Bildausschnitt: Aussage und Technik

Eine interessante Situation ist eine gute Basis, aber keine Garantie für ein starkes Bild. Die Technik, die Bildgestaltung und deie Bildwirkung müssen zusammenspielen, wenn starke Bilder entstehen sollen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Werner Reichel).

Kommentar des Fotografen:

VOR DER TÜR Ein Bildausschnitt

Profi Martin Zurmühle meint zum Bild von Werner Reichel:

Diese Aufnahme von Werner Reichel zeigt uns einen trinkenden Jungen, der bei einer Türe steht und von innen heraus fotografiert wurde. Das Schöne an der Aufnahme ist die Lockerheit und Ungestelltheit der ganzen Situation. Das Bild zeigt und so einfach einen Ausschnitt aus dem Leben. Für Leute, die den Ort und die Situation kennen, mag so das Bild eine Erinnerung sein. Für Aussenstehende, die diese Situation nicht kennen, zählt aber einzig die Qualität und die Wirkung des Bildes. Und in dieser Beziehung vermag diese Aufnahme nicht zu bestehen:

Von der technischen Seite her hat Werner Reichel in einem für den Kamerasensor viel zu grossen Kontrastumfang fotografiert. Mit nur einer Aufnahme kann die Kamera nicht den Innenraum und den vom Tageslicht beschienen Jungen richtig belichtet zeigen. Die Belichtungsmessung misst dann in der Regel einen Mittelwert, sodass die Lichter überstrahlen und die dunklen Bereiche ins Schwarz absaufen.

Auch von der Gestaltung her erschliesst sich die Aufnahme einem aussenstehenden Betrachter nicht. Der Zusammenhang zwischen dem Knaben und dem Fass im Innenraum ist unklar. Genrell fehlt der Aufnahme eine klare Aussage. Wieso steht der Knabe vor der Türe, was trinkt er, was für ein Innenraum ist das, was soll das Fass? Es gibt so viele Fragen, auf die wir keine Antwort erhalten.

Weil sowohl die Technik ungenügend ist und die Aufnahme auch keine starke Bildgestaltung zeigt, bleibt das Bild für Aussenstehende weitgehend wirkungslos.

Fazit: Interessante Situationen auf der Strasse laden zum Fotografieren ein, aber um eine wirkungsvolle Aufnahme zu machen müssen wir die Aufnahmetechnik und die Bildgestaltung beherrschen. Dabei liegen zwischen einem unverständlichen und einem grossartigen Bild vielfach nur Millimeter, eine kleine Verschiebung der Perspektive oder eine andere Art der Aufnahmetechnik.

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1 Antwort
  1. CorinneZS sagte:

    Ich habe 85 Bildkritiken zurück blättern müssen, um ein ähnlich natürliches Bild zu finden. Das ist doch allerhand. Von mir kriegt das Bild deshalb in Sachen Natürlichkeit Bestnoten. Nach einer so langen Durststrecke erfrischt es mich ausserordentlich. Ich glaube auch, dass es einfacher ist, statische Bilder zu machen. Sie sehen zwar schneller besser aus, aber sie sind einfach weniger lebendig, bewegt, vom Augenblick geprägt. Und deshalb gibt es zusätzlich einen Schnappschuss-Bonuspunkt. Einen weiteren Bonus gibt’s für die Bildgestaltung, die ich, anders als Martin Zurmühle, durchaus erkenne – wahrscheinlich, weil ich ein ähnliches Auge habe, nach Linien, Strukturen, Licht und Schatten Ausschau halte. Die treppenartig diagonal von oben rechts nach unten links abfallende Linie, welche das Bild in zwei fast gleich grosse Bereiche teilt, einen dunklen und einen hellen, das finde ich sehr schön. Dass der helle Durchgang die selbe Grösse hat wie das diagonal gegenüber liegende dunkle Fass, balanciert zusätzlich aus. Ach, und ich muss sogar noch einen weiteren Bonuspunkt rausrücken: Für fehlenden Effekteinsatz. Keine Regentropfen, kein Colorkey, kein auf alt gemacht, keine Falschfarben, kein Filter, kein Fischauge, kein Wasauchimmer. Dass es trotzdem ausser hell/dunkel bloss wenige Farbtupfer gibt, gefällt um so mehr.

    Das Bild ist trotzdem nicht perfekt. Ich würd’s mal so sagen: Es hat zuviel drin. Die beiden Welten „Kind“ und „Formen im Innenraum“ bringen das Fass irgendwie zum Überlaufen. Es kippt zwar nicht und fällt um, aber es leckt ein wenig.

    Das ist übrigens etwas, das mir selber oft passiert: Mein Blick wird von etwas angezogen, das ich dann in seiner ebenfalls spannenden Umgebung festhalte. Dabei hätte ich mich (als Beispiel, hier:) entweder fürs Kind oder für den Innenraum entscheiden sollen.

    Einen halben Punkt ziehe ich zudem wegen des Formats ab, das ich fürs Sujet zu brav finde und das mich vermuten lässt, dass das Bild zurechtgeschnitten wurde (weil’s anders nicht ging?).

    Fazit: Bravo, aber.

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