Schwarzweiss-Porträt: Der Ausdruck macht das Bild

Pose und Ausdruck machen ein Porträt. Insbesondere bei Schwarzweißporträts, bei denen Farbe nicht ablenken kann.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Reinhard Witt).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild zeigt meine damalig 12 jährige Nichte Jana. Sie liebte es über alles für mich Modell zu stehen. Solche „Posen“ blieben eher die Seltenheit. Deshalb hat es für mich auch eine größere Bedeutung, als viele Hundert andere Bilder von ihr. Ich nannte das Bild später „Hurt“. Nicht unbedingt, weil jetzt das Pflaster darauf hinweisen könnte, sondern auch wegen des Ausdrucks, den man mit „Warum?“ definieren könnte. Den Ausschlag dieses Bild zu veröffentlichen hat aber ihre immer wieder faszinierende Natürlichkeit gegeben. Und um diese noch zu verstärken, habe ich eine Textur darüber gelegt. Wird vielleicht nicht jedermanns Geschmack sein, aber meinen triffts…

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Reinhard Witt:

Glückwunsch zu diesem insgesamt gelungenen Porträt Deiner Nichte. Ich persönlich neige zu Schwarzweißfotografie, und der Gesichtsausdruck der jungen Frau hatte es mir angetan:

Sie blickt natürlich, aber auch ernst, in die Kamera. Das Foto hat etwas brutal Offenes, was ich auch auf die Beziehung zwischen Porträtierter und Fotograf zurückführe (das auch, wenn ich NICHT gewußt hätte, daß es sich um Deine Nichte handelt). Ich bitte meistens meine Modelle, nur dann zu lächeln, wenn sie es natürlich tun können. „Zahnpastawerbelächeln“ finde ich grauenhaft, und bei den meisten führt die Aufforderung dazu, daß sie von vorneherein entspannter sind, da der ZWANG zu lächeln nicht mehr besteht. Es ist also allen geholfen.

Zur Pose: ich habe mir lange überlegt, ob ich das Mädchen so hingestellt hätte, mit einer Hand am Baum. Das macht auf der einen Seite etwas vom Zauber dieses Bildes aus, auf der anderen hast Du ihr die Hand abgeschnitten. Das ist eigentlich ein Anfängerfehler. Ich bin zu dem Schluß gekommen, entweder die Hand am Stamm mit ins Bild zu nehmen, was allerdings die Proportionen etwas verschoben hätte, oder die Pose so zu verändern, daß man sie zumindest erahnt. So, wie jetzt, wirkt es amputiert.

Du hast ja bereits vorhergesehen, daß die Nachbearbeitung Diskussionen auslösen könnte, und konsequenterweise sei gesagt, daß ich den Antik-Effekt nebst Textur vermieden hätte. Ich bin zugegebenermaßen Purist, und ich habe bisher keinen Fall erlebt, in dem ein gutes Foto so etwas gebraucht hätte. Es ist ansonsten Geschmackssache, und wenn es Deinen trifft, kannst Du natürlich tun, was Du nicht lassen kannst.

Abschließend bleibt nur noch zu bemerken, daß ich mich freuen würde, noch mehr Arbeiten dieser Art von Dir zu sehen.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare
  1. Ferdinand sagte:

    Fantastisches Portrait,genau so wie es ist! Der kritisierte „Anfängerfehler“ ist mir nicht unangenehm aufgefallen. Was Rheinhard selbst dann dazu schreibt, dass nur durch diesen Schnitt dieser „Ausdruck“ zustande kommen konnte, kann ich voll nachvollziehen. Diese „Handabkritik“ und die folgenden Vorschläge würde diese Präsenz bzw Ausdruck nicht mehr erfüllen. Gut, dass Künstler sich schon immer von solchen „gewöhnlichen“ Maßstäben bzw Ansichten befreien konnten.

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  2. Reinhard Witt sagte:

    :-) Das nenne ich doch mal konstruktiv.
    Nun, was die abgeschnittene Hand angeht, in diesem Fall sogar mehr als die Hand, dazu habe ich folgende Erklärung: Mir war dieser Schnitt, wie ja auch schon von Sofie erkannt, durch den AUSDRUCK lieber, als wenn ich jetzt noch unnötig viel durch den Körper auf das Bild genommen hätte. Man möge sich das Bild einmal vervollständigen. Wo würden dann die Augen sich befinden, alles würde mehr sein. Also zu viel um noch das auszudrücken, was ich eigentlich wollte. Und weniger ist in diesem Fall für ich einfach mehr gewesen. Ein Mehr an Ausdruck, statt ein Mehr an Fläche.

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  3. Sofie Dittmann sagte:

    Nur als Randbemerkung, ich habe einige Porträts meiner Kinder gemacht, von denen eine gute Freundin sagte, sie sähen „untot“ aus (wie furchtbar), und sie hätte den Eindruck da läge jemand tot unter dem Eis usw. Es waren ein paar der besten Porträts, die ich je geschossen habe, und ich hatte keine Probleme damit, daß sie ihr nicht gefallen haben.

    Wir konzentrieren uns hier als Kritiker genau deswegen auf das, was wir für andere als „lehrreich“ erachten – am Anfang habe ich hier einmal eine richtige Kritik versucht, so mit Interpretation und allem … eine richtige Bildkritik über das Technisch-Kompositionelle hinaus wäre VIEL umfangreicher, u.a. auf meine subjektive Betrachtung bezogen und würde Seiten in Anspruch nehmen.

    Mich stört die abgeschnittene Hand in diesem Bild viel mehr als die Tatsache, daß es sich hierbei um eine „Lolitapose“ handeln könnte…

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  4. CorinneZS sagte:

    Der Bitte, es möge hier um Fotografie gehen und nicht um falsch verstandene Moralvorstellungen käme man eher entgegen, wenn der untere Teil des Bildes fehlen würde. Es wäre dann ein wirklich gelungenes Porträt mit allem, was es dazu braucht. Und nicht mehr. Ob das Mädchen dem Fotografen bekannt ist oder nicht, interessiert nicht, da das Bild hier nicht privat rumgereicht wird. Bekannt, befreundet oder gebucht, das ändert nämlich nichts daran, wo die Grenze liegt.

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  5. Reinhard Witt sagte:

    @ Markus: WIR sind die besten Freunde, mach Dir keinen Kopf…

    Oder muss ich jetzt wieder Angst haben, dass Du auch noch den Begriff sezierst…

    Heute ist sie 18 und wir haben immer noch Spaß daran…
    http://www.album.de/bild.cfm?action=act_images_details&imageID=2074813&type=original&albumID=57467

    Übrigens: Eine freizügige Haltung kann ich nicht erkennen…

    Liegt wohl alles im Auge des Betrachters. Es wird wohl bis in die Ewigkeit unterschiedliche Meinungen zu diesem Bild geben. So what! Es geht hier um Fotografie und nicht um falsch verstandene Moralvorstellungen.

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  6. Markus sagte:

    Ich hätte das Bild gut gefunden, wenn es sich um eine volljährige Frau und nicht um ein Kind gehandelt hätte.
    Vielleicht liegt es an der Textur – jedenfalls habe ich die Person auf den ersten Blick älter eingeschätzt, auch wegen des etwas, wie ich finde, ernst-herausfordernden Blickes mit der freizügigen Haltung.
    Den Ausdruck „Warum?“ sehe ich hier nicht und ihre „faszinierende Natürlichkeit“ finde ich fragwürdig umgesetzt.

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