Leserfoto – „Into the Light“: Zu viel „Schliff“

Gute Fotos benötigen nicht viel „Schliff“.

(c) Mario Franke

 

Hallo, ich heisse Mario, lebe in Belgien und habe seit 2 Jahren die Leidenschaft zur Fotografie gefunden. Dieses Foto habe ich an einem verregneten Nachmittag geschossen mit der Tochter eines Freundes. Das Wohnzimmer wurde als Studio genutzt und 2 Softboxen haben mich beim Licht unterstützt. Ich bekomme immer positives Feedback von Familie und Freunde aber im Feedback sehe ich keinen Fortschritt,denn schön, toll und super sagt mir nicht ob ich knipse oder ob langsam etwas Qualität im Bezug auf meinen Fotos gibt.
Ich finde das Spiel mit Licht sehr interessant und durch die Haare bekommt das Bild für mich noch etwas mehr Dramatik. Das Spiel mit den Haaren ist zufällig gewollt.
Sorry für mein deutsch!
es wäre schön wenn ich mal eine professionelle Meinung bekommen könnte damit ich Fehler die ich als richtig sehe, abstellen kann und kleinen Schritt zu besseren Fotos nach vorn gehe.
Ich sage schon mal vielen Dank, und wünsche euch noch viel Erfolg und viele schöne Stunden mit tollen Fotos!

Groetjes uit Belgie, Mario

Im Geiste vollkommener Offenheit: ich bin ein Fan von Schwarzweißfotografie, und was Nachbearbeitung angeht eher ein Purist. Was notwendig ist, wie auch was zuviel wird, entscheidest am Ende Du als Fotograf. Jedenfalls halte ich mich schon seit Jahren an die Weisheit, daß Effekte und dergleichen ein schlechtes Foto nicht gut, ein durchschnittliches nicht herausragend, und ein gutes nicht noch besser machen.

Du hast hier das Porträt einer jungen Frau eingereicht. Sie schaut offen in die Kamera, Haare im Gesicht, den Mund leicht geöffnet. Ihre Augen scheinen leicht zusammengezogen, und sie hält ihren Kopf und Oberkörper leicht nach links hinten abgewandt. Du hast sie rechts im Bild platziert, vertikal perfekt im Goldenen Schnitt. Wie Du Dein Modell in Szene gesetzt und dann abgelichtet hast verrät, daß Du Dir gezielt Gedanken gemacht hast; von „knipsen“ würde ich also hier ganz und garnicht reden. Du hast einen künstlerischen Standpunkt, Du verwirklichst hier eine Vision.

(Kunst-)Fotografen durchlaufen eine natürliche Entwicklung in ihrem Schaffen, egal, wie sie zur Fotografie gekommen sind. Man ist anfangs sehr experimentell, will sein Handwerk beherrschen lernen. Man probiert alle möglichen Genres aus, spielt mit unterschiedlichen Kameras und so weiter. Wenn man sich sicherer fühlt, fängt man an, das im Experimentieren gelernte gezielter einzusetzen. Es ist jetzt nicht mehr Zufall, wenn bestimmte Ergebnisse erzielt werden, und man fängt an, durch und mit seinen Werken Geschichten zu erzählen. Letztlich nimmt man die Erfahrungen der ersten Sturm und Drang Zeit und verbindet sie mit Dingen/Motiven, die einen als Fotografen interessieren, und die man daher näher erforschen möchte. Die meisten von uns wechseln zwischen allen drei Phasen während ihres künstlerischen Schaffens.

Anfangs fotografiert man also alles und jedes/n. Viele von uns haben immer eine Kamera dabei und verlassen diese Phase irgendwie nie. Wenn man allerdings über das Dokumentieren von Urlaubsreisen hinaus möchte, fängt man an, andere zu studieren, und man arbeitet eher in Kategorien als Konzepten, aber dennoch in Serie. An diesem Punkt scheinst Du zu sein.

