Von der Analog- zur Digitalfotografie und zurück

Gastbeitrag von Lisa Heßler

Spätestens mit der Einführung der Kodak DCS-100 im Jahr 1990 begann eine neue Ära in der Fotografie: Die Digitalfotografie war geboren. Vorerst – mit einem Preis von umgerechnet knapp 25 000€ – weitgehend unerschwinglich, führte Logitech noch im selben Jahr den „Fotoman“ ein und machte die Digitalfotografie für die breite Masse zugänglich. Durch die rasende Entwicklung des Digitalmarkts sahen viele das Ende von Filmrollen, Batterien und Dunkelkammern nahen.

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Doch dann der Wandel: Die totgeglaubteAnalogfotografie schafft das Revival. Oder?
Nicht nur in Fotografieforen und Magazinen ist das Thema ein Dauerbrenner. Christian Steinkrüger hat 2012 ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen: Analoge DigitalFotografen. Im März 2012 inspirierte er Fotografen über seinen Blog dazu, Fotopartner in derselben Stadt zu finden. Jeder zog anschließend allein aus, um ein Motiv seiner Wahl digital zu fotografieren. Nach entsprechender Bearbeitung tauschten die Fotografen ihre Bilder und alle nötigen Informationen zu Motiv und Position aus. Daraufhin machten sich die Fotografen, nun mit ihrer Analogkamera ausgestattet, auf, um das Motiv des jeweils anderen zu fotografieren. „Die Resonanz war enorm!“, erinnert sich Steinkrüger. Schnell sprach sich das Projekt Analoge DigitalFotografen im Internet herum und nach einiger Zeit hatten sich 23 Teams aus 46 Fotografen gefunden. Was dabei herauskam, ist eine ästhetisch ansprechende Gegenüberstellung von insgesamt 23 Motiven an 17 verschiedenen Orten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien.

Eine Vorschau ins Buch ist über Blurb möglich.

Das Ergebnis: Fotobuch AnalogeDigitalfotografen © Christian Steinkrüger

Christian Steinkrüger kam selbst erst vor zwei Jahren wie die Jungfrau zum Kind zur Analogfotografie: „Ich genoss plötzlich beim analogen Fotografieren die Ruhe und Konzentration auf das Motiv. Nur das EINE  Foto – und nicht hunderte Fotos und eine Auswahl Zuhause.“ Durch sein Projekt hat er seinen Blickwinkel erweitert und viel über die Einsatzmöglichkeiten der Digital- bzw. Analogfotografie dazugelernt. „Nicht jedes Motiv eignet sich für Analogfotografie und umgekehrt. Für mich gibt es seit dem Projekt für ein gutes Foto neue Variablen: Fotograf, Motiv, Ausrüstung und eben analoge oder digitale Umsetzung.“

„Zeit für das Besondere“
Thomas Rathay, Profi-Fotograf und Fokussiert-Bildkritiker, nimmt seit ca. drei bis vier Jahren ein gesteigertes Interesse an der analogen Fotografie wahr. Er sieht einen Zusammenhang zwischen dem Comeback der Analogfotografie und der Lomografie, sowie dem Trend, wieder vermehrt Schwarz-Weiß zu fotografieren. Professionell fotografiert Rathay ausschließlich digital. Vorrangig liegt es an der Zeitersparnis und der damit verbundenen Kundenfreundlichkeit. „Meine analoge Groß- und Mittelformatkamera hole ich heraus, wenn ich Zeit habe und etwas Besonderes schaffen möchte“, so Rathay. Besonders eignet sich die Analogfotografie seiner Meinung nach für Motive aus der Architektur sowie künstlerische Bilder.

Hobbyfotografen, die damit liebäugeln, sich eine Analogkamera zuzulegen, rät Rathay, sich auf dem Gebrauchtmarkt umzusehen und über Ziel und Zweck zu reflektieren. „Eine KB-Analogkamera macht meist keinen Sinn, es sollte schon etwas Spezielles sein mit dem ihr euch dann abseits der Digitalwelt beschäftigen wollt.“, so der Profi.

„Der Reiz der alten Technik“
Erfährt die Analogfotografie nun also eine Metamorphose zur spielerischen Kunstform für Profis und Romantiker? Henner Helmer, passionierter Hobbyfotograf, widmet seine Webseite fast ausschließlich den Vorzügen der Digitalfotografie. Er zieht Parallelen zwischen der Analogfotografie und der Schallplattenindustrie; Gebiete auf denen sich „vereinzelte Nostalgiker [sich] für den Reiz der alten Technik begeistern und so gegen den Mainstream zu stemmen versuchen. Ihnen ist die moderne Technik „zu perfekt“ (MP3 rauscht nicht und hat keine Kratzer)“.
Helmers‘ Passion für die Digitalfotografie ist klar begründet; er erinnert sich an überwiegend düstere Zeiten in der Dunkelkammer: „Ich [möchte] nie wieder erleben, dass ich eine Fotoserie von einer Hochzeitsfeier mache und erst nach Tagen feststelle, dass alle Bilder überbelichtet sind“. Neben der Möglichkeit der sofortigen Kontrolle der Bilder schätzt Helmers vor allem das Potenzial der Nacharbeit und die Kostenersparnis. „Zu „Dia-Zeiten“ machte man aus Kostengründen z.B. auf einer Wanderung nicht viele Fotos von einem Bergmassiv, sondern wartete auf die „optimale“ Perspektive … um dann festzustellen, dass man vorher schon ein besseres Bild hätte haben können“, so Helmers.

