Leserfoto – „Treppe“: Architektur als Abstrakt

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, lassen sich auch aus eher unscheinbaren Motiven außergewöhnliche Fotos herausholen.

(c) Oliver Bedford

Schnappschuss einer Kolonnade in Hamburg – genauen Ort kann ich nicht mehr rekonstruieren. Perspektive korrigiert, in S/W gewandelt, Kontrast erhöht und beschnitten.

Ein Fotografenfreund hat mir einmal gesagt, die Herausforderung in der Fotografie sei oft nicht, spektakuläre Motive angemessen abzulichten (man muß sich beispielsweise regelrecht bemühen, vom Grand Canyon schlechte Bilder zu machen, obwohl es die leider auch zuhauf gibt), sondern im Alltäglichen das Interessante abzubilden. Das ist Dir hier meines Erachtens gelungen. Bei Deiner Aufnahme mußte ich zweimal hinsehen, bis mir die Illusion klar wurde, und das hat mich schließlich zur Auswahl bewegt.

Zunächst einmal zu dem, was ich an diesem Foto und Deiner Nachbearbeitung gut finde.

Aus den EXIF-Daten ersieht man, daß Du das Bild mit einer Canon PowerShot aufgenommen hast. Die Brennweite war 13.8 mm, was mit Sicherheit zu extremen Bildverzerrungen geführt hat. Diese hast Du richtigerweise korrigiert, so daß alle vertikalen Linien, die gerade sein sollten, auch gerade und nicht verkrümmt dargestellt werden. Richtigerweise, denn Deine Aufnahme spielt mit geometrischen Formen und Linien, und eine Verkrümmung hätte unnötig abgelenkt.

Weiterhin hast Du das Bild beschnitten und in Schwarzweiß umgewandelt. Durch den extremen Beschnitt sind die Seitenverhältnisse fast 1 : 2, was dem ganzen zusätzliches Interesse verleiht, und das Monochrome des Fotos zwingt den Betrachter, sich auf die Kontraste und Linien zu konzentrieren – meiner Meinung nach entsteht so die Treppenillusion gerade erst. Das Dunkle der Säulen links kontrastiert gut mit dem Hellen des Metalls auf der anderen Seite und sorgt für optische Spannung im Bild. Die Sonne, die durch die  Pfeiler scheint, erzeugt eben jenen Eindruck von Treppenstufen. Von einer größeren Entfernung aus betrachtet wirkt die Szene aber auch abstrakt. Man bekommt mehrere Motive auf einmal geboten.

Was ich hier anders gemacht hätte, ist, den Kontrast noch weiter heraufzuschrauben, denn gerade dadurch „lebt“ Dein Foto doch. Das hätte dann etwa so ausgesehen:

Vergleichsfoto

 

Durch die nochmalige Kontrasterhöhung werden auch die Sträucher, die man links unten zwischen den Säulen sieht, optisch in den Hintergrund gedrängt. Diese sind auch das einzige, was mich hier stört. Ich persönlich hätte meinen Aufnahmestandpunkt so gewählt, daß diese nicht im Bild gewesen wären.

Ansonsten Glückwunsch zu diesem, wie ich meine, durchaus gelungenem Schnappschuß!

5 Kommentare
  1. Oliver Bedford sagte:

    Hallo,

    herzlichen Dank für die tolle Kritik. Fühle mich richtig geschmeichelt!

    Es freut mich besonders, dass das was ich im Bild gesehen habe auch von anderen wahrgenommen wird.

    Den Tipp mit der Kontrasterhöhung werde ich zu Hause nochmal im RAW-Konverter durchspielen, da müsste zonenweises Arbeiten möglich sein (habe noch nicht alle Möglichkeiten der Software erprobt).

    Ich glaube damals vor Ort waren nicht viel andere Standorte möglich, kann das aber nicht beschwören. Die Ausrede zieht man ja im Nachhinein immer gerne. ;-)

    Viele Grüße,
    Oliver

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  2. Tilman sagte:

    Hallo,

    tolles Bild, Oliver. Der Beschnitt gefällt mir, der “Treppeneffekt” ist klasse. Der kommt bei der Überarbeitung von Sofie – danke auch für den interessanten Kommentar – noch besser heraus. Allerdings finde ich, dass die Säulen bei der Überarbeitung schon sehr dunkel werden, es gehen auch Details verloren, das Bild wirkt sehr „hart“. Vielleicht wäre es interessant, dieses Bild eher zonenweise zu bearbeiten.
    Kleine Anmerkung: 13.8 mm entspricht bei der G12 einer Brennweite von 63,34mm, da dürften eigentlich keine extremen Bildverzerrungen entstehen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      My bad. :) Der Kontrast ist Geschmackssache, das Wichtigere sind hier die Sträucher.

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