Leserfoto – Beelitzer Heilstätten: Auf halben Wege stehen geblieben

Bilder kommen selten perfekt aus der Kamera, und deshalb erspart ein attraktives Motiv allein effektive Nachbearbeitung grundsätzlich nicht. Zu einem guten Foto gehört mehr.

(c) Tobias Scheck

Das Bild wurde wärend einer Fototour in den Ruinen der Beelitzer Heilstätten aufgenommen.
Was mich an dem Bild fesselt, sind zum einen die, wenn auch schwach zu erkennen, knalligen Farben
und zum anderen das Ungewisse, was einen hinter der Tür erwarten könnte. Mein Ziel war es
genau diese Ungewissheit einzufangen und im Bild festzuhalten.

Verlassene Gebäude üben auf uns einen Zauber aus, dem wir uns nur schwer entziehen können. Hier kann man Geschichte fühlen und sehen, und der langsam fortschreitende Verfall und etwa zurückgelassene Artefakte bieten sich als Motive regelrecht an. Viele auf „UrbEx“ („urban exploration“) spezialisierte Fotografen nehmen für Aufnahmen sogar in Kauf, wegen unerlaubten Betretens verhaftet zu werden und ein Bußgeld zu kassieren. Orte und Zugang zu ihnen werden oft als „Betriebsgeheimnis“ gehütet.

Die Beelitzer Heilstätten stehen seit einiger Zeit leer, und in vergleichbaren Gebäuden in den USA werden dann „haunted tours“ (zu deutsch: Geisterführungen) angeboten, denn irgendjemand ist irgendwann einmal entweder gestorben, hätte sterben können, oder es wird bunt erfunden. Insbesondere zu Halloween sind solche Ausflüge sehr beliebt.

Hätte ich nicht aus der Beschreibung ersehen können, wo die Aufnahme entstanden ist, wäre ich nicht auf Beelitz gekommen – unter anderem, weil ich dort noch nicht war, und weil es der Aufnahme nach eine x-beliebige Tür in einem x-beliebigen verfallenen Gebäude sein könnte. Ich will also erst einmal aus dem ersten Eindruck heraus auf das Foto eingehen.

Zu sehen ist eine alte Tür in einem alten Gebäude. Die Farbe blättert überall ab, es liegt Mörtel und anderer Schutt auf dem Boden. Die Tür steht teilweise offen und gibt einen dunklen Gang oder Raum dahinter frei. Zu sehen ist ansonsten nichts. Die Tür ist im Bild vollkommen mittig angeordnet. Die Szene strahlt eine gewisse Ruhe aus, so wie beispielsweise ein verlassener Friedhof ruhig wäre, und man fragt sich unwillkürlich, was hier wohl einmal existiert hat, warum das Gebäude verlassen wurde und so weiter. Man wird neugierig, was wohl hinter der Tür liegt. Viel mehr frage ich mich allerdings als Betrachter nicht, denn es gibt sonst nichts, was mich zum Denken anregen würde, oder was mich dazu bewegen würde, länger auf dieser Aufnahme zu verweilen. Das liegt an mehreren Aspekten Deines Fotos, auf die ich im folgenden eingehen möchte.

Was mir gefällt ist die Schlichtheit des Motivs. Einfache Kompositionen sind grundsätzlich die besseren, und reduzierter geht es hier fast nicht mehr, es sei denn, man konzentriert sich nur auf die Strukturen in der Wand und fotografiert ein Abstrakt. Darin liegt aber auch die Herausforderung an Dich als Fotografen. Gerade WEIL die Aufnahme so stark reduziert ist, muß wirklich alles stimmen – es sollte dem Betrachter etwas geboten werden, was ihn sich an das Bild erinnern läßt.

Hier lebt die Szene gerade von der abblätternden Farbe, dem kaputten Putz, und den Mustern und Flächen, die so entstehen. Von den knalligen Farben, die Du erwähnst, kann man hier in der Tat nur recht schwach etwas erkennen. Durch die Blässe und den mangelnden Kontrast kommen auch die abblätternden Flächen nicht optimal zur Geltung. Will sagen: ein gutes Motiv allein macht noch kein gutes Foto, denn Aufnahmen kommen selten perfekt aus der Kamera. Nachbearbeitung verleiht einem Foto den letzten Schliff, und Du bist auf halben Wege stehen geblieben. Ich vermute, Du hast das Bild eingestellt, ohne (wirklich) nachzukorrigieren, obwohl das hier sehr einfach gewesen wäre: den Kontrast erhöhen, die Farbsättigung ebenfalls, und unter Umständen eine leichte Vignettierung um die Tür herum. Das hätte dann beispielsweise so ausgesehen:

Vergleich mit/ohne Farb-/Kontrastkorrektur

Wieviel Du nachlegst, bleibt Dir überlassen. Im obigen Fall habe ich stark gedreht, damit der Unterschied mehr heraussticht.

