Salzburg und Attersee: Hochdosierter Kern der Fotografie

Wie sieht zeitgenössische Fotografie aus? Welche Themen werden behandelt? Eine umfangreiche Ausstellung an zwei Orten in Österreich untersucht in diesem Sommer diese Fragen.

„Hohe Dosis“ – so heißt die Ausstellung in Salzburg und im nahegelegenen Attersee. Darin gehen die Kuratoren der Frage nach, was das Medium Fotografie heute im Kern auszeichnet – was Fotografie „hochdosiert“ eben sei, am Beispiel zeitgenössischer österreichischer Fotografie.

Auch wenn die technologische Basis des fotografischen Prozesses sich gerade neu formt, bleiben die Fragen an die Fotografie und das Denken über sie über alle Generationen der Anwender im Wesentlichen dieselben, so schreiben die Kuratoren zu ihrer Konzeption. Ihre „Recherchen zum Fotografischen heute“ führten zur Einteilung der Ausstellung in die folgenden Kapitel, wir zitieren aus dem Bericht der Kuratoren:

Die Arbeit am Bild (Medienreflexion – Beschwörung des Materials)

Matthias Herrmann ist, so konnten wir bei unserer Recherche feststellen, einer von vielen zeitgenössischen Künstlern, die auf die schnellen Veränderungen in den technologischen Voraussetzungen der Fotografie reagieren. Während sich Herrmann reflexiv mit einer gewissen Ironie und einem Hauch von Sentimentalität mit den Gegenständen auseinandersetzt, die das Medium in seinem täglichen Gebrauch lange definiert haben, setzen viele jüngere Positionen gegen den Zeitgeist auf die archaische Kraft, die dem analogen Prozess oft zugesprochen wird. Die Beschäftigung mit Voraussetzungen und Bedingungen des Mediums – die Medienreflexion – war immer schon im Fokus künstlerischer Auseinandersetzung. Etwa bei den beiden Bildern aus der Paparazzi-Serie der Künstlergruppe G.R.A.M ist die Medienreflexion eine spielerische Auseinandersetzung mit Mechanismen des voyeuristischen Bildgebrauchs in Massenmedien.

Der magische Augenblick – hier und jetzt

Jede Fotografie ist unauflöslich mit dem Zeitpunkt und dem Ort ihrer Aufnahme verbunden. Paul Albert Leitners Beiträge zur Ausstellung – eine Zusammenstellung von Selbstporträts und eine Reihe von Einzelbildern betonen durch ihre präzisen Bildlegenden diesen realitätsverhafteten Charakter des Mediums, auch wenn die Inszenierung dieser Realität, etwa in den Selbstporträts gelegentlich eine entscheidende Rolle spielt. Leitners Beiträge ermöglichen auch Einblicke in die Strukturierung fotografischer Archive, bei Leitner handelt es sich um analoge handbeschriebene Karteikarten.

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Die Kombinatorik – Bildsequenzen

Dieses Kapitel setzt sich mit der bildnerischen Formulierung von Inhalten in Serien auseinander. Das Einzelbild, vom Schnappschuss bis zum elaborierten Tafelbild, wird zur oft filmischen Serie erweitert, Bilder kommunizieren miteinander und gemeinsam dem Betrachter gegenüber. Heinz Cibulkas „Hochgebirgsquartette“ sind zugleich ein künstlerischer Beitrag zum alpinen ländlichen Leben im Bundesland Salzburg wie auch ein prototypisches Beispiel für das Arbeiten mit Bildzusammenstellungen. Peter Dressler schürft in „Wiener Gold“ (2011) in sieben Bildern nach Goldnuggets in einer Straßen-Baugrube in Wien. Die Serie zeigt einmal mehr das Vermögen des österreichischen Staatspreisträgers für künstlerische Fotografie 2013 große Themen, wie etwa die Finanzkrise, mit subtilem Humor in wenigen Bildern zu erhellen.

