„Sonnengruss“:
Weniger ist mehr

Ein witziges Foto, das ich aber ansonsten viel zu überarbeitet finde.

(c) Christine Frick

Panasonic DMC-G1 Belichtungszeit: 1/60, ISO: 125 Blende: f/14 7mm (c) Christine Frick

Am Lago Maggiore bin ich auf dem Bootssteg gewesen mit meinem kleinen Rehpinscher, der sich natürlich langweilte, weil ich die schöne Landschaft fotografierte. Als ich mich umdrehte sah ich meinen Hund in dieser Pose und schon drückte ich ab.

Es lohnt sich immer, beim Fotografieren zurück, zur Seite, oder ansonsten in Richtungen zu schauen, die man vorher nicht in Erwägung gezogen hat. Das ergibt nicht nur besondere Perspektiven, sondern wie hier auch besondere Motive. Wie oft schon habe ich das, was ich visuell an einem Ort suchte, erst gefunden, als ich mich im Weggehen nochmal spontan in eine andere Richtung gedreht oder nach oben geschaut habe.

Du hast hier eigentlich Landschaft fotografieren wollen. Die Sonne warf schon lange Schatten, und ich denke, vom Steg aus hast Du die üblichen Dinge geboten bekommen: Berge, Boote und so weiter. Es ist schön dort, und auch deswegen totfotografiert. Dann hast Du Dich zur Seite gedreht, und Dein Hund hat Dir ein vollkommen anderes Thema geliefert, indem er sich nach Hundeart gestreckt hat. So, wie sich seine Silhouette gegen die Sonne abhebt, sieht es tatsächlich nach Sonnengruß aus. Ein witziges Foto, das ich aber ansonsten viel zu überarbeitet finde.

Das Bild zeigt Deinen Hund im Gegenlicht. Der Himmel bietet nicht viel Dramatik, die Landschaft (was von ihr noch zu sehen ist), wirkt leicht blaß und dunstig. Für mich sieht es so aus, als hätte aus diesem Schnappschuß hinterher durch die Bearbeitung „Digitale Kunst“ werden sollen, wenn es doch ausgereicht hätte, ihn farbzukorrigieren.

Denn es wäre im Grunde ein gelungenes Bild: der Bildgegenstand (Dein Hund) ist extrem aus dem Goldenen Schnitt/Punkt heraus verschoben, und dieser Regelbruch funktioniert hier, wenn auch der Steg als optische Fläche sonst das Foto dominiert. Der Betrachter muß sich automatisch auf den Hund konzentrieren, die Landschaft wird zum Beiwerk. Durch die extreme Anordnung der Elemente, wie auch durch den Aufnahmestandpunkt wirkt das Bild dynamisch, es macht es visuell interessanter.

Du warst Dir wahrscheinlich wegen des Steges nicht sicher, also hast Du ihn in der Bearbeitung ins Schwarze wegsumpfen lassen. Hund und Steg haben einen Touch von „film noir“, während die blaßgraue Landschaft dahinter irgendwie nicht zum Stil paßt. Mich würde daher interessieren, wie das Original aussah. So, wie es jetzt ist, ist es ein gut komponiertes Foto mit viel zuviel Bearbeitung.

8 Antworten
  1. DWL says:

    Nachtrag…

    Apropos Nachbearbeitung:

    Die halbkugelartige dunkle Struktur am „Steghorizont“ rechts des Hundes finde ich extrem störend, weil sie unnötig den Blick beim Schweifen entlang dieser bildwichtigen Linie stolpern lässt.

    Diese Struktur würde ich unbedingt entfernen, um dem Betrachterauge freien Lauf hin zu den Bergen zu geben.

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  2. DWL says:

    Hallo,

    Ich finde es sehr gut, dass diese tolle szene in den wenigen, flüchtigen Sekunden ihrer Existenz erkannt und festgehalten wurde. Hut ab!

    Die Szenerie stellt mit ihrem ganz extremen Kontrastumfang vermutlich an ALLE existierenden Kameras schier unerreichbare Anforderungen, insofern muss man zwangsläufig damit rechnen, ausgefressene Lichter und abgesoffene Schatten eingefangen zu haben.

    Vermutlich zwingt diese Tatsache dazu, stärker nachzubearbeiten, als man eigentlich will. In der Nachbearbeitung kommt halt ein NICHT-Profi, sprich Amateur, schnell an seine Grenzen (ich jedenfalls auf jeden Fall) .
    Daher würde ich so ein schönes Foto einem Profi zur Nachbearbeitung geben, denn es ist eine optimale Bearbeitung wirklich wert.

    Zum Foto selber:

    Der Blick wird wunderbar von den starken Linien der Planken hin zum Hund geführt, wo man die zugleich anmutige und angespannte Haltung des Streckens und Dehnens nach einer Ruhepause sieht.

