Architekturfotografie:
Mensch im Raum

Mensch und Raum – namentlich künstlicher Raum – lassen sich in der Fotografie kompositorisch sehr schön verknüpfen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Wolfgang Everding).

Kommentar des Fotografen:

Situation in der Kunsthalle in Bremen, am Tag der Eröffnung ohne Bilder nach dem Um- und Anbau.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Wolfgang Everding:

Eine Frau sitzt in diesem Schwarz-Weiss-Bild mit dem Rücken zur Kamera in einem Ausstellungsaal. Dessen Ausstattung ist typisch: Weisse Wände, Sitzwürfel im Zentrum, dunkler Holzboden. Aber die Wände sind leer; neben der Frau – deren Handtaschen-Tragegurt in Color-Key rot belassen wurde – sehen wir am rechten Bildrand lediglich den Durchgang zum nächsten Raum, in dem ein junges Paar steht, hinter dem ein weiterer Durchgang sichtbar ist.

Ein leeres Museum als Rahmen für die Menschen, die darin stehen und gehen:

Das ist die Umkehrung des Zwecks eines Museums. Hier sind die Menschen Konsumenten, Füllstoff der Räume; die Wände dagegen sind nichts weiter als Träger der Inhalte.

Was allerdings passiert, wenn die Wände leer sind, wenn die Räume als solche zum Gegenstand der Betrachtung der Menschen werden? Viele Fotografen versuchen sich an dieser Herausforderung – Menschen im Museum sind ein beliebtes und lohnendes Motiv.

Hier gewinnt die Szenerie durch die leeren Wände, durch die wir gar nicht mehr anders können, als uns auf das Verhältnis der Menschen zum Raum zu konzentrieren. Dennoch sind die Menschen in Deiner Aufnahme durch die Komposition nicht mehr als der Blickfang, der den Raum definiert, in dem wir uns befinden. Wir fange an, ihn zu ergründen, suchen nach der Kante der Ecke, in welche die Frau im Vordergrund zu starren scheint und loten die Tiefe der drei hintereinander liegenden Säle aus, wobei uns, und das ist ein spannendes Detail, das Paar im Durchgang zum zweiten Saal dadurch, dass es von rechts beleuchtet wird, einen Hinweis auf weitere Räume jenseits des Blickfelds und des rechten Bildrands gibt.

Die Spannung der Fotografie steckt nicht in dem, was sie zeigt, sondern in dem, was wir erahnen; die Wände selbst sind, so rein weiss und ohne jeden Makel, kaum mehr fassbar oder auch nur sichtbar, der Holzboden und die Textur der Sitzwürfel werden zum Anker in einem Vakuum.

All das macht diese Fotografie zum Guckkasten in eine andere Welt, der uns gefangen hält, nachdem wir eigentlich wegen der Menschen darin hängen geblieben sind. Dass die nicht viel mehr als Widerhaken und nach dem ersten Blick Vektoren in einer Architekturfotografie sind, geht uns erst allmählich auf und schafft eine zweite ebene im Bild vom Raum.

Dass durch den Weitwinkel namentlich die Horizontalen an den Bildrändern perspektivisch verzerrt sind, ist hier für einmal sehr passend – es lässt den Raum sich in die Unendlichkeit nach rechts ausdehnen.

Überflüssig, wenn nicht sogar kontraproduktiv ist dagegen der Color-Key auf dem Roten Trageriemen der Frau auf den Sitzpolstern. Abgesehen davon, dass sie ohnehin der Blickfang im Bild ist, können wir dem Trageriemen ihrer Tasche keinerlei weitere Bedeutung abringen. Du führst uns damit vielmehr auf eine falsche Fährte, welche die Stärke des Bildes abschwächt und nicht etwa verstärkt.

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1 Antwort
  1. Wolfgang Everding says:

    Hallo Peter, danke für die sehr ausführliche Bildbesprechung und die Kritik.
    Ja, die leeren Räume mit anfangs wenigen Menschen in dem Museeumsbau haben mich sehr beeindruckt. Es gehörte einige Geduld dazu diese Situation so einzufangen. Mit dem 20mm Objektiv, Vollformat habe ich hier eine geeignete Position gefunden. Mit Stativ wäre es sicher noch einfacher gewesen.

    Das Original in Farbe habe ich dann zum ersten Mal mit Silver Efex pro bearbeitet und 2 schwarz-weiß Versionen erzeugt. Das Original ohne den roten Traggurt (Color Key)gefällt mir übrigens auch viel besser, nachdem ich eine Printversion gerahmt vorliegen habe.
    PS: Heute (15.10.) startet in der Kunsthalle die Eröffnung mit Bildern von E. Munch!
    Wolfgang Everding

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