Soziale Dokumente

Erich Lessing sprach aus Anlass seines 90. Geburtstags vom Verlust einer fotografischen Kultur, die die Welt in Fotoalben als Papierbild speichert. Die digitalen Bildermassen auf Festplatten würden seiner Ansicht nach aus technischen Gründen in der Zukunft nicht erhalten bleiben – und man würde nicht mehr sehen können, wie die Menschen gekleidet waren, wie Menschen, Gebäude und Autos auf den Straßen ausgesehen haben.
Wenn auch dieses kollektive visuelle Gedächtnis durch die neuen Gebrauchsweisen der Fotografie als Massenmedium in Gefahr scheint ist das Interesse an der Fortführung der künstlerischen Tradition der Social Landscape – der Blick auf den Einzelnen, der einen Blick auf die Gesellschaft ermöglicht – ungebrochen. Die Rezeption von Bildern der Welt verschiebt sich zunehmend von der Ebene der klassischen Bildreportage in Zeitschriften in den Kunstbereich, und hier im speziellen hin zum Medium Buch.

Konstruktionen des Raums als Bild – Recherchen zur Landschaft

Sehr spät, und von Anfang an als Konstrukt gedacht, trat die Landschaftsdarstellung als malerisches Genre ihren Weg in die Kunstgeschichte an. Schon sehr früh hingegen nahmen die Fotografen des 19. Jahrhunderts die Landschaftsdarstellung in ihr Repertoire auf. In ihrer Anwendung heute bedingt der fotografische Apparat nach wie vor durch seine Zentralperspektive den Raum als medienimmanentes Konstrukt.

Selbstvergewisserungen – Identität

Die Frage nach Identität ist zweifelsohne eine der am meisten gestellten Fragen in der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst heute. Ausgangspunkt ist oft die Inszenierung des (eigenen) Körpers, mit dem Fragen nach Geschlecht, Herkunft und sozialer Zugehörigkeit durchgespielt werden. Die Fotografie hat sich mit dem Auftreten der Body Art in den Sechzigerjahren vom Tabu, den Körper in expliziten Posen abzubilden befreit. Friedl Kubelka inszeniert sich bewusst als erotisches Objekt und konterkariert damit gängige feministische Positionen. Matthias Herrmann formuliert in seinen Selbstporträts schonungslos eine homosexuelle Identität im Spannungsfeld von Lust und HIV. Elisabeth Wörndl arbeitet in ihrer Serie mit dem Kleid ihrer Mutter, das sie als originales Requisit ihrer inszenierten Selbstporträts ins Bild setzt. Michael Hueys gesamtes Werk ist eine konzentrierte Spurensicherung einer weitverzweigten amerikanischen bürgerlichen Familie.

Diskurs – Geschichte

Fotografie als Klammer von Weltbeschreibung und Zeichen von geschichtlich relevanten Ereignissen, aber auch von privaten Erfahrungen an Orten, an denen sich soziale und politische Wirklichkeiten eingeschrieben haben, hat in den letzten Jahren mehr und mehr Bedeutung erlangt. Nicht das appellative, reportierende Agieren ist hier angesagt, sondern vielmehr das subtile Zusammenführen von persönlich recherchierten Anliegen, die sich in einen bildnerischen Prozess darstellen. Diese nachforschenden Reflexionen kennzeichnen Werke von Caroline Heider, Werner Kaligofsky, Ulrike Lienbacher, Tatiana Lecomte, Markus Oberndorfer, Isa Rosenberger, Wolfgang Thaler und Christian Wachter.

Das Kuratorenteam vom Fotohof Salzburg: Brigitte Blüml-Kaindl, Rainer Iglar, Kurt Kaindl, Michael Mauracher.

Hohe Dosis – Recherchen zum Fotografischen heute.
Fotohof Salzburg – bis 7. September
Atterseehalle Attersee – bis 30. August
Fotohof, Inge-Morath-Platz 1-3, A-5020 Salzburg +43 (0)662-849296, fotohof@fotohof.at
Geöffnet Dienstag bis Freitag 15 – 19 Uhr, Samstag 11 – 15 Uhr

Fotohof Salzburg

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