    Mein Auge wandert danach sofort vom „wellenartigen Berg- und-Tal Muster“ der Hundesilhouette zu ihrer thematisch-grafischen Entsprechung der aus dem Wasser aufsteigenden Berge, die das Thema im wahrsten Sinne des wortes fortführen.

    Perspektive ist optimal gewählt, mit einer automatisch ablaufenden Belichtungsreihe hätte man die technischen Limitationen umgehen können, aber bei dem eigentlichen Wunsch einer Landschaftsfotografie und der flüchtigen Szene ist das eher selten der Fall und möglicherweise technisch nichteinmal bei der Kamera möglich.

    Rein Grafisch ist das Bild für mich trotz der technischen Limitationen ein Genuss, bei dem ich gerne länger verweile.

    Die Friedenstaube … Naja, mit viel Phantasie kann man sie sehen, inklusive des obligatorischen Olivenzweigs…
    Aber das ist weit hergeholt, thematisch unpassend und in de Situation sicherlich ebenfalls weder erkannt noch gewollt… Also eher unerheblich, möchte ich hinzufügen…

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    • Christine Frick says:

      Vielen Dank für deine ausführliche Bildanalyse. Das Bild habe ich damals vor drei Jahren mit Photoshop Elements 7 bearbeitet. Das Original steht mir leider nicht mehr zur Verfügung. Die Taube mag zwar weit hergeholt sein, aber für mich ist sie von entscheidender Bedeutung und ohne sie hätte das Bild keine Aussagekraft. Ich bin Religionslehrerin und setze mittlerweile einige meiner Bilder im Unterricht ein und das gehört dazu.

  3. Tilman says:

    Ein schönes Motiv. Der Kontrast zwischen dem Hund und dem überbelichteten Himmel gefällt mir sehr gut. Die Taube habe ich nicht gesehen… und auch ich empfinde die Bearbeitung als übertrieben, sogar als ungenau.
    Danke für Deine sehr interessante Besprechung, Sofie.
    Mit freund lichen Grüßen, Tilman

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  4. Christine Frick says:

    Liebe Sofie,
    danke für deine ehrliche Meinung zu meinem besten Bild . Martin Zurmühle schreibt in seinem Buch `Bildbewertung´ auf Seite 97:
    „Das Besondere an dieser Aufnahme ist, neben der speziellen Körperhaltung des Hundes, das Zusammenspiel von Licht und Schatten. Durch die Darstellung in Schwarzweiss wird diese grafische Wirkung noch verstärkt. Schauen wir etwas länger hin, so erkennen wir die Form einer Taube , die durch die hellen Bereiche unter dem Bauch des Hundes gezeigt wird. Die Taube ist eines der ältesten christlichen Symbole für Hoffnung und
    Frieden. “
    Ich wünsche dir ein friedliches Weihnachstfest !

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    • Marcus Leusch says:

      Hallo Christine,

      auch wenn‘s nicht mein Sujet ist und in diesem Bild wohl eine ungewöhnliche Perspektive auf ein gewöhnliches Motiv (Hund) in exponierter Haltung bei extremen Lichtverhältnissen (Sonnenuntergang) den Effekt macht, kann ich Deinem Foto durchaus etwas abgewinnen. Die exzentrische Platzierung des Hundes gefällt mir, wenngleich mir ein Quadratformat noch besser zugesagt hätte – aber dann wäre daraus eine ganz andere Aufnahme geworden mit einer deutlichen Konzentration auf die Silhouette des Hundes bzw. extreme Lichter/Schatten. Die Landschaft ist hier für mich keineswegs nur „bloßes Beiwerk“. Sie tritt zwar dunstig in den Hintergrund, korrespondiert aber durchaus mit dem extrem gekrümmten Rücken des Hundes.
      
Ich finde auch nicht, dass hier digitale Kunst entstehen sollte, wie es Sofie in ihrer Besprechung nahelegt. Die Schwierigkeit bei der Bildbearbeitung liegt für mich in dem extremen Kontrastumfang (Tiefen/Lichter) – und gerade das merkt man der vorliegenden Interpretation auch an (da könnte man mehr herausholen, ohne dabei gleich an Digikunst zu denken!).
      Zumindest in einem Punkt stimme ich Sofie durchaus zu. Man merkt, das hier sehr viel am Bild gearbeitet wurde: Bei genauer Betrachtung (das setzt allerdings auch einen guten Monitor voraus!) fallen in den ausgebrannten Bildbereichen (vor allem um die Hinterläufe/Schwanz des Hundes) deutliche Bearbeitungsspuren (heller Fleck) auf. Das mag für mich nicht so recht zum Anspruch einer solchen Aufnahme passen, die ja wohl bei Martin Zurmühle einmal in Beispiel gebender Absicht publiziert worden ist.

      

Beste Grüße
      Marcus


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