Leserfoto – Mönch: Gewagter Beschnitt?

Wenn man lange an einem Foto herumzudoktern versucht ist, kann man davon ausgehen, daß mit dieser Aufnahme etwas nicht „stimmt“.

(c) Tilman Jochems

Aufgenommen auf dem Weihnachtsmarkt in Collioure / Frankreich am 07/12/2013. Es ist kein Mönch; aber dieser Mann passte für mich gut ins Bild, die dazugehörige Tochter habe ich weg retuschiert. Ich bin mir nicht sicher über die Komposition und habe lange überlegt, den rechten Teil zu beschneiden. Auf der anderen Seite, trägt der Donjon aber auch zu dem mittelalterlichen Eindruck bei. Würde mich interessieren, was Ihr darüber denkt.

Wenn man lange an einem Foto herumzudoktern versucht ist, kann man davon ausgehen, daß mit dieser Aufnahme etwas nicht „stimmt“. Man kann auch selbst derjenige sein, mit dem etwas nicht stimmt – manche Leute haben die Angewohnheit, Dinge zu zerdenken. Dann hilft es, einen Schritt zurück zu machen oder jemand anderen zu fragen. Das hast Du hier getan.

Mir gefällt Deine Aufnahme insgesamt recht gut. Die Kulisse der mittelalterlichen Burg, dahinter das Meer, gibt mir einen Eindruck des Ortes. Der Donjon bildet Rahmen und Kontext zugleich, und der Mann im Vordergrund vermittelt einen Eindruck der Größenverhältnisse. Trotz der Tageszeit, zu der das Foto entstanden ist, ist das Licht weich. Das ist der Tatsache zu verdanken, daß im Winter die Sonne tiefer steht, auch im Süden. Was sofort ins Auge sticht, sind allerdings die großen schwarzen Flächen (Schatten) rechts.

Wer als Tourist in einem fremden Land unterwegs ist, hat im allgemeinen anders als professionelle Reisefotografen nicht die Zeit, einen Ort genug zu erkunden, um das Optimale aus ihm „herauszuholen“. Die bestmögliche Zeit, die besten Lichtverhältnisse, das Motiv aus dem besten Blickwinkel – das schafft man eigentlich nur, wenn man entweder unverschämtes Glück (als Durchreisender) oder die Zeit hat, das Foto zu planen. Dazu kommen dann unter Umständen noch Mitreisende, die nicht immer Verständnis dafür aufbringen, daß man ständig den Fotoapparat zückt oder bei Rundgängen in fremder Umgebung zurückfällt.

Trotzdem das Licht auch für diese Tageszeit weich war, hast Du durch Deinen Aufnahmestandpunkt rechts die oben erwähnten großen Schatten in die Aufnahme gebracht, die hier um diese Zeit nicht vermeidbar waren. Man könnte argumentieren, das Foto sei eben ein Schnappschuß und so aufgenommen, doch sie stören Dich genug, um einen Beschnitt zu erwähnen. Ich habe versucht, sie etwas aufzuhellen, doch sie fallen immer noch zu sehr optisch ins Gewicht.

Bliebe also ein Beschnitt. Die Frage wäre dann, wieviel man rechts kappen wollte, ohne das Bild negativ zu verändern. Man könnte einen kleinen Streifen rechts wegnehmen (orange), doch das Problem mit den schwarzen Flächen besteht dann weiter. Oder man wagt einen radikaleren Beschnitt und wählt ein quadratisches Format (grün). Hier hätte ein quadratischer Beschnitt zur Folge, daß der Turm in der Mitte, wie auch der Mann vor ihm, jetzt ins rechte Drittel gerückt werden (rosa Linie markiert die Mitte des Originalfotos). Die Statik, die das Bild jetzt hat, wird dadurch gelockert:

Vergleichsfoto

Rechts ist zwar immer noch ein Teil der fast schwarzen Fassade, aber diese bildet jetzt einen Rand und dominiert nicht mehr so sehr.

Das Foto beschnitten und aufgehellt:

Vergleichsfoto

 

4 Kommentare
  1. Tilman sagte:

    Lieber Marcus,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Es ist sehr interessant für mich, Eure Meinung zu dem Bildausschnitt und Format zu erfahren.

