Leserfoto – Fährfahrt am Morgen: Was ist der Bildgegenstand?

Ich werde manchmal gefragt, ob hier Bilder genauso beurteilt würden, wenn ein(e) namhafte(r) Fotograf(in) sie eingereicht hätte. Abgesehen davon, daß die Frage an sich wenig Sinn macht, ist die Antwort „ja“, und die Kritik wäre wohl für jeden hier Beitragenden anders, denn eine entsprechende Betrachtung ist immer subjektiv.

Aber zuerst einmal zu Deinem Foto. Du hast hier einen Urlaubsschnappschuß eingereicht. Man sieht, daß die Sonne tief über dem Wasser stand, und das „Diesige“ ist genau diesem Umstand geschuldet. Das kann mit Kamerafiltern zum Teil behoben werden, macht aber auch die Stimmung der Szene aus.

(c) Ferdinand Singer

Hallo fokussiert.com-Team, dieses Bild ist enstanden auf dem Heimweg von der Insel Rab am morgen. Trotz (oder wegen) der bevorstehenden, anstrengenden Fahrt hatte die Aussicht etwas beruhigendes. Daher habe ich versucht den Augenblick mit einer Nikon D300s und einem AF-S DX NIKKOR 18–200 mm Objektiv bei 35 mm, f/14 und 1/400 sec mit ISO 200 festzuhalten. Ich habe das Bild schon mit PS CS5 bearbeitet und zugeschnitten. Den beruhigenden Effekt hat das Bild (für mich immer noch) aber ich bin mir nicht sicher ob die Farben, die Komposition und die Klarheit (das Bild wirkt auf mich doch recht diesig obwohl es eigentlich ein klarer, schöner morgen war) passen. Liegt das an meinen Kameraeinstellungen, der Nachbearbeitung oder ist dieses „diesige“ der Tageszeit geschuldet ? Vielen Dank schonmal für euren Input !

Worauf ich mich hier konzentrieren möchte ist die Komposition des Bildes. Zu sehen ist Wasser, dahinter etwas Land, und eine Boje. Das Wasser ist ruhig, nichts stört hier die Szene. Und das ist es dann auch. Ja, beruhigend ist die Aufnahme sicherlich, aber für mich als Betrachter auch langweilig. Ich bleibe kurz an der Boje visuell hängen, aber das Foto sagt mir persönlich rein garnichts. Mir fehlt ein Bildgegenstand. Die Boje ist optisch in den Hintergrund gedrängt, die Landschaft/der Himmel nicht dramatisch genug, um mir etwas zu bieten. Ruhiges Wasser allein reicht nicht.

Es gibt ein berühmtes Foto von Ansel Adams, „Looking Across McDonald Lake, Glacier National Park“. Auch hier eine Aufnahme von Wasser und Land, und kaum Wellenbewegung. Nicht einmal ein Ast im Wasser. Es ist ein schwarzweißes Bild und nicht sehr kontrastreich, verglichen mit anderen, die Adams gemacht hat. Der Himmel hat keinerlei Dramatik, ein paar Wolken sind zu sehen. Der Horizont ist extrem aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben, optisch strebt alles einem mittigen Fluchtpunkt auf eben der Horizontallinie zu.

Was macht Adams‘ Bild zu etwas, das ich mir an die Wand hängen würde? Nicht der berühmte Schöpfer. Wenn man sein Foto analysiert, stellt man fest, daß die Landschaft durch die verschiedenen Flächen wirkt, alle in unterschiedlicher Tonalität. Selbst in Farbe hätte es denselben Effekt. Von vorne links gehen sanfte Wellen aus, die sich nach hinten gegen den Fluchtpunkt hin verlieren. Auch hier Ruhe, aber durch die Anordnung der Berge, der Landschaft an sich, und, wie sie fotografiert wurde, ein gelungenes Bild, indem sich mein Blick verliert.

Deiner Szene hättest Du eine andere Gewichtung geben können, indem Du sie im Hoch- statt im Querformat darstellst. Dann wäre die Boje prominenter, und durch den ungewöhnlichen Beschnitt wäre das ganze visuell etwas interessanter.

