Leserfoto – „Traumschlösser“:
Verdichtung der Komposition durch Beschnitt

Manchmal genügt ein einfacher Beschnitt des Bildes, um eine Komposition zu verdichten.

(c) Renate Husmann

Liebes Fokussiert-Team,

seit wenigen Jahren knipse ich, seit letztem Jahr versuche ich systematisch zu lernen. Besonders schwierig finde ich Bilder von unterwegs, schon weil ich nicht alleine bin und mich mit Passanten und Mitreisenden („Kommst Du?“) arrangieren muß. Da bleibt nicht viel Ruhe, mit einem Motiv umzugehen.

Besonders gerne fotografiere ich verschiedenste Türen, Durchgänge und Durchblicke, hier durch ein Brückengeländer im Maschsee-Park in Hannover bei einem Spaziergang gestern. Bei Themen wie diesen fällt mir die Komposition schwer, meistens gefällt mir das Ergebnis zu Hause nicht. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten und zu viel zu berücksichtigen. Vom Experten hätte ich gerne einige Hinweise, die mir helfen ein so ein Bild zusammenzubauen und mich auf einige wenige Aspektes des Motivs und der Technik (Kameraeinstellungen) zu konzentrieren.

Die Brücke wirkte aus der Entfernung, als würde rote Farbe abblättern, deswegen ging ich näher heran. – Die klaren Linien und Farben der Liebesschlösser und des Geländers fand ich sehr reizvoll. – Das Gebäude im Hintergrund ist sehr schön, aber ein Postkartenthema, das ist langweilig, das gibt es oft zu sehen. Deswegen freute ich mich über den Geländer-Durchblick, der sich mir unvermittelt eröffnete und mir die Möglichkeit einer alternativen Ansicht gab.

Zugegeben, der Titel ist ein wenig gemogelt. Das Gebäude sieht nur aus wie ein Schloß, ist aber das hannoversche Neue Rathaus.

Bei der Nachbearbeitung habe ich den Ausschnitt nicht verändert, aber die Schatten stark aufgehellt und alles mit Hilfe einer Hochpassfilter-Strategie, die ich aus der Makrofotografie kenne etwas nachgeschärft.

Vielen Dank für’s geduldige Lesen, (hoffentlich) die Besprechung und ein frohes neues Jahr,
Renate Husmann

Manchmal genügt ein einfacher Beschnitt des Bildes, um eine Komposition zu verdichten. So auch bei dieser Aufnahme. Dazu muß man sich jedoch der Grundregeln bewußt sein, was genauso wichtig ist, wie seine Kamera zu kennen.

Als allererstes kam mir bei Deinem Bildkommentar ein Video in den Sinn, das auf einer Gruppenreise nach Israel aufgenommen wurde, die meine Eltern vor mittlerweile Jahrzehnten mitgemacht haben. Mein Vater war Kunstmaler, und für ihn hat im Alter die Kamera den Skizzenblock ersetzt; besonders in Situationen, wo es ihm nicht vergönnt war, länger stehen zu bleiben, um etwas mit Blei- oder Kohlestift und Papier festzuhalten. Durch den ganzen etwa 15 Minuten langen Film ist immer das gleiche zu hören: „So, und jetzt wollen wir zu (NAME DES HISTORISCHEN ORTES) weitergehen. Sie bitte auch, Herr Dittmann.“ Denn mein Vater blieb natürlich ständig stehen, um alles um sich herum mit den Augen und der Kamera aufzunehmen, während der Rest der Gruppe durch ihn aufgehalten wurde. Er nannte es „mit den Augen stehlen“, und genau darauf möchte ich im folgenden unter anderem eingehen.

Regeln der Komposition zu kennen, gehört bei einem Medium wie Fotografie genauso zum Handwerkszeug wie die Kamera selbst. Was für einen Maler die Leinwand bedeutet, ist für den Fotografen der Sucher. In modernen Kameras lassen sich Gitterraster einblenden, die die Komposition insbesondere für den Anfänger erleichtern können.

Das wichtigste ist allerdings, das Auge zu schulen, was durch Übung geschieht, wie auch durch die bewußte Analyse der Bilder anderer, von Berühmtheiten wie Anfängern und allem dazwischen. Ich selbst lerne jedes Mal etwas dazu, wenn ich ein Bild bei fokussiert bespreche – als kreativ Schaffender ist man immer auf der Reise, aber nie am Ziel. Man kann jemandem das Fotografieren auf technischer Ebene beibringen, das Sehen aber nicht. Entweder man sieht, oder man schaut eben bloß.

