Konzeptfoto: Hochhackig auf Geleisen

Ein guter Fotograf sollte sich ihm bietenden Möglichkeiten immer im Vornherein versuchen auszunutzen. Hinterher eine Erklärung für misslungene Aufnahmen zu basteln, geht meistens schief.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Peter Knechtges).

Kommentar des Fotografen:

Ursprünglich sollte das Mädel frustriert wirken, wer läuft schon gerne so über Schienen

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Peter Knechtges:

Manchmal sagt der Kommentar zu einem Foto mehr aus als das Bild selbst. Genau genommen ist das nicht die beste Aussage über ein gutes Foto, denn es sollte für sich selbst sprechen können. Auf mich wirkt das Foto zusammen mit dem Kommentar so:

„Ich hatte als Fotograf ein Fotoshooting mit einer hübschen, jungen Frau geplant, die Hobbymodel ist. Ich wusste dann draußen irgendwann keine Motive mehr, die ich mit ihr hätte umsetzen können, deshalb sollte sie ihren Rollkoffer nehmen, in dem sie ihre Kleidung mitgebracht hat und mal frustriert schauen. Hat aber leider nicht geklappt“.

Die Gründe, warum das nicht funktioniert hat, sind vielfältig, aber leicht zu erkennen. Fangen wir bei einem der wichtigsten Komponenten an: Der Bildaussage. Mit einer gelungenen Aussage im Foto werden handwerkliche Fehler eher verziehen als bei einem Foto, welches nur durch kompositorische Schönheit wirken will.

Hier passt zwar die elegante Kleidung des Models zum Rollkoffer, aber weder wirkt sie frustriert, noch sieht sie so aus als würde sie angestrengt schon lange so laufen. Sie und der Koffer stehen eindeutig, deswegen wird das erwähnte „Laufen“ als Aussage nicht erreicht.

Aber es ist auch kein Grund ersichtlich, warum die Frau auf Schienen laufen sollte. Quer über die Schienen ist unwahrscheinlich, weil auf der einen Seite ein Zaun zu sehen ist und eine Frau im Minirock selten zum Typ Frau gehört, der einen schweren Koffer über einen Zaun wuchtet und gleich hinterher hüpft. Und längst auf den Schienen zu laufen passt ebenfalls nicht. Einerseits, weil kein Ziel zu erahnen ist, was bei einem vertikalen Format sowieso schwerer umzusetzen ist, andererseits, weil der Typ Frau wieder so wirkt, als würde sie eher lässig mit dem Koffer an den Gleisen ihre Hand heben, in der Hoffnung, ein Taxi möge kommen.

Auch handwerklich ist das Foto deutlich verbesserungswürdig. Die Haare rechts sind deutlich überstrahlt, hier hätte eine Unterbelichtung mit einem zusätzlichen Aufhellblitz von vorne den Kontrast und die Überstrahlung mindern können. Außerdem stört die große, klobige Halskette an der Frau und ihr sichtbarer BH-Träger.

Das Foto wäre sicher besser geworden, wenn Du Dir besser überlegt hättest, wie Du die vorhandenen Möglichkeiten – Frau, Koffer, Schienen, Zaun – hättest nutzen können. Spontan fallen mir beispielsweise ein: Die Frau lauscht kniend angestrengt an den Gleisen, ob ein Zug kommt, die Frau sitzt spielerisch auf dem Koffer wie ein Zugführer, ein sommerliches Beauty-Porträt mit der Frau auf dem Zaun sitzend – und so weiter.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare
  1. Michael Weber sagte:

    Hier gibt es noch ein ganz banales Problem. Models ( und Fotografen) haben auf Gleisen nichts zu suchen. Und das Robert Kneschke vorschlägt den Kopf auf die Schienen zu legen zeigt nur das man sich wohl außer dem klasse Motiv,keine weiteren Gedanken macht…

    Ich hätte überigens gerne ein Model nackt auf der Autobahn, natürlich nur früh Morgens wenn keine Autos fahren, oder auf der Startbahn der Frankfurter Flughafens, da gibt es ja ein Nachtflugverbot…………

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  2. Reinhard Witt sagte:

    Eigentlich wollte ich mich aus dieser Diskussion heraus halten ;-)…
    Zunächst einmal gebe ich Dir, Robert in ALLEM Recht. Was treibt Hobbyfotografen oftmals dazu Dinge zu machen, die völlig widersinnig zu sein scheinen? Will man auffallen?
    Ich gebe zu, auch einmal in diese Richtung gedacht zu haben. Nur wäre mir im Traum nicht eingefallen so eine Situation herbei zu führen.
    Zumal es doch auch anders geht wenn es denn schon Gleise sein müssen. :-)
    http://www.album.de/bild.cfm?action=act_images_details&imageID=2177383&type=original&albumID=57458
    WAS allerdings ich vehement bestreite ist Deine folgende Kritik:
    Auch handwerklich ist das Foto deutlich verbesserungswürdig. Die Haare rechts sind deutlich überstrahlt, hier hätte eine Unterbelichtung mit einem zusätzlichen Aufhellblitz von vorne den Kontrast und die Überstrahlung mindern können.
    Sicher, hätte es.
    Doch gerade DAS finde ich durchaus reizvoll. Wenn man denn in der Lage ist „genügend“ Licht auch ohne Blitz auf das Gesicht zu bekommen…
    Ich finde es einfach phantastisch dieses lichtdurchflutete Haar. Auch wenn es „überstrahlt“ ist.
    http://www.album.de/bild.cfm?action=act_images_details&imageID=2177325&type=original&albumID=57458
    Und mal im Ernst: Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder und normal gibt’s schon… :-)
    Was allerdings ohne Abstriche meine Zustimmung findet ist das:
    Außerdem stört die große, klobige Halskette an der Frau und ihr sichtbarer BH-Träger.
    Und dabei ganz besonders der sichtbare BH-Träger. :-) Vor nicht all zu langer Zeit, ich glaube es war in den 90ern war das kein Problem. Entweder man ließ das Teil weg, so lange das Shooting dauerte, oder man nutzte die schier unglaubliche Auswahl an BH’s für alle Kleiderformen. SO VIEL ZEIT muss einfach sein – will man denn einige Ansprüche ans Bild erfüllen.
    Heute ist das alles nicht mehr ganz so lustich. Die Zahl der Mädchen, die sich sogar partout weigern, den BH weg zu lassen, wird immer größer. Sieht also so aus, als würden sich einige Fotografen mit Hobbymodellen noch eine länger Zeit mit diesem Problem herum schlagen müssen. Dabei muss doch jedes Mädchen einsehen wie Sch…. das mit einem, neuerdings sogar mit mehreren Trägern (!!!) aussieht… Schade…

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  1. […] und zur Inszenierung eignet, macht aus einem Porträt allerdings noch lange automatisch ein gutes.Vor kurzem wurde hier auf fokussiert ein Bild besprochen, das eine junge Frau in hochhackigen Schuhe… Robert Kneschke beklagte unter anderem, daß die Inszenierung keinen Sinn machte, denn das Modell […]

  2. […] weit oben auf der Hitliste der Frauenmotive. Das habe ich hier auf fokussiert.com auch schon mehrmals besprochen und heute gibt es wieder ein ähnliches Motiv.Auf den ersten Blick wirkt das Foto ganz okay. Eine […]

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