Diane Arbus: Geheimnis eines Geheimnisses

„Eine Fotografie ist wie ein Geheimnis eines Geheimnisses“, schrieb Diane Arbus einmal: „Je mehr es erzählt, umso weniger erfährt man.“

Diane Arbus: Identical Twins, Roselle, N.J. 1967 (Eineiige Zwillinge, Roselle, New Jersey 1967) © The Estate of Diane Arbus

Wir können schauen, ob wir dieses Paradox für uns selbst auflösen können: in Winterthur, wo aktuell das Lebenswerk der berühmten amerikanischen Fotografin gezeigt wird.

Diane Arbus hat seinerzeit in den Sechzigerjahren die Kunst der Fotografie umgekrempelt. Sie verwandelt uns besonders vertraut erscheinende Dinge in etwas Fremdes und deckt das Vertraute im Exotischen auf. „Ich glaube wirklich, es gibt Dinge, die niemand sehen würde, wenn ich sie nicht fotografiert hätte“, ist ein weiteres Zitat der Fotografin.

Die meisten ihrer Sujets fand Diane Arbus in New York – ihrer Heimatstadt, die sie sowohl etwas Vertrautes als auch ein fremdes Land erkundet und dabei die Menschen fotografiert, denen sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren begegnet. Für sie ist die Fotografie ein Medium, das sich mit den Fakten anlegt. Sie schuf damit hre zeitgenössische Anthropologie mit Porträts von Paaren, Kindern, Jahrmarktartisten, Nudisten, Mittelklassefamilien, Transvestiten, Eiferern, Exzentrikern und Prominenten.

Diane Arbus: A young man in curlers at home on West 20th Street, N.Y.C. 1966 (Junger Mann mit Lockenwicklern zu Hause in der West 20th Street, New York City 1966) © The Estate of Diane Arbus

In den Fünfzigerjahren verwendete Diane Arbus eine 35mm-Kamera. Ab 1962 begann sie dann, mit einer Rolleiflex 6×6 zu arbeiten. Sie erklärte diese Veränderung einmal damit, dass sie die Körnung satt habe und in ihren Bildern die echte Textur der Dinge erkunden wolle. Das 6×6-Format trug zur Verfeinerung ihres klaren und einfachen, formal klassischen Stils bei, der seither als ein Markenzeichen ihrer Arbeiten gilt.

Diane Arbus: Untitled (6) 1970-71 (Ohne Titel (6) 1970-71) © The Estate of Diane Arbus

Besonders beschäftigte sie sich mit mit den Riten ihrer MItmenschen, mit den Bräuchen und Zeremonien der Amerikaner:

„Ich möchte die beachtlichen Zeremonien der Gegenwart fotografieren, weil wir in unserem Leben im Hier und Jetzt dazu neigen, nur das Zufällige, das Nutz- und Formlose daran wahrzunehmen. Während wir bedauern, dass die Gegenwart nicht wie die Vergangenheit ist, und verzweifelt sind, ob sie jemals die Zukunft wird, lauern ihre unzähligen und unergründlichen Gewohnheiten auf eine eigene Bedeutung. Ich möchte sie sammeln, so wie jemandes Großmutter Marmelade einmacht, weil sie einmal so schön gewesen sein werden.“

„Weil sie einmal so schön gewesen sein werden“: Das Fotomuseum Winterthur zeigt jetzt eine Auswahl dieser Fotografien – rund 200, die es ermöglichen, die Ursprünge, den Umfang und das Streben einer ganz originellen Kraft in der Fotografie kennenzulernen. Die Ausstellung enthält neben den berühmten Aufnahmen auch viele Bilder, die noch nie öffentlich ausgestellt wurden.

Diane Arbus: Boy with a straw hat waiting to march in a pro-war parade, N.Y.C. 1967 (Junge mit Strohhut vor dem Abmarsch einer Parade von Kriegsbefürwortern, New York City 1967) © The Estate of Diane Arbus

Diane Arbus, Jahrgang 1923, nahm sich 1971 mit 48 Jahren das Leben. „Während ihrer nur knapp 15 Jahre dauernden Künstlerkarriere hat sie ein Werk geschaffen, dessen Stil und Inhalt ihr einen Platz unter den bedeutendsten und einflussreichsten Fotografen unserer Zeit sichert“, so kommentiert das Fotomuseum Winterthur. Ein Online-Fotobuch zu Diane Arbus zeigt ihre wichtigen Bilder. Der Buchklassiker erschien vor 40 Jahren bei Aperture und wurde 2011 bei Thames & Hudson neu aufgelegt: Diane Arbus: An Aperture Monograph (Affiliate-Link).

Diane Arbus
Bis 28. Mai
Fotomuseum Winterthur, Grüzenstrasse 44 + 45, CH-8400 Winterthur (Zürich)
+41 52 234 10 60, Infoline +41 52 234 10 34, fotomuseum@fotomuseum.ch
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Mittwoch 11-20 Uhr, Karfreitag geschlossen; Ostern und Pfingsten geöffnet

Diane Arbus bei Wikipedia
Fotomuseum Winterthur

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  1. […] andere Fotografen an, die sie als ihre Hauptinspiration bezeichnet: ihren Mentor Helmut Newton und Diane Arbus, die man beide aus dem einen oder anderen Grund für pervers hielt, weil sie den Betrachter offen […]

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