Du hast hier ein Foto eingereicht, bei dem der Vordergrund von an ein Gitter befestigten „Liebesschlössern“ dominiert wird. Auf den zweiten Blick sieht man im Hintergrund ein schloßähnliches Gebäude, das von dem Gitter im Vordergrund eingerahmt wird. Ich finde die Gegenüberstellung witzig. Sie lädt zum Nachdenken ein – und sie verrät ein gutes Auge. Du bist von Deinem Ziel nicht ganz so weit entfernt, wie Du denkst, wenn Du das hier gesehen hast.

Das Foto könnte fast perfekt sein, wenn das Gebäude im Hintergrund anders angeordnet wäre. So, wie der Ausschnitt gewählt wurde, ist es unnötigerweise aus dem Goldenen Schnitt/Punkt heraus verschoben (blaue Linien). Da die Schlösser im Vordergrund zahlreich vorhanden und unregemäßig angeordnet sind, richtet sich der Goldene Punkt hier nach dem Gebäude. Dieser Regelbruch war meines Erachtens unbeabsichtigt und funktioniert hier nicht:

Goldener Schnitt/Punkt

Er ist aber ganz einfach durch einen Beschnitt links zu beheben. Der fast leere Raum auf dieser Seite (orange schattiert) trägt nichts weiter zum Foto bei. Es gilt jedoch, diesen Beschnitt mit Bedacht vorzunehmen, damit man nicht willkürlich Elemente auf dieser Seite amputiert, die eigentlich im Bild verbleiben sollten (blau umrandet).

Vergleichsfoto 1

Beschnitten sieht die Aufnahme dann so aus, und fast automatisch rückt damit das „Schloß“ dorthin, wo es sein sollte (hellblaue Linien):

Vergleichsfoto 2

Du hast das Bild mit einer Blende von f/5.6 und einer Brennweite von 24 mm (36 mm Äquivalent) fotografiert und den Sucher auf die Schlösser im Vordergrund eingestellt. Dadurch wirken einige vorne rechts ebenfalls leicht verschwommen, zumindest auf meinem Bildschirm, was ich nicht als störend empfinde. Die von Dir verwendete Nikon D3100 ist als Lernkamera konzipiert, und ich würde ihre Möglichkeiten voll in Anspruch nehmen.

Grundsätzlich entscheidest Du, was Dich an einem Ort oder Gegenstand interessiert. Momentan sind das Türen und Durchblicke. Diese bilden dann also den visuellen Rahmen für etwas, was hinter ihnen liegt. Du entscheidest weiterhin, wo Du stehst und wann Du auf den Auslöser drückst. Hier hätte es noch unzählige Varianten des Motivs gegeben, die ich mir hätte vorstellen können. Das Rathaus scharf, die Schlösser unscharf. Eine andere Stelle des Gitters. Und so weiter. Ein Motiv will erkundet werden, und nichts ist schlimmer, als mit einer einzigen Aufnahme von etwas nach Hause zu kommen, die sich hinterher als Fehlentscheidung entpuppt. Geh um die Dinge herum, schau nach oben. Schule Dein Auge und lerne Deine Kamera in- und auswendig.

Last but not least, zieh auch mal alleine los, wenn Deine Umgebung nur bedingt Verständnis zeigt.

 

1 Antwort
  1. Renate Husmann says:

    Hallo Sofie,

    vielen Dank für den ausführlichen Text und die Geschichte darin :)! Du hast Deine Kritik sehr schlüssig und nachvollziehbar formuliert. Ja, das hilft mir weiter!

    Die Theorie des Goldenen Schnittes kenne ich, aber wie sie auf dieses Foto praktisch anzuwenden ist war mir nicht klar. Ich habe auch noch nie ein Gitter in der Kamera oder der Nachbearbeitungs-Software als Hilfsmittel benutzt, das werde ich jetzt ändern.

    Insgesamt habe ich 5 oder 6 Fotos von dieser Brücke aus gemacht und dabei hauptsächlich darauf geachtet, die Spitzen des Gebäudes nicht abzuschneiden, was nicht bei allen gelang. Auf diesem waren am wenigsten Liebesschlösser zu sehen, und das Gebäude war unschärfer als auf den anderen. Warum das so am besten wirkt, versuche ich jetzt herauszufinden.

    Nochmals vielen Dank,
    Renate

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