Leserfoto – „Die letzte Liege“: Ruhe und Dynamik

Aufnahmen mit einer starken Neigung nach links oder rechts sind generell eine Herausforderung an den Fotografen, wie auch den Betrachter.

Strandfoto aus Aegypten

(c) Lissi Gerhardt

 

Gesehen im Herbst 2013 in Hurghada, Ägypten. Aufgrund der Unruhen in den Städten bleiben die Touristen weg. chnappschuss mit dem Handy HTC Desire X
1000 x 598 Pixel Brennweite 3m Belichtungszeit 1/119 Sek.

Unser natürliches Empfinden geht dahin, waagrechte Linien waagrecht und senkrechte senkrecht darzustellen. In der traditionellen Architekturfotografie etwa ist es ein Muß, wenn man auch hier und da Kompositionen sieht, die sich bewußt darüber hinwegsetzen.

Du hast hier ein mit Deinem Handy gemachtes Foto eingereicht. Das HTC Desire X hat, soweit ich weiß, eine 5 MP Kamera, die für gelegentliche Schnappschüsse gemacht ist. Das wird hier deutlich am Rauschen, das auf dem Sand zu sehen ist; wahrscheinlich ist das Bild nachträglich aufgehellt worden, denn den Lichtverhältnissen nach zu urteilen ist es später Nachmittag/früher Abend. Auch die Pflastersteine im Weg zur Mitte hin sind verschwommen, was ich ebenfalls auf die technischen Grenzen der Kamera zurückführe. Man kann hier argumentieren, daß das ganze Bild auf etwas Distanz fast gemalt wirkt, und insofern stört es mich eher weniger.

Worauf ich mich hier konzentrieren möchte ist der extrem gekippte Horizont, zu englisch „Dutch Angle“, dieses Fotos. Ich denke, Du bist am Hotelfenster oder auf dem Balkon gestanden und hast diese Szene beobachtet. Du wolltest auch den Wächter rechts unten mit ins Bild nehmen, und so ist diese Komposition entstanden.

Die bestimmenden Linien im Foto (grün) sind gegenüber der Waagrechten (rot) extrem gekippt:

Vergleichsfoto 1

Der Hauptbildgegenstand ist hier der negative Raum, in dem der Mann mit der Liege Statist bleibt, aber auch als Kontext wirkt. Es strahlt eine trostlose Leere aus, die durch die blassen Farben verstärkt wird.

Die ganze Komposition ist aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben (gelb).

Goldener Schnitt

Der Blick des Betrachters wird nach unten rechts dem Weg entlang aus der Aufnahme geleitet (rosa), wo er schließlich auf den Wächter trifft.

Vergleichsfoto 2

Als Stilmittel hat ein „Dutch Angle“ in bestimmten Fällen seinen Platz, aber man muß ihn gekonnt einzusetzen wissen. Ich habe es mir über die Jahre zur Gewohnheit gemacht, andere Szenarien einer Aufnahme in Betracht zu ziehen, wenn Regelbrüche zur Diskussion stehen. Wenn ich zu dem Schluß komme, daß das Foto nur so, wie es präsentiert wird, „Sinn“ macht, ist der Regelbruch für mich gekonnt. Untenstehend eine verschlimmbesserte Version des Bildes, die eine unterschiedliche Variante der Szene wiedergibt. Es ist ein vollkommen anderes Foto, das zwar eine ähnliche Aussage hat, aber nicht halb so interessant wirkt:

Vergleichsfoto 3

Die Ruhe, die die Szene hätte, wäre sie anders eingefangen worden, paßt zur Trostlosigkeit des Bildes. Dort, wo sich Touristen unter Sonnenschirmen aalen sollten, ist niemand. Es könnte aber auch sein, daß eben am Ende des Tages alle Liegen weggetragen werden, und daß es sich um Ägypten handelt, sieht man nicht notwendigerweise. Man kann hier alles Mögliche hineininterpretieren.

Ein extrem kippendender Horizont bringt allgemein Dynamik ins Bild. Er unterstreicht im Foto angelegte Bewegung, etwa bei Autorennen. Das erzeugt hier eine kompositionelle Spannung in einem eigentlich ruhigen Foto und bring zusätzliches Interesse in die Aufnahme. Nur so macht sie hier Sinn, und ich finde den Ansatz durchaus gelungen.

Anzumerken wäre hier noch, daß ich persönlich das Thema aufgegriffen und noch weiter ausgebaut hätte. Oft kommen mir Gedanken zu Bilderreihen genau auf diese Weise: mir fällt etwas ins Auge, ich fange an, darüber nachzudenken, und ehe ich es mich versehe, bin ich dabei, das ganze fotografisch zu erkunden. Aus diesem einen Schnappschuß hätte so beispielsweise ein fotografisches Essay werden können.

 

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