Leserfoto:
Der Mann, das Schiff und das Meer

Schlichte Kompositionen sind oft gute Kompositionen. Die Feinheiten wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (2 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unsere Leserin Kirsten Heinrich aus dem baden-württembergischen Hemsbach hat uns das obige Bild unter dem Titel „Fischer” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Ein Bild, über das ich sehr unsicher bin. Stimmt die Bildaufteilung? der Mann vorne sollte eigentlich im Fokus stehen, ist aber nicht im Licht…. auch inhaltlich – ist die Aussage zu platt oder kommt mein Gedanke gar nicht beim Betrachter an?”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D300 mit Zoomobjektiv 70.0-300.0 mm f/4.5-5.6 (Tamron?) verwendet. Die Brennweite betrug 300 mm (entsprechend 450 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/320 Sekunde bei Blende f/7.1 und ISO 200.

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Kritische Fragen zur Bildeinreichung (wie hier von Kirsten) sind immer willkommen, weil auf diese dann gezielt eingegangen werden kann. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Übersichtlich präsentiert sich hier die Bildanlage – was beileibe kein Nachteil sein muß, denn die besten Bilder beruhen oft auf schlichten Kompositionen.

Hier sehen wir ein Seestück im Querformat, die Horizontlinie liegt gefällig im Goldenen Schnitt von unten. Ebenfalls im Goldenen Schnitt, diesmal aber von links und knapp oberhalb der Horizontlinie wird schemenhaft ein großes Schiff erkennbar. Den Vordergrund nimmt ein etwa ins Drittel von rechts gelegter, in dunklen Tönen gezeichneter Fischer ein, der am Ruder seines Bootes steht (rote Linien ebd.).

Die Verbindungslinien zwischen den beiden dargestellten Hauptelementen bestehen, je nach Blickrichtung, aus einer nach rechts abfallenden bzw. nach links aufsteigenden Diagonale (blaue Linien ebd.) – und dies steht der in unserem Kulturkreis verbreiteten ‚Blickrichtung von links unten nach rechts oben‘ doch etwas entgegen (siehe dazu ggf. mein einschlägiges Tutorial).

Tonwerte:

Das Bild ist gut belichtet, Tonwertabbrüche liegen nicht vor. Das Histogramm zeigt einen Median bei gut 200 und einen Schwerpunkt der Tonwerte in den Zonen VI bis IX, passend zu einer beginnenden Dämmerungssituation.

Farben:

Zarte Pastelltöne von Rot, Blau und ein bißchen Ocker bestimmen das Bild.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Nach den Hinweisen auf die gute Belichtung und anmutigen Farben möchte ich gerne auch noch auf Kirstens Zweifel eingehen.

Die Platzierung der bildwichtigen Elemente erscheint mir tatsächlich nicht ganz optimal – zu schnell ist das Bild durchgesehen, zu sehr stellt sich die Ordnung der gewohnten Blickrichtung entgegen, zu wenig entstehen dadurch Spannungsbögen …

Die skizzenhafte Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) soll aufzeigen, wie ich mir das Bild wirksamer vorstellen könnte. Das Bild wurde gespiegelt, das Schiff in das Drittel von rechts gelegt. So erscheinen mir die Spannungsbögen von ’nah und fern‘, ’scharf und unscharf‘, ‚oben und unten‘ doch besser zur Geltung zu kommen.

Einwände mögen kommen wegen des Montagecharakters der Überarbeitung. Diese sind im Grundsatz berechtigt, da zwar keine bildwichtigen Teile dazuerfunden, solche aber doch verschoben wurden und das Bild so nicht mehr authentisch im Sinne der unbedingten Motivtreue ist.

Jedoch (jetzt kommt noch etwas, Ihr ahnt es schon) … klang in Kirstens Bildabsicht kein dokumentarischer Zweck an, sondern der Wunsch, eine Idee bzw. Stimmung (eben Sehnsucht, Ferne, auch eine gewisse melancholische Beschaulichkeit) in ein Bild umzusetzen.

So sind wir hier eigentlich in gestalterischen bzw. künstlerischen Gefilden angelangt, welche (nach meinem Dafürhalten) gewisse Freiheiten beanspruchen dürfen bzw. sogar benötigen.

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Bildteil:

Komposition

Überarbeitung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin … vom Krabbenkutter …

    was ein bekanntes Sehen so vom Krabbenkutter

    … Glückwunsch zu diesem Bild Kirsten
    ich finds klasse …

    auch die Spiegelung Thomas und Reinhard …

    … ein schönes Beispiel mit dem dicken Schiffchen zu meiner Beschreibung so wegen geringer Bildausschnitt und Wirkung und wenige Detailpixel ….

    das passt ja wie Krabbe auf Kutter :-)

    … den Western schaue ich mir an …

    BGr Di

    Antworten
  2. Reinhard says:

    Unglaublich Thomas… Genau zum gleichen Ergebnis bin auch ich gekommen… Einfach mal gespiegelt und dann wirken lassen. So was hab ich noch nicht erlebt… :-)

    Antworten

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