Leserfoto – Schranke: Komposition und Bildaussage

Manchmal findet man Motive, indem man spontan irgendeinen Weg einschlägt.

(c) Christian Wiesner

Die Aufnahme war eine der ersten 50 mit meiner damals neuen DP1S. Es handelt sich um einen Weg hinter einem Autobahnrastplatz. Es war im April mit dementsprechendem Wetter: Ein ständiger Wechsel aus Schnee, Regen, Hagel und strahlendem Sonnenschein. Ich wollte das seltsame Licht einfangen, habe angehalten und dieses Foto gemacht. Ich mag die Farbgebung, die Reflektion der Sonne in der Birke und den Kontrast der roten Schranke. Die Symbolik eines versperrten Weges gab es kostenlos dazu.

Wenn ich beispielsweise in eine fremde Stadt komme und keine Nichtfotografiefanatiker dabei habe (will sagen, meine Familie), lasse ich mich gerne gewissermaßen nach Instinkt treiben, und es erschließen sich einem auf diese Weise Aspekte seiner Umgebung, die man sonst so nie wahrgenommen hätte.

Du bist hier hinter einem Autobahnrastplatz einen Weg entlang gegangen – wahrscheinlich, um Dir die Beine zu vertreten – und hast von einer einsamen Schranke an einem einsamen Feldweg ein Bild gemacht. Zunächst einmal zu dem, was mir an Deinem Foto gut gefällt: wie Du schon erwähnt hast, ist die Farbstimmung hier sehr ansprechend. Die blassen, von der Wintersonne leicht angewärmten Farben, ergeben fast eine malerische Palette, mit dem das dunkle Rot der Schranke gut kontrastiert. Diese Lichtstimmung hätte mich auch gereizt, und es war eine gute Gelegenheit, mit Deiner neuen Kamera zu üben.

Links hast Du einen Baum mit ins Foto genommen, der dort einen Rand bildet, und der Weg führt nach links in die untere Bildecke. Dadurch wird der Blick des Betrachters von der Schranke nach unten und dann zum Fluchtpunkt, wo sich der Weg in der Landschaft verliert, geleitet. Das verrät einen guten kompositionellen Ansatz (wenn auch Deine Beschreibung verrät, daß es Dir eher um die Lichtstimmung ging), der aber leider nicht vollkommen durchgehalten wurde.

Vergleichsfoto

Daß der Horizont sich fast unmerklich nach links neigt (im obigen Anschauungsbild gelb), kann man leicht korrigieren (für diejenigen, die jetzt das Lineal zücken: ich habe mir hier nicht die Mühe gemacht). Auf den ersten Blick wirkte die Schranke für mich zu gekippt, ich bin aber zu dem Schluß gekommen, daß sie so angebracht worden sein muß und eben so ins Bild gehört. Da Du die Szene ungestört fotografieren konntest, hättest Du noch ein paar andere Dinge mit in Betracht ziehen können oder sollen, die mich vom Bildaufbau her stören: der Weg, der den Blick des Betrachters in die Aufnahme hineinzieht, endet mir zu sehr in der Mitte. Das ist zwar in dem Bereich, in dem er sich mit der Schranke kreuzt, aber genau das führt für mich zu zuviel Statik im Foto. Ich persönlich hätte das Bild daher rechts so beschnitten, daß von dem leeren Raum dort fast nichts mehr übrig bleibt (rot schattiert). Fast magisch rückt dadurch der Weg oben in den Goldenen Schnitt (ausgehend von einem Bildbeschnitt; blaue Linien). Beschnitten sähe das Foto dann so aus:

Bild mit Beschnitt

Dieser Beschnitt hat noch eine weitere Wirkung, nämlich auf die Bildaussage: die geschlossene Schranke versperrt dem Betrachter im Ausgangsfoto zwar den Weg, aber warum sollte er nicht rechts einfach um sie herumgehen, wo sich zwischen der Schranke und dem Bildrand eine große Lücke befindet? Im Vergleichsfoto versperrt sie ihn fast vollkommen, ragt dominierend horizontal durchs Bild, und jetzt bildet sie optisch eine Barriere, vor der man sich befindet (daß man natürlich auch hier theoretisch wie praktisch darüber/darunter/darum herum käme, spielt keine Rolle).

Im Vergleich also nochmals hier das Ausgangsfoto und mit Korrekturen:

Ausgangsfoto und Bearbeitung im Vergleich

Als Anregung hätte ich hier noch Folgendes anzumerken: wo man sich wie, wann und warum seine Motive sucht, ist jedem selbst überlassen. Eine Schranke vor einem Feldweg ist für mich persönlich ein netter Schnappschuß, der wie oben erwähnt eine schöne Lichtstimmung festgehalten hat, aber er hätte als Bild gewonnen, wenn etwa noch eine Person im Foto gewesen wäre, die entweder vor oder hinter der Schranke steht, oder auf dem Weg nach hinten noch als Silhouette erkennbar ist. Man braucht zwar nicht immer Statisten im Foto, aber die Bildaussage hätte sich hier für mich noch abgerundet. Mit etwas Planung (ich führe selbst eine Art Liste von Orten, an die ich zurückkommen will oder anderweitiger Bildideen), wird dann aus einem Schnappschuß ein Foto, das sich andere an die Wand hängen würden.

 

1 Antwort
  1. Christian Fehse sagte:

    Ich hätte den Beschnitt so gelassen wie er war. Neben dem „Bild“ des versperrten Wegen finde ich den Gedanken der „sinnlosen Schranke“ genauso interessant. Wen hält den diese schiefe Schranke auf? Es ist überhaupt interessant, wie viele unnütze Zäune, Schranken und Verbotsschilder es gibt, wenn man mal gezielt danach gucke…*gg*

    Antworten

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