    Ich glaube, dass Dein Vorschlag, Marcus, zu einem anderen Bild führt. Es sind gerade die großen Flächen, links und rechts, mit der Ausrichtung der Wände, wo alle Linien auf den Kirchturm hinlaufen, war mir so gut gefällt. Das ergibt für mich auch diesen gewaltigen, mittelalterlichen Eindruck.

    Da hat das Kind einfach nicht rein gepasst. Der Typ mit Rucksack ist für mich das i-Tüpfelchen, da er wirklich wie ein Mönch aussieht.

    Viele Grüße,
    Tilman

    Antworten
  2. Marcus Leusch sagte:

    Hallo Tilman,

    ja, es stimmt schon, dass man sich mehr Zeit nehmen sollte für Komposition etc, da gebe ich Sofies Anmerkungen recht. Ich persönlich bin zwar nicht in jedem Fall für den Beschnitt eine Bildes, und dies hängt ja letztlich auch davon ab, wie sich das auf die Bildqualität auswirkt (Größe des Sensors etc.). Trotzdem glaube ich, dass Deiner Aufnahme ein Hochformat (aufstrebender Turm) gut zu Gesicht stehen würde, wobei man mitunter vom klassischen 3:2-Format etwas abweichen müsste. Dabei bliebe die Turmuhr – gemäß Deiner Intention – im Mittelpunkt. Das Meer und die Bewehrung (Mauern im unteren Teil) hätten so in Etwa den selben Bildanteil, eingerahmt durch einen aufgehellten Schatten des Turmes rechts und von links durch einen Teil der Hauswand inkl. einem gewissen Anteil der Bäume (– links/rechts stehen so in einem sehr ausgewogenen Verhältnis). Auch die „Wucht“ der Umrandung bliebe somit erhalten! Und wenn alle Stricke reißen, ist Collioure, das ich noch recht gut erinnere (Altstadt … der wunderbare Maillol!), sicher eine Reise wert, um dort eine ähnliche Aufnahme (vielleicht auch einmal im Hochformat) zu wiederholen …, auch ohne „Mönch“. – Bonne chance!

    P.S.: Mir ist eigentlich nicht ganz klar, warum Du das Kind (im Original noch sichtbar) aus dem Ensemble verbannt (wegretuschiert) hast. Für mich ist das nicht unbedingt ein störendes Bildelement.

    Die meisten Urlaubsfotos werden übrigens hier von der Meerseite (Uferszenerie) „geknipst“, insofern bietet Deine Aufnahme mal eine erfreulich andere Perspektive.

    Gruß in die Runde
    Marcus

    Antworten
  3. Tilman sagte:

    Hallo Sofie,

    zunächst einmal vielen Dank für Deine interessante Besprechung. Du hast absolut Recht: die Planung von Fotos ist eigentlich das, was ich mehr bedenken muss. Dann wäre ein Bearbeiten hinterher überflüssig.

    Gut, habe ich nun mal nicht gemacht. Und dann stand ich da mit diesem Schatten… und habe in der Tat lange überlegt, wie ich das Bild beschneiden soll (hier das Original http://1drv.ms/1ir3m9v).

    Deine Vorschläge hatte ich auch versucht… und verworfen. Dein Beschnitt lockert das Foto auf, das stimmt. Aber gerade diese „Statik“, diese Wucht der Umrandung, mit einer genau in der Mitte befindlichen Uhr fand ich gut.

    Fazit wie Du rätst: nicht lange herumdoktern, an den Ort des Geschehens zurück, aber zur richtigen Tageszeit mit dem richtigen Licht. Nur ob ich dann so einen Mann mit Rucksack und roter Jacke nochmal antreffe…

    Vielen Dank noch einmal,
    Tilman

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Und das ist dann auch Deine Antwort: wenn Du herumprobierst, aber doch immer wieder zum selben Ergebnis zurückkehrst, ist das Bild so für Dich in Ordnung. Und wie ich ja auch schon sagte: man kann manchmal eben nicht planen, wenn man „nur“ im Urlaub ist, insbesondere mit Nichtfotografen im Schlepptau. Ich habe mir letztes Jahr mal den Luxus gegönnt, zwei Wochen alleine loszuziehen und war im November in D-land. Das Wetter war Mist, aber es sind wunderbar düstere Fotos dabei herausgekommen. Ob Du den Typen mit Rucksack nochmal triffst, ist eigenlich egal – sieh es als „Motiv erkunden“.

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