4 Kommentare
  1. DWL sagte:

    Noch ein separater Satz zu dem Zitierten Bild von Anselm Adams:

    Im Gegensatz zu dem hier geschriebenen sehe ich die Wellenbewegungen ( vermutlich sehr sanfter, gleichmäßiger Wind) als extrem bildwichtiges Element an.

    Kann man selber sofort erkennen, wenn man das untere Drittel mit dem das Auge magisch anziehenden und dann nach oben führenden Wellen einfach mal abdeckt.
    Dann wirkt das Bild eher fade im Vergleich zum Gesamtbild.

    Will sagen:
    Es sind nicht nur viele Wellen auf dem Bild, sie sind auch das wichtigste Einzelelement des Bildes!

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  2. DWL sagte:

    Meine Meinung zu diesem Bild:

    Vorab: auch negatives kann sehr konstruktiv sein!

    Jeder kennt die merkwürdige Erfhrung, dass der gleiche Wein, den man in einem tollen Urlaub trank und überirdisch köstlich fand, zuhause plötzlich dirchsxhnittlich schmeckt.

    Unsere Emotionen spielen uns da in die Wahrnehmung hinein. Ein Glücksgefühl, innere Ruhe nach 3 Wochen Erholung, endlich einen Urlaub mit der Familie etc – dann sieht man die Welt mit einer rosa Brille.

    Das gilt auch für Fotos, wie jeder (auch ich) selber schon erfahren hat.

    Die mit dem Foto eng verknüpften Gefühle teilen sich dem Betrachter eben nicht immer gleichermaßen mit bzw bleiben einfach aus. Dieser Effekt sehr persönlicher Einfärbung von Bildinterpetationen war zu Zeiten damaliger Diaabenden bisweilen gefürchtet.

    Dass das Bild nicht funktioniert, gilt für mich als Betrachter jedenfalls.

    Zumal wegen der Perspektive die Boje auf die Ufer projeziert wird und die Anhöhe weder auf interessante Art überragt noch angenehm ganz vom Blau des Meeres umgeben wird.

    Das Ufer ist von L nach R absteigend, wenn man das Bild spiegeln würde, könnte es ein wenig interessanter wirken.

    Die Abnahme der (geringen) Himmelsspiegelung im rechten VG ( = dunklerer Bereich) könnte eine Rettung sein, ist aber zu schwach, um das Auge zu führen.

    Auch der große Abstand zur Boje ist ungünstig, weil sie so nicht genügend Struktur zeigt, um dem suchenden Auge Halt zu geben und bspw die Oberfläche der Boje zu erforschen und dann bspw zwischen einer nahen Boje und dem fernen Ufer hin- und her zu pendeln.

    Die Lichtsituation wirkt auch nicht besonders reizvoll.

    Der Bildautor hat Recht, dass da Bild stark verschwommen bzw unscharf wirkt.

    Als Grund kommen unterschätzte Geschwindigkeit der Fähre, Freihandschuss auf bewegtem Grund (Schiff) , aber auch Fehler beim Schärfen bzw der Bildkomprimierung infrage. Ich tippe darauf, dass zusätzlich das starke Abblenden auf f=14 hier bereits das Objektiv deutlich überfordert.

    Damit ist m.E.n. Auch eine weitere Chance vertan worden, kompositorisch mehr aus ser Situation zu machen:

    Eine „offene“ bzw deutlich offenere Blende mit Fokus auf die Boje hätte den grafischen Gesamtzusammenhang beibehalten, dafür jedoch zusätzlich das Auge sixherr führen können. Jedenfalls dann, wenn die Boje mit dem Zoom näher herangeholt worden wäre…

    Zum Schluss noch ein Hinweis:
    Landschaftsfotografie profitiert ungemein von Polfiltern! Eine der bestmöglichen Investitionen in der Fotografie. Spiegelnde Oberflächen und Dunst sind diejenigen Bereiche, wo Polfiltern enorme Vorteile haben!

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  3. Volker Rein sagte:

    Hallo, ich denke, dass man von manchen Stimmungen einfach keine Bilder machen kann, die das, was man fühlt dann auch ausdrücken (eigene Erfahrung). Vielleicht mit 14 mm Weitwinkel aufnehmen und den Horizont ganz nach unten schieben, aber aus dem oben gezeigten Bild kann man einfach nichts mehr machen, oder riesengross vergrößern, 2x3Meter.
    Volker

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