Rob Hornstra/Arnold van Bruggen: Das Sotschi-Projekt

Die Olympischen Winterspiele stellen Sotschi am Schwarzen Meer ins Licht der Weltöffentlichkeit. Vor fünf Jahren war das noch nicht ganz so, als Rob Hornstra und Arnold van Bruggen ihr Dokumentarfotoprojekt über die Region im Nordkaukasus begannen.

Rob Hornstra - Georgian Military Highway, Gudauri, Georgia, 2013  © Rob Hornstra / Flatland Gallery. From: An Atlas of War and Tourism in the Caucasus (Aperture, 2013).

Über fünf Jahre hinweg entwickelten die Niederländer Hornstra und van Bruggen das, was sie »The Sotchi-Project« genannt haben. Sie beleuchten darin in vielen Bild- und Textgeschichten eine der ärmsten und konfliktreichsten Regionen der ehemaligen Sowjetunion.

»Die Olympischen Winterspiele in einem subtropischen Ferienort. Umgeben von Konfliktzonen. Die teuersten Spiele aller Zeiten … Aus dem Nichts wurde in nur sechs Jahren ein ganzes Weltklasse-Sport-Spektakel aufgebaut«, schreibt Arnold van Bruggen. Sotschi 2009 ist noch ganze Welten entfernt von Sotschi 2014. In dieser Zeit reisten der Fotograf Rob Hornstra und van Bruggen, der Schreiber, immer wieder durch diese Region im Nordkaukasus. Der »Atlas des Kriegs und des Tourismus im Kaukasus« – das ist ihre Darstellung des Aufbaus der Olympischen Spiele und der Ereignisse, die sich drum herum abspielten. Diesen »Atlas« gibt es als 400-seitiges Buch, als Website mit zusätzlichen Videos und ab 30. Januar als Ausstellung in Salzburg.

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Hornstra und van Bruggen sind mit dem Ansatz des »Slow Journalism« vorgegangen, was besser mit »nachhaltig« und »gründlich« übersetzt ist als mit »langsam«. Sie berichten über die Menschen, die den olympischen Bauten weichen mussten. Die Menschen, die in den Luxushotels arbeiten, Köche, Tänzerinnen und Alleinunterhalter. Sie zeigen den Charme der alten Sanatorien aus der Sowjetzeit, als Sotschi das Florida Russlands war, das Strand- und das Nachtleben. In Abchasien dokumentierten sie die Menschen in diesem verlassenen und kriegszerstörten Landstrich. Während in Sotschi Millionen von Dollars in die Olympischen Spiele gepumpt wurden (in welche Kanäle auch immer), herrscht auf der anderen Seite der Berge Stillstand. Sie gingen nach Nord- und nach Südossetien und fanden Träume und Hoffnungslosigkeit in diesem isolierten, sich selbst überlassenen Land. Der Kauskasus ist eine Region der Kriegsveteranen und der Versehrten, stellten sie fest, in keinem Teil der alten Sowjetunion waren so viele Männer an der Front. In Tschetschenien fanden sie Bilder von Menschen, die von der Polizei zu Tode gefoltert wurden. In den Wäldern Dagestans sammeln sich Mujahedin. Überall sind die Folgen von Kriegen und Terroranschlägen sicht- und spürbar und längst nicht überwunden. Trotz alledem verbreitet das Buch keine depressive Stimmung. Das Positive an Sotschi 2014 sei, so steht es im Vorwort des »Atlas«, dass diese Region, reich an Geschichte, Kultur und Naturschönheit – die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdiene.
In ihrem Reisejournal berichten Hornstra und van Bruggen über die eigenen Erlebnisse während der fünfjährigen Reisen, die Umstände der Interviews oder ihre wiederholten Verhaftungen. Ab Sommer 2013 erhielten Hornstra und van Bruggen kein weiteres Einreisevisum mehr und eine lange vorbereitete Ausstellung im Moskauer Zentrum für zeitgenössische Kunst wurde kurzfristig abgesagt.

Rob Hornstras fotografischer Ansatz vereint seine dokumentarische Erzählkunst mit zeitgenössischen Porträtabbildungen, gefundenen Fotografien und anderen visuellen Elementen, die die Künstler im Laufe ihrer Reisetätigkeit gesammelt haben. Arnold van Bruggen trägt bewegende Geschichten über die Menschen, das Land und seine bewegte Geschichte bei. Zusammen eröffnen Bilder und Texte die komplexe und vielschichtige Geschichte dieser unruhigen Region und werfen ein grelles Licht auf Vladimir Putins Bestreben, dass sich die „olympische Familie in Sotschi zu Hause fühlen wird«.

Zahlreiche Elemente des Sotschi-Projekts wurden bereits ausgezeichnet, darunter etwa mit dem Canon-Preis für innovativen Fotojournalismus im Jahr 2010, dem Magnum Expression Award im Jahr 2011, dem Sony World Photography Award (Kategorie Arts & Culture) im Jahr 2012 und dem World Press Photo Award (Arts & Entertainment Stories) ebenfalls 2012.

Rob Hornstra (Jahrgang 1975) ist Dokumentarfotograf und freiberuflicher Herausgeber von dokumentarischen Arbeiten im Sinne des „Slow Journalism“. Außerdem ist er der Gründer und ehemaliger künstlerischer Leiter der niederländischen Institution Fotodok – Space for Documentary Photography. Der Autor und Filmemacher Arnold van Bruggen (Jahrgang 1979) ist Gründer der journalistischen Produktionsagentur Prospektor.Von Anfang an begleiteten die Grafikdesigner Kummer & Herrman das Sotschi-Projekt. Sie sind sowohl für die Gestaltung der Publikation „The Sochi Project Book“, der Website als auch der Ausstellung „An Atlas of War and Tourism in the Caucasus” verantwortlich. Das Buch bildet den Höhepunkt dieses Fünf-Jahres-Projekts und geriet zu einem modernen, sowohl fotografischen als auch journalistischen Werk in der Tradition von James Agee, Walker Evans oder Dorothea Lange.

Das Sotschi-Projekt: Ein Atlas von Krieg und Tourismus im Kaukasus

Die Ausstellung:
31. Januar bis 22. März
Galerie Fotohof, Inge-Morath-Platz 1-3, A-5020 Salzburg
+43 662 849296, fotohof@fotohof.at
Geöffnet Dienstag – Freitag 15-19 Uhr, Samstag 11-13 Uhr

Das Buch:
The Sochi Project: An Atlas of War and Tourism in the Caucasus (Affiliate-Link), erschienen bei Aperture (Englisch)

Die Website:
The Sotchi-Project
Galerie Fotohof Salzburg

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