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Gute Porträts sagen etwas über den Abgebildeten aus, aber auch über den, der abgebildet hat. Ein guter Porträtfotograf versteht es, sein Modell nicht nur dahin zu bringen, wo es „losläßt“, sondern auch darüber hinaus dazu, etwas von sich preiszugeben – und so entstehen oft die besten Porträts, die ich schieße, am Ende eines Shootings. Die junge Frau hier schaut schon fast herausfordernd in die Kamera. Es gefällt mir insgesamt, wie Du sie angeordnet hast: Du hast sie rechts gelassen, wo viele sie nach links bewegt hätten. Daß sie die Augen leicht zusammenzuziehen scheint, ist eigentlich ein Mangel, aber es ist so geringfügig, daß ich nicht weiter darauf herumhacken will.

Worauf ich mich vielmehr konzentrieren möchte, ist, was Du NACH dem Shooting mit dem Bild gemacht hast. Deine Nikon D7100 (Affiliate-Link) ist eine Kamera mit einem 1,3 Formatfaktor. Das heißt, die verwendete Brennweite von 55 mm wirkt wie 82 mm im 35mm Vollformat. Bei einer Blende von f/5.7 hast Du eine Schärfentiefe, die gering genug ist, um alles ab den Schläfen weich verschwimmen zu lassen. Mein Lieblingsobjektiv für Porträtfotografie war auf meiner alten Canon immer das mit 50mm Festbrennweite, das bei f/4 – f/5.6 sehr gute Bilder abgeliefert hat. Ich bin mir sicher, die Aufnahme war schon vor der Bearbeitung gut, es fehlten nur noch ein paar Handgriffe. Bis Du in Deinem Nachbearbeitungsprogramm – ich sehe Photoscape in den Exif-Daten – so richtig losgelegt hast. Das kontrastreiche Schwarzweiß gefällt mir sehr gut, aber zusätzlich zu der nachträglichen Unschärfe hast Du eine extreme schwarze Vignette eingefügt. Das kann man als Geschmackssache diskutieren, aber meines Erachtens hat das Bild das nicht nötig.

Meine Vermutung ist, daß Dir der Hintergrund, in dem Dein Wohnzimmer teilweise zu sehen war, nicht gefallen hat – also hast Du ihn „ausradiert“. Das ist nur eine Vermutung, wie gesagt, aber man hätte ohne weitere Mühe bereits bei der Aufnahme ein paar Dinge einbringen können, die diese für mich extreme Nachbearbeitung unnötig gemacht hätten.

Erstens einmal braucht man keine sündhaft teuren Profirequisiten. Man man sich aus Leintüchern sehr einfach seine eigenen Fotohintergründe basteln. Und wenn man marmorierte Effekte haben möchte oder ähnliches, läßt sich das mit Stofffarbe sehr gut lösen. Wenn Du also in Deinem Wohnzimmer fotografierst, hängst Du einfach einen Hintergrund Deiner Wahl auf, und Deine Wohnung wird zum Profistudio; Softboxen hast Du ja bereits, und weißt sie offensichtlich auch einzusetzen. Fenster und ähnliches kann man verhängen. Du hast vollkommene Kontrolle über die Lichtverhältnisse und den Raum, mit denen Du arbeitest – das muß nicht alles hinterher eingefügt werden. Und diese Gedanken solltest Du Dir VOR der Aufnahme machen: was alles ist im Hintergrund zu sehen? Möchte ich das Bild so aufnehmen? Der Sucher ist Deine Leinwand.

Was die nachträgliche Unschärfe angeht, bin ich mir nicht ganz sicher, warum Du zu diesem Stilmittel gegriffen hast. Bei einem minimalistischen Porträt wie diesem konzentriert man sich schon automatisch auf die Augen, wenn es richtig fotografiert ist – man muß es nicht noch per Effekt gezeigt bekommen, wo man hinzuschauen hat. Mich würde das Original interessieren, um noch andere Bearbeitungsvorschläge zu machen. Jedenfalls hätte das Bild eine Menge weniger „Schliff“ benötigt, als Du ihm gegeben hast.

 

3 Kommentare
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Ja, manchmal küsst einen eben die Muse. ;) Mir würde es, wie im Beitrag erwähnt, ohne die Bea auch gefallen.

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  1. […] von den Punkten, die bereits in der ersten Besprechung zu „Into the Light“ aufgelistet wurden, war ich der Meinung, daß es mir dieses Bild ermöglicht, einen Bezug […]

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