Viele schlechte Fotos?
Seitdem die Digitalfotografie den Markt bestimmt, werden so viele Fotos geschossen wie nie zuvor; da sind sich Profi und Amateur einig. Digitalfotografie verführt zu „unbekümmerter Knipserei“, wie es Helmers nennt. Rathay ist dabei jedoch bemüht, den Teilnehmern seiner Fotoworkshops nahezulegen, dass sich die Qualität mit steigender Quantität nicht automatisch erhöht. „Lieber vorher überlegen und dann erst abdrücken. Das reduziert die Zeit später in der Nachbearbeitung und macht mehr Freude beim Fotografieren“, lautet eine Rathays Devisen.

Zukunftsmusik
Bei der Frage nach der Zukunft der Analogfotografie gehen die Meinungen jedoch stark auseinander. Hobbyfotograf Helmers gibt der Analogfotografie ähnliche Zukunftschancen wie der Schallplattenindustrie. Für Thomas Rathay wird es im analogen Bereich weiter in Richtung Kunst gehen, während die Digitalfotografie immer bezahlbarer (auch für Amateure) und dabei qualitativ hochwertiger wird.
Rathay weist darauf hin, dass sich neben der analogen und digitalen Fotografie in den kommenden Jahren die Mobiltelefon- und Tabletfotografie etablieren wird – im Alltag und auch als Kunstform.

3 Antworten
  1. Thomas says:

    Hallo,

    ich hatte bis vor kurzem noch an einer deutschen Hochschule Fotografie studiert. Das Gros der Studenten arbeitet dort natürlich digital. Die Uni verfügt aber weiterhin über ein großes und betreutes Labor und eine Vielzahl an analoger Kameratechnik (bis hin zum Großformat). Geschätzt sind ca. 1/3 der Studenten der „alten“ Technik nicht abgewandt und manche (wie ich) arbeiten rein analog. Die meisten digitalisieren dann ihre Filme jedoch („hybride Fotografie“). Hier spielt sicherlich auch mit, dass man einfach nicht zum „Mainstream“ gehören möchte. Das ist ja für viele junge Leute wichtig.
    Meine Prognose: Filme und Fotopapiere (für das eigene Labor) werden immer noch weniger. Es werden sich aber dann einige wenige Marken / Produkte weiterhin fest am Markt halten.

    Gruß, Thomas von http://analoge-fotografie.net/

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  2. dirk baumbach says:

    Für professionelle Fotografen stellt sich heute leider die Frage analog oder digital nicht mehr. Selbst im Bereich der Architektur wird inzwischen überall digital fotografiert, was nicht bedeutet, dass diese Fotografen trotzdem „analog arbeiten“.

    Die hohen Kosten sind ein wesentlicher Grund. Als Architekturfotograf mit Film arbeiten bedeutet, 1-2 Löhne zusätzlich im Monat, plus Entwicklungskosten. Zeitaufwand nicht inbegriffen. Schnell kommen bei einem gefragten Fotografen da 6000-8000 Euro im Monat zusammen. CCD Sensoren bieten hohe Auflösungen bei hoher Dynamik und ermöglichen einen zeitgemäßen Workflow.

    Nein,
    leider leider,
    diese Zeit ist vorüber. Aber,

    jeder der Fotografie ernst nimmt, sollte (muß) auch einmal analog fotografiert haben. Wer diese Arbeitsweise kennt, weiß nicht nur die Vorzüge der digitalen Fotografie zu schätzen, der Umgang mit der Kamera wird sich verändern. Entschleunigung ist überall ein Thema. Wir alle müssen auf diesem Gebiet noch viel lernen. Noch ist es die Zeit der „Geburtsstunde“ und wir sind dabei.

    Also,
    nicht gleich alles mitmachen,
    nicht immer nur anschauen was andere machen,

    alte Kamera her,
    Film rein
    und mal durchatmen und mit der „alten Technik“ etwas neues Entdecken, was digitalen Kameras fehlt.

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  3. Andreas Martin says:

    Ich gebe Thomas vollkommen Recht und glaube dass wir bei der iPhone/Mobiltelefonfotografie/Tabletfotografie bereits in der Kunstwelt angekommen sind. Ich habe inzwischen mehrere Ausstellungen und Werke mit diesen Kameras gesehen und glaube, dass sie eine ganz neue Gruppe an Kunstschaffenden erreichen. Ohne Hemmungen vor komplizierter Technik stattdessen gefühlsbetont und bildstark.

    Was ich noch begrüßen würde, wären individuelle Nachbearbeitung. Die Standardeffekte aus Instagram, Hipstamatic und Co. sind inzwischen zu oft verwendet worden. Wie wäre stattdessen das: Foto am Smartphone und danach ab in die professionelle Retusche und Bildbearbeitung mit Lightroom, Photoshop und Co.

    Bin gespannt wie die Reise weitergeht! Andreas von http://www.fotoworkshop-stuttgart.de

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