscheinend noch ein Gast am Tisch (aufgestützter Ellbogen). Obs ein Duo oder ein Trio ist, bleibt daher offen.

    Ob das nun gemeinsame Vespaschrauber sind oder zwei oder drei, die sich abends noch auf ein Feierabendbier treffen, eventuell auch zufällige Kneipenbekannte, oder ob das der Auftakt zum Kegelabend oder Skatwochenende ist, ist ganz der Fantasie der Betrachter überlassen.

    (Mir hats jedenfalls Spaß gemacht, das Bild anzuschauen und mir Gedanken dazu zu machen. Und Danke für Deine Geschichte zum Bild. :-))

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    • Manfred Wiese sagte:

      Danke Ute für Deine intensive Auseinandersetzung mit meinem Bild. Für mich war das sehr lehrreich und zeigt mir, wie subjektiv solche Bildbeurteilungen doch sind.

      Bis vor kurzem war ich auch noch der Meinung, dass ein Bild mit seiner Aussage für sich selbst sprechen muss und es keiner besonderen Erläuterung des Fotografen braucht um verstehen zu können was der Fotograf aussagen wollte. Und nun habe ich es selber erlebt wie unterschiedlich man Bilder sehen kann.

      Ach ja, ich habe keine Gespräche an der Theke mitbekommen und weiß keine Details. So wie ich das Bild und die Szene gesehen habe, habe ich versucht die Aufnahme umzusetzen.

      Danke an alle die sich an der Diskussion beteiligt haben. Besonderen Dank auch an den Profi Sofie Dittmann für ihre Kritik.

      Würde mich freuen wenn der eine oder andere mich auf Flickr oder Facebook kontaktieren würde. Bin da leicht unter meinem Namen zu finden.

      Werde weitere Bilder hier einreichen und ich freue mich über konstruktive Kritik, ob hier oder bei Flickr, Google+ oder Facebook.

  4. Manfred Wiese sagte:

    Bei meinem ersten Kommentar zu meinem Bild hätte ich das wohl dann doch besser ausdrücken müssen wie ich die Szene gesehen habe. Der Schwerpunkt war hier schon im ersten Moment der Roller der ja auch wirklich ein „Hingucker“ ist und dann die Herren die augenscheinlich einen Ausflug mit ihrem restaurierten Schätzchen gemacht haben. Ohne den Roller hätte ich die Männer wahrscheinlich gar nicht erst bemerkt.
    So habe ich es gesehen:
    2 nicht Männer sitzen am Tisch, trinken Bier und haben Spaß. Alle sind entspannt. Der Roller muss immer im Blick sein. In unzähligen Stunden wurde er restauriert und ist nun endlich fertig. ENDLICH! Nach unzähligen Stunden mit viel Liebe zum Detail kann der Roller nun endlich mal an die Luft. Sie sind stolz auf ihr vollbrachtes Werk und jeder Kopf der sich rumdreht ist der Lohn für die Arbeit.

    Vor diesem Hintergrund habe ich es gesehen und habe mal Colorkey in der Streetfotografie benutzt. Das Bild würde m. E. durch die komplette SW Präsentation an Aussage verlieren.

    Wenn ich es direkt so als Bildkommentar beschrieben hätte wäre vielleicht auch die Bildkritik des PROFIS anders ausgefallen.
    Vielleicht aber auch nicht, da sie ikeine Freundin von Colorkey ist.

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  5. Dr. Thomas Brotzler sagte:

    Zitat: „Für dieses Motiv nehme ich mir die künstlerische Freiheit auch mal Colorkey im Bereich Streetfotografie einzusetzen.“

    Könnte es sein, daß Du hier gerade „künstlerische Freiheit“ mit „technischer Spielerei“ verwechselst? Falls Du die Frage verneinst (was Dir freisteht), dann begründe dies doch bitte und lege uns Dein künstlerisches Konzept offen. Insofern schließe ich mich Utes Frage an.

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  6. ute sagte:

    Hallo Manfred.

    Mir kam spontan die Assoziation „Don’t drink and drive“ – irgendwie hätte ich Colorkey auch fürs goldige Bier erwartet… Bitte nicht bierernst (!) nehmen, sondern mit Augenzwinkern.

    Die gelbe Vespa hat was, Retrocharme, vor allem mit dem Helm und den Handschuhen auf dem Sitz, quasi aufbruchsbereit – nur ein Intermezzo auf dem Heimweg… Abgesehen von der natürlich bestehenden künstlerischen Freiheit: Gibt es neben selbiger einen bestimmten Grund, warum Du das Verfahren hier eingesetzt hast? Was war für Dich Schwerpunkt dieser Straßenszene?

    Neugieriger Gruß
    ute

    Antworten
  7. Manfred Wiese sagte:

    Danke für die Kritik an meinem Bild. Auch bei uns im Fotoclub gingen die Meinungen dazu stark auseinander weil es eher Geschmacksache ist.
    Mit beiden Meinungen kann ich gut leben. Das Bild wirkt auch ohne Colorkey gut.
    Für dieses Motiv nehme ich mir die künstlerische Freiheit auch mal Colorkey im Bereich Streetfotografie einzusetzen.

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