Weiterhin wirkt das Bild durch die vollkommen mittige Anordnung der Tür statisch (siehe blaue Linie im Vergleichsfoto):

Goldener Schnitt

Man kann diesen Regelbruch absichtlich einsetzen (in diesen Fällen macht das Bild nur so, wie es komponiert wurde, Sinn), doch hier verleiht ein Beschnitt rechts dem Foto eine bessere Gewichtung, die Tür rückt automatisch in den Goldenen Schnitt (siehe Vergleichsbild):

Foto mit Beschnitt rechtsFoto beschnitten

Ich würde also persönlich mir die Aufnahme nochmals vornehmen und ihr den letzten Schliff verleihen.

7 Kommentare
  1. RalPh sagte:

    Zunächst: Was ich so schreibe, ist nicht verletztend gemeint. Ich schreibe nur gerne geradeaus, weil political correctness bei Kritik einfach nicht weiterhilft.

    Erster Gedanke spontan bei Anblick des Bildes: „Ne“. Und zwar aus folgenden Gründen: Der Bildaufbau ist langweilig, da symmetrisch. Wobei ich gar nichts gegen Symmetrie habe, denn der allgegenwärtige goldene Schnitt wird auch mal langweilig; da wirkt ja Symmetrie geradezu frisch. Der leere Raum links und rechts der Tür erfüllt hier allerdings keinerlei Zweck. Das Licht ist „unauffällig“, wie ein Arzt schreiben würde. Es fehlt dem Bild jede Aussage, weswegen der Ersteller sie ja auch gleich schriftlich mitliefert. Wenn es um die Ungewissheit geht, dann muss diese bildlich herausgearbeitet werden, nicht schriftlich. Eine halb offene Tür sieht man jeden Tag x mal und erinnert sich nicht mal dran; obendrein ist es hier geradezu DIE Standardperspektive aus Augenhöhe. Wenn es um das Dahinter geht, dann sollte man auch andeuten, dass dahinter etwas Bestimmtes ist bzw. sein könnte; Prinzip Horrorfilm: Man weiß, dass dahinter ein Monster oder ein Geist sein könnte und freut sich schaudernd geradezu drauf. Warum? Weil man weiß, dass es ein Horrorfilm ist. Hier ergibt sich aus dem Bild kein solcher Kontext, der etwas Interessantes hinter der Tür erwarten ließe. Man kann das einfach nicht völlig dem Betrachter überlassen oder per mitgelieferter Wunschinterpretation aufdrücken, denn sonst könnte man auch eine weiße Wand knipsen und sagen, dass das Unbestimmtheit darstellen soll. Oder Yoghurt ohne Früchte bei extrem starkem Nebel. Dem Verfall fehlt hier der Charme; nicht jede verrottete Bude hat ihn automatisch.

    Aus meiner Sicht könnte man aus dieser Szene am ehesten eine Abstraktion machen, indem man zB die Kameraposition so erhöht, dass die Oberkante der halb geöffneten Tür mit der Oberkante des Türrahmens optisch abschließt, den Bildausschnitt verkleinert, und auf die Linien im Motiv eingeht.

    Noch mal: Es geht nicht um verletzende Bewertungen, aber hier sieht man doch eines sehr deutlich: Der Fotograf hat etwas Bestimmtes im Sinn, das aber einfach nicht rüberkommt. Und woher soll der Fotograf das wissen, wenn man ihm nicht genau das sagt?

    Bei vom Ersteller mitgelieferten Wunschinterpretationen des Bildes bin ich automatisch skeptisch, denn er gibt damit vor, was der Betrachter denken soll und versucht dem Bild vorab eine Bedeutung zu verpassen, die das Bild allein offensichtlich nicht hat. Ein Bild sollte für sich selbst sprechen können. Die berüchtigte Frage aus dem Deutschunterricht in der Schule „Was wollte uns der Autor damit sagen?“ sollte vom Leser beantwortet werden können, nicht vom Autor.

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  2. Erica di Motta sagte:

    Hallo,
    ich suche am Motiv die Ungewissheit, „was ist dahinter“. Diese Frage kann man verstärken, indem man:

    diese Tür mehr geöffnet und wie bei einem Bokeh den Raum (gespenstisch) dahinter verschwommen mit einbezieht in das Foto.
    Für mich spielt sich dieses Foto auf einer Ebene, im selben Raum ab, dadurch wird es flach. Diese Tür mehr geöffnet würde die Gelegenheit bieten, Fragen zu stellen und einen Weg vom Vordergrund in einen Bildhintergrund zu führen.
    Vielleicht hilft diese kleine Beschreibung ein wenig. Allzeit gut Licht.

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  3. Andy sagte:

    Ich bin nicht der große Kommentarschreiber, allerdings fühle ich mich von dieser Bildbesprechung doch dazu animiert meine Meinung einmal Kund zu tun.
    Das liegt vor allem in der sehr unterschiedlichen Qualität die ich immer wieder in den Bildbesprechungen hier sehe. Leider gibt es doch von Autor zu Autor sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Versucht der eine Autor auch auf den Fotografen wirklich einzugehen, wird bei anderen lediglich die eigene Meinung (und dazu noch in einer sehr sehr Oberlehrer- und rechthaberischen Weise) plump aufgeschrieben.
    Gut zu sehen im diskutierten Bild. Nachbearbeitung ist sicherlich ein großes Feld der Fotografie, allerdings sollte man die Realität nicht zu sehr verbiegen. In einem seit Jahrzehnten leerstehenden Gebäude die Farben knalliger Rausarbeiten? Kann man machen, aber ist es dann nicht auch irgendwie am Bild vorbei? Die Farben sind eben nicht mehr knackig in Beelitz (abgesehen von den Fliesen). Ich glaube auch das sollte eingefangen werden und eine Stimmung vermitteln.
    Ebenso finde ich den eigentlichen Schnitt des Bildes gelungen. Die Weite im Bild sowohl rechts als auch links der Tür lässt den Betrachter des Bildes (wie ja auch angesprochen) irgendwie hilflos im Bild suchen. Genau so ist es in Beelitz. Ständig sucht und grübelt man nach der Geschicht des Ortes. Oder Möglichkeiten was hätte sein können.
    Leider scheint mir das Bild sehr oberflächlich und mit einer zu strikten Ausrichtung auf Einhaltung der „gängigen Regeln“ betrachtet worden zu sein. Da kann ich mich zwar auch irren, aber wie bei der Tatsache das mir das Ausgangsbild besser gefällt, bleibe ich hier einfach mal bei meiner Meinung!

    Viele Grüße Andy

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Ja, der Stil ist sehr unterschiedlich, wer sich jetzt auch immer von „plump“ und „rechthaberisch“ angesprochen fühlen soll. Als ich vor Jahren angefangen habe, hier mitzuschreiben, hieß es, sich ein oder zwei Dinge herauszupicken. Wir hatten schon anderweitig die Diskussion, meistens sind es Komposition und Nachbearbeitung. Du hast ein paar gute Punkte angesprochen; ich würde aber wetten, wenn ich Dir das überarbeitete Bild ohne Hintergrundwissen zeigen würde, wäre Dir der Unterschied nicht aufgefallen, ob Beelitz nun blaß ist, oder nicht. Vor Jahren habe ich hier einen Shitstorm ausgelöst, weil ich schrieb, Streetfotos sollten nicht verändert werden. Die „Realität“, die der Fotograf dem Betrachter bietet, ist die der Überarbeitung, wie sehr diese auch immer stattgefunden hat. Das ist seine persönliche Entscheidung.

    • Andy sagte:

      Nunja, einen Shitstorm ist die Besprechung nun wahrlich nicht wert! ;-)
      Es ist auch mit Sicherheit richtig, sich einige Aspekte heraus zu picken. Man möchte ja auch mit dem Lesen einer Besprechung nicht Stunden beschäftigt sein. Nur schien mir hier irgendwie die Stimmung im Bild kaputt zu gehen bei der Überarbeitung. Das ganze Bild etwas arg „abgewatscht“ zu werden. Einige Punkte dir mir speziell gefallen, als „falsch“ oder unvollständig (wie der Titel impliziert) dargestellt werden – was immer wieder vorkommen wird.
      Und wie ganz richtig angesprochen, ist es die persönliche Entscheidung des Fotografen, welche „Realität“ er bietet. Nur kam eben genau das in der Besprechung nicht rüber. Es wurde eben rein in die „das hätte man besser machen können“-Ecke gedrückt. Kein Auseinandersetzen damit, was der Fotograf evtl. hätte erreichen wollen. Abseits der eigenen Vorstellungen.
      Ich will keineswegs nur meckern. Ich lese die Besprechungen regelmäßig und gern. Und evtl. bringt eine solche Diskussion über die Kommentare uns auch alle ein Schrittchen weiter.

      VG Andy

    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Du sagst es selbst – einige Punkte, die DIR speziell gefallen. Ich hatte auch schon Portfoliobesprechungen von Fotoserien, die ich persönlich für das beste hielt, was ich je fotografiert hatte (bis dahin), um dann von jemand anderem zu hören, was alles mit ihnen nicht stimmte.

      Tobias schrieb, „Was mich an dem Bild fesselt, sind zum einen die, wenn auch schwach zu erkennen, knalligen Farben
      und zum anderen das Ungewisse, was einen hinter der Tür erwarten könnte. Mein Ziel war es genau diese Ungewissheit einzufangen und im Bild festzuhalten.“

      Genau damit setze ich mich auseinander. Die „knalligen Farben“, von denen er spricht, sind nicht zu sehen. Und die Ungewißheit ist zwar da, regt mich persönlich aber nicht genug zum Nachdenken an. Wenn es das für Dich tut, umso besser.

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  1. […] den Exif-Daten hast Du in den berüchtigen Beelitzer Heilstätten eine Lange Belichtungszeit von einer Zwanzigstel Sekunde angewandt, was die Aussenwelt